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Das Impfzentrum Oberhaching schließt

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Von: Laura May

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Zehn Monate Logistik auf Höchstniveau meisterten die Leiter des Impfzentrums, Stefan Füger (dunkle Jacke) und Markus Bauer (rote Jacke) inklusive Impfstoffmassen und Dachstuhlbrand – jetzt ist es dann vorbei. © lm, Thomas Gaulke, privat

Zehn Monate Impfen auf Hochtouren - die Leiter der Impfzentrums blicken zurück auf tausende Impfungen, einen Dachstuhlbrand und viel Dankbarkeit.

Oberhaching – Das umfunktionierte Bürogebäude am Oberhachinger Keltenring 16 erzählt die turbulente Geschichte des Impfzentrums: Aufbau innerhalb weniger Tage, zehn Monate Betrieb, über 80 000 Impfungen, 283 000 Seiten ausgedrucktes Papier, 135 450 angenommene Telefonate, ein Dachstuhlbrand, zwei Umzüge. Am 28. Oktober schließt nun das Impfzentrum in Oberhaching, wie schon die Stellen in Unterschleißheim und Planegg. Im Landkreis München wird nur noch das Impfzentrum Haar geöffnet bleiben.

„Es ist sicher eine unserer Stärken, Struktur ins Chaos zu bringen“, sagt Stefan Füger, Johanniter-Dienststellenleiter München-Land. Im Ausnahmezustand seien sie quasi Experten, bestätigt auch der Leiter des Bevölkerungsschutzes Markus Bauer. Die Zeit sei zwar anstrengend gewesen, aber „Chaos ist etwas anderes.“ Am 9. Dezember 2020 bekamen sie den Zuschlag für das Impfzentrum, am 15. Dezember waren sie einsatzbereit. „Wir haben den Auftrag kurz vor dem zweiten Lockdown bekommen – das war schon eine logistische Herausforderung“, erinnert sich Füger.

Berühmte Schauspieler werden zu Sanitätern

Die technische Infrastruktur für die Registrierung, Terminvereinbarung und Nachverfolgung wäre ohne ehrenamtliche IT-Experten nicht möglich gewesen. Viele helfende Hände haben nach ihren Vollzeitjobs noch bis spät in die Nacht herumgebastelt, um das Impfzentrum schnell auf die Beine zu stellen. „Zu Beginn war alles verschwommen – das erste Mal auf die Uhr geschaut haben wir ein paar Monate nach der Auftragserteilung“, sagt Bauer. Stefan Füger war hauptsächlich mit neuem Personal beschäftigt, das von heute auf morgen eingestellt werden musste. Auch an Sonntagabenden hat er noch Bewerbungsgespräche geführt. Insgesamt über 140. Eingestellt wurden dabei hauptsächlich Menschen, deren Tätigkeit durch die Corona-Einschränkungen weggefallen war: Schauspieler, Kellner, Flugbegleiter oder Leute aus der Veranstaltungsbranche. „Das war ein toller sozialer Nebeneffekt“, sagt Bevölkerungsschutzleiter Bauer, „dass man Menschen helfen konnte, diese schlimme Zeit zu überbrücken. In der Spitze hatten wir drei Schauspieler beschäftigt, die man aus dem Fernsehen kennt.“

3300 Stunden Gespräche im Call Center

Das Problem war jedoch, dass viele Branchen durch neue Verordnungen genauso schnell wieder öffneten, wie sie geschlossen wurden. Und so waren Mitarbeiter dann auch von heute auf morgen wieder weg. Neben Ärzten, Security und Assistenten war ein Haupteinsatzbereich auch das Call Center. Denn viele Menschen wählten die Nummer des Impfzentrums, wenn sie sich anmelden, informieren oder auch einfach nur beschweren wollten. 3300 Stunden Gesprächsdauer verbuchen die Telefonleitungen der Johanniter in Oberhaching bisher. „Das sind unsere unsichtbaren Helden“, sagt Bauer über die Mitarbeiter im Callenter. Nach jeder neuen Pressemitteilung hätten sie am Telefon den Frust der Menschen abbekommen. Zudem war im Mai bei einem Dachstuhlbrand am Kolpingring 16 das komplette Call Center einmal verbrannt. Nur ein Bild konnte gerettet werden.

„Den anfänglichen Impfneid möchte ich jedoch nicht beschönigen“

Nach einer Zwischenstation in der Sportschule zog das Impfzentrum dann in das leer stehende Bürogebäude am Keltenring. Ein weiteres Mal bewiesen die Johanniter, dass sie die Profis des Ausnahmezustandes sind: Nur fünfeinhalb Stunden Impfausfall hatten sie trotz des Brandes. Ihre positive Grundeinstellung hat die Truppe nie verloren. Es habe sogar richtig Spaß gemacht und beide sind etwas traurig, dass die Zeit nun endet. Denn auch wenn am Anfang bei Impfstoffknappheit und Angst menschlicher Egoismus zu Tage kam, hätten sie über die zehn Monate doch großteils Verständnis und Dankbarkeit erfahren. So hat ihnen eine am Vormittag geimpfte Dame am Nachmittag Kuchen vorbeigebracht, eine Schulklasse Bilder gemalt. „Den anfänglichen Impfneid möchte ich jedoch nicht beschönigen – das war schon sehr überraschend für uns“, sagt Bauer.

„Angst ist immer berechtigt“

Bestimmte Berufsgruppen, die Bauer nicht näher benennen möchte, hätten sich zur Zeit der Impfpriorisierung für etwas Besseres oder Wichtigeres gehalten. Provokateure habe es hingegen kaum gegeben. Die meisten Menschen hätten durchaus verstanden, dass die Helfer im Impfzentrum nichts mit der Politik zu tun haben. Man müsse sich für die Menschen Zeit nehmen, vor allem wenn sie sich nicht impfen lassen möchten, sagt der Sanitäter. „Angst ist immer berechtigt.“

Von Vertretern der Politik wünscht sich Bauer mehr Weitsicht und bessere Finanzierung des Katastrophenschutzes. Denn Viren und Bakterien werden auch in Zukunft ein Thema sein und könnten gefährlicher werden als Corona. Man müsse sich vorbeireiten. Momentan passiere das nicht. „Die Flutkatastrophe hat offenbar mehr wachgerüttelt als die Pandemie.“

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