Ein Arzt in Schutzkleidung nimmt einen Corona-Abstrich im Rachen bei einer Patientin.
+
Einen Abstrich machen lassen darf in Bayern jeder ohne begründeten Anlass. Viele lassen sich testen, um im Urlaub nicht in Quarantäne zu müssen.

Freiwillige Tests belasten Hausärzte enorm – zeitfressende Bürokratie

Coronatests: Ärzte schlagen Alarm: Darum werden sie dem Ansturm nicht mehr Herr

  • Uta Künkler
    vonUta Künkler
    schließen

Hausärzte schlagen Alarm: Seit sich jeder freiwillig auf Corona testen lassen darf, kommen sie kaum mehr hinterher. Das sind die Gründe.

  • Jeder Bayer darf sich ohne begründeten Verdacht kostenlos testen lassen.
  • Tests haben sich seit Juli verdreifacht. Sie belasten die Praxen enorm.
  • Allgemeinmediziner beklagen irrsinnige Bürokratie: „Ein Schnellschuss, der nicht tragbar ist.“

Landkreis München – Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen in der Höhenkirchner Arztpraxis von Dr. Walter Kratschmann. Der Allgemeinmediziner hat heute schon zehn Corona-Tests hinter sich, es ist gerade einmal 9.15 Uhr. „Das werden immer mehr“, sagt Kratschmann. Seit 1. Juli kann sich jeder in Bayern ohne begründeten Anlass kostenlos auf das Virus testen lassen. Wie sinnvoll das ist, dazu gehen die Meinungen nicht nur von Politikern auseinander. Auch die Ärzte im Landkreis bewerten die Offensive mit gemischten Gefühlen.

„Wir Hausärzte wollen gerne unsere Verantwortung wahrnehmen und unser Möglichstes tun“, sagt Dr. Oliver Abbushi, Allgemeinarzt in Deisenhofen und Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband, „aber die Coronatests beschäftigen uns schon sehr, die haben sich in den letzten Wochen locker verdreifacht. Das bedeutet eine deutliche Mehrarbeit im Praxisalltag“. Dabei sei die Honorierung absolut nicht kostendeckend für den Aufwand. Test-Kits und Laborkapazitäten immerhin seien noch nicht erschöpft.

Arzthelferin: „Die rennen einem die Bude ein!“

„Die rennen einem die Bude ein“, sagt auch Christine Schuhmann, Arzthelferin in der Praxis Dr. Maier und Dr. Neef in Vaterstetten. Gleiches erzählt Sabine Götzensberger, Arzthelferin bei der Garchinger Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin Dr. Roman Ludwig. „Der Abstrich ist zwar schnell gemacht“, erzählt sie, „aber der Papierkram macht es uns schwer. Das ist ein Wahnsinnsaufwand, dem werden wir nicht mehr Herr!“

Höhenkirchner Arzt: „Wer soll das bezahlen?“

Die Ärzte führen die kostenlosen so genannten Söder-Tests freiwillig durch. Sie dürfen jederzeit Patienten abweisen, die nur aus Interesse kommen, ohne Symptome oder begründeten Verdacht auf eine Infektion. „Wir haben alle möglichen Konstellationen“, erzählt Kratschmann, der pro Tag etwa 20 Tests durchführt. Jetzt, in der Feriensaison kämen Urlauber aus Risikogebieten und solche, die gerne wegfahren wollen, dafür aber einen aktuellen Test brauchen, um am Urlaubsort nicht in Quarantäne zu müssen. Und es kommen diejenigen, die einfach mal nachschauen lassen wollen, nur Interessehalber, erzählt Kratschmann. „Theoretisch dürfen Sie dreimal die Woche zu mir kommen und sich testen lassen“, sagt der Höhenkirchner Arzt und stellt die Frage, ob das so sinnvoll sei: „Wer soll das alles bezahlen?“

Dr. Walter Kratschmann testet in seiner Praxis pro Tag locker 20 Patienten.

Viele Tests seien grundsätzlich ein guter Gedanke, meint Abbushi. Insofern sei ein niederschwelliges Angebot schon sinnvoll. Nur müsse man auf der anderen Seite die Kapazitäten und die Kosten schon auch noch im Blick haben, kritisiert er. Künftig müsse man, so meint er, Einschränkungen machen

Das Ergebnis ist immer nur eine Momentaufnahme.

Bei Dr. Cornelia Karl-Schneider lassen hauptsächlich junge Leute den Abstrich machen, die meisten ohne Symptom. Das Problem: „Das Ergebnis ist nur eine Momentaufnahme, drei Tage später kann es schon ganz anders aussehen“, sagt die Unterschleißheimer Ärztin.

„Wir arbeiten mit klaren Prioritäten“, sagt Abbushi. Mehr als 50 Tests pro Woche will er seinen Mitarbeitern nicht zumuten. Als erstes bediene man diejenigen mit Symptomen, Rückkehrer aus gefährdeten Gebieten, Berufstätige in sensiblen Bereichen und von der Corona-Warn-App Alarmierte. Nur wenn dann noch Kapazitäten frei sind, kommen die Wunsch-Tester dran. Gerade Urlaubsplaner hätten es aber meist eilig. „Wenn wir die dann auf eine Woche später verweisen, haben sie meist kein Interesse mehr.“

„Da werden Versprechungen gemacht, ohne vorher mit den Leuten zu reden“, klagt Dr. Oliver Abbushi vom Bayerischen Hausärzteverband.

Nach der Urlaubssaison rollt die nächste Welle an Tests auf die Praxen zu: Lehrer und Erzieher im neuen Schuljahr.

Nach der Urlaubssaison sieht Abbushi schon die nächste Welle auf die Praxen zurollen. Es gebe bereits massive Anfragen von Personal aus Kitas und Schulen, die nach Ministeriumsauftrag alle in der ersten Schulwoche getestet werden sollen. „Ich bin gespannt, ob das zu stemmen ist. Da werden große Versprechungen gemacht, ohne vorher mit den Leuten zu reden, die das dann umsetzen sollen“, klagt Abbushi.

Bürokratie belastet Praxisalltag

Auch der Garchinger Allgemeinarzt Dr. Ludwig rügt: „Das war ein Schnellschuss, der nicht tragbar ist!“ Um die Tests überhaupt zu bewerkstelligen, müssten die Praxen von unnötiger Bürokratie entlastet werden, fordern die Mediziner. Derzeit werden die Tests auf fünf verschiedene Weisen abgerechnet. „Das ist im Praxisalltag lästig und zeitfressend“, schimpft Karl-Schneider aus Unterschleißheim. Und Abbushi erwartet: „Das müsste man doch mittlerweile glattziehen, besser organisieren können. Wir stehen ja schließlich nicht mehr am Anfang der Pandemie!“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Coronavirus im Landkreis München: Elf neue Infektionen übers Wochenende
Coronavirus im Landkreis München: Elf neue Infektionen übers Wochenende
Unbekannte Tote in Isarkanal entdeckt: Polizei bittet um Hinweise - Achtung, verstörende Fotos
Unbekannte Tote in Isarkanal entdeckt: Polizei bittet um Hinweise - Achtung, verstörende Fotos
Neffe fährt Onkel absichtlich mit Auto an: Opfer erleidet Wirbelbruch und Schädel-Hirn-Trauma
Neffe fährt Onkel absichtlich mit Auto an: Opfer erleidet Wirbelbruch und Schädel-Hirn-Trauma

Kommentare