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Heinz Durner aus Oberbiberg tritt als Pädagoge und Christ für seine Überzeugungen ein.
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Kleinod: St. Bonifaz in München ist nicht nur zentral und schön gelegen, sondern bietet auch einen interessanten Gottesdienst.

Viele Kilometer bis zur Kirche

Der Gottesdienst-Pendler

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Sonntags besucht Heinz Durner den Gottesdienst. Dafür fährt der Oberbiberger (Gemeinde Oberhaching) auch schon mal ein paar Kilometer weiter. Im Kloster St. Bonifaz in München tanken er und seine Frau Hildegard am Sonntagabend um 19 Uhr regelmäßig auf.

Oberbiberg – Für Heinz Durner  wird die Messe zur Kraftquelle. Wie Stress und Sorgen von ihm abfallen, berichtet der 78-Jährige im Interview.

Gehen Sie wegen der Predigt in die Kirche?

Man soll ja wegen des Herrgotts in die Kirche gehen, nicht wegen des Pfarrers. Und trotzdem ist es wichtig, dass einen der Gottesdienst anspricht. Und deswegen ist das Pendeln für mich sehr wichtig.

Was schätzen Sie an den Gottesdiensten in St. Bonifaz?

Die Art und Weise, wie dort christliche Botschaft vermittelt wird, überzeugt. Odilo Lechner, der inzwischen verstobene Abt von St. Bonifaz, hatte christliche Glaubensinhalte verinnerlicht. Da merkte man: Er sagt das nicht nur, sondern lebt das auch. Das hat ausgestrahlt. Und dann sprach uns auch die Art an, wie er den Gottesdienst gestaltete: Er hat Menschen aus der Gemeinde eingebunden, zum Beispiel Laien predigen lassen, was damals noch erlaubt war. Heute sind meine Frau und ich von seinem Nachfolger Abt Johannes Eckert ebenso angetan. Ich weiß, dass viele Menschen, jung und alt, aus der Region dorthin zum Gottesdienst kommen, um aufzutanken.

Wie meinen Sie das? Wie erleben Sie die Messe?

Wir haben das Gefühl, es passiert etwas mit uns, wenn wir eine Stunde im Gottesdienst sitzen. Wir nehmen dort viel Kraft mit für die Woche. Man steht unter Druck, ist unruhig, wälzt Sorgen, weiß nicht, wie dies oder das weitergehen soll. Im Gottesdienst wird man ruhig. Meine Frau und ich sagen manchmal: Komm, lass uns das Problem an den Herrgott abgeben. Das sind natürlich ganz individuelle Erfahrungen. Erzählt man das einem Menschen, der nicht glaubt, lächelt der darüber. Das kann man nur persönlich erfahren.

Haben Sie ein Beispiel, eine Situation, in der Sie ein Problem abgegeben haben?

Die Jahre waren für mich in meinem Beruf von vielen Höhen und Tiefen begleitet. In meiner Zeit als Schulleiter am Gymnasium Unterhaching ist ein Schüler verunglückt. Das war an einem Freitag um 14 Uhr. Ich musste an dem Wochenende zwei große Artikel für die Zeitschrift des Philologenverbands schreiben. Doch das schreckliche Unglück durchkreuzte die Planung. Am Samstag war die Schule voll, die Schüler hatten einen Altar aufgebaut. Am Sonntag rief mich der Vater des verunglückten Jungen an, er hatte sich mit dem Pfarrer besprochen und bat mich, die Trauerrede zu halten. Ich sagte zu. Dann war ich ratlos, ich wusste nicht mehr, wie das alles gehen sollte und sagte: Lieber Gott, wenn du mir helfen kannst, hilf mir. Die Woche ist dann gut gelaufen.

Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie zum Gottesdienst-Pendler wurden?

Seit 46 Jahren leben meine Frau und ich in Oberbiberg. Unserer Pfarrgemeinde sind wir sehr verbunden, ich habe einen Kirchenchor gegründet, war Pfarrgemeinderat und in der Jugendarbeit aktiv. 1990, als unsere Kinder dann aus dem Haus waren, habe ich eine Möglichkeit gesucht, mich mit geistlichen Inhalten bereichern zu lassen. So bin ich zu Abt Odilo Lechner nach St. Bonifaz gekommen. Ich habe ihn dann 17 Jahre lang jedes Jahr ans Gymnasium Unterhaching eingeladen, wo er mit den Schülern diskutiert hat.

Pendeln Sie jeden Sonntagabend nach München?

Wir gehen alle zwei bis drei Wochen nach St. Bonifaz. Natürlich besuchen wir auch weiterhin die Gottesdienste in unserer Pfarrgemeinde Mariä Geburt mit dem von mir sehr geschätzten Pfarrer Schlissnikel. Wir wollen das christliche Leben in Oberbiberg ja weiter mittragen. Außerdem besuchen wir Gottesdienste der evangelischen Kirchengemeinde in Oberhaching. Meine Frau ist evangelisch. Die Gemeinde hat das Glück gehabt, dass sie zweimal ganz tolle Pfarrerlösungen hatte. Erst Pfarrer Jochen Bernhardt und jetzt die Pfarrerfamilie Schaller-Geiger, bei der man auch den Eindruck hat, dass sie überzeugen.

Bereiten Ihnen die leeren Kirchen Sorgen?

Die Entchristianisierung bereitet mir Kummer. Ein Beispiel aus Oberhaching: Am Karfreitag ist für die Protestanten der höchste Feiertag, für die Katholiken ein Tag der Stille. Unsere Burschen luden mit Begeisterung und voller Aktivität über Facebook zum Steckerlfischessen bei der Maibaumwacht ein. Etwa 400 Personen feierten. Wundern wir uns da noch, dass die Moslems verächtlich auf unsere Wohlstandskultur schauen? Ich kann mir vorstellen, dass ein Großteil der Besucher gar nicht mehr weiß, was Karfreitag eigentlich soll. Wir glauben, unsere Tradition beim Maibaumaufstellen und so weiter zu bewahren. Aber unsere prägendste und wichtigste Tradition, der christliche Glaube, gerät immer mehr in Vergessenheit. Was bleibt denn als Sinn übrig, wenn man sich nur an die materialistische Welt hält?

Wie können Sie als Mathematiker und Physiker an Gott als Schöpfer glauben?

Ich war neulich mit meinen Kindern und Enkeln in der Supernova der Europäischen Südsternwarte. Da wird einem erneut die Unendlichkeit, aber auch die Einzigartigkeit der Erde sehr deutlich bewusst. Wären wir einen Kilometer näher oder weiter entfernt zur Sonne, gäbe es uns nicht. Hätte die Erde nicht die richtige Masse und Rotation, wäre kein Leben auf der Erde möglich, und gäbe es den Jupiter nicht, der uns vor Asteroideneinschlägen schützt, wäre unser Planet längst zerstört. Ist das alles ein Zufall, oder gibt es doch einen Schöpfergeist? Beweisen kann ich es nicht. Aber wenn man begreift, was alles zusammenpassen muss, damit Leben möglich ist, kommt Albert Einstein zum Tragen, der sagte: Nicht Gott ist relativ, sondern das Denken des Menschen.

Interview: Charlotte Borst

„Kirche im Wandel“

heißt die Serie, in der der Münchner Merkur in loser Reihenfolge beleuchtet, wie sich Kirche und Glaube im Landkreis München verändern. In der nächsten Folge besuchen wir die evangelische Pfarrerin von Oberschleißheim, die sich trotz manchmal fast leerer Kirchenbänke nicht den Glauben an die Kraft der christlichen Botschaft nehmen lässt.

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