Viel Zeit kann Florian Schelle jetzt mit seinen Pferden verbringen.
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Viel Zeit kann Florian Schelle jetzt mit seinen Pferden verbringen.

Kein Pferderitt am Zweiten Weihnachtsfeiertag

Heuer kein Stephaniritt - Pferdezüchter über das Sabbatjahr für die Kaltblüter

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Normalerweise hat Florian Schelle am Zweiten Weihnachtsfeiertag viel um die Ohren. Mit acht Rössern wäre er beim Stephaniritt dabei. Aber heuer ist alles anders, wie so vieles, das der Pferdezüchter bedauert.

Oberhaching – Der Stephaniritt am Zweiten Weihnachtstag fällt aus. Jedes Jahr umrunden bis zu 100 Pferde in dieser schönen Tradition dreimal die Kirche St. Stephan und empfangen den kirchlichen Segen. Mit acht Rössern wäre Pferdezüchter Florian Schelle (66) mit Familie ausgerückt, wie er gegenüber dem Münchner Merkur bedauernd erklärt. Auf dem Hof stehen derzeit 17 Kaltblüter und einen Ponyhengst namens Bob in den Boxen. Auch sie haben ein Jahr erlebt wie sonst noch nie. Denn normalerweise kommen sie auf viele Festumzüge mit.

Pferdezucht seit Generationen in der Familie

Die Pferdezucht wird auf dem Hof seit Generationen praktiziert. Die jungen Fohlen können sich hier den ganzen Sommer über auf der Koppel austoben – die ideale Aufzuchtform. Die einjährigen und zweijährigen Pferde werden im Herbst eingespannt und abgerichtet, damit sie zu Reiten und zum Fahren geeignet sind. Florian Schelle: „Das geschieht behutsam und Schritt und für Schritt. Ein Pferd ist schließlich auch nur ein Mensch.“ Im Herbst werden die Fohlen abgesetzt und verlassen die Mutterstuten. „Idealerweise zu Zweit oder zu Dritt, dann haben sie Spielkameraden und können untereinander raufen.“ Florian Schelle genießt den Anblick, wenn sie auf der Wiese herumfetzen und ihre Körperspannung und Kraft aufbauen. Ein Vater vieler Jungtiere ist der bald zwölf Jahre alte Salieri, der 2016 beim Zentrallandwirtschaftsfest zum Sieger gewählt wurde und ein Jahr drauf Bundessieger wurde.

Der fuchsbraune Hengst ist hocherfolgreich bei Ausstellungen und Schauen. Und er schafft es sogar ins Fernsehen. Der Bayerische Rundfunk hat über das Süddeutsche Kaltblut soeben eine Sequenz gedreht, die im Laufe des Frühjahrs bei „Bayern erleben ausgestrahlt werden soll. Und er dürfte auch drin wieder Bella Figura machen. Das schöne Tier stammt vom Haupt- und Landgestüt Schwaiganger. Florian Schelle: „Wir haben ihn vor acht Jahren bei der Nachkörung käuflich erworben.“ Er besaß bereits ein charaktervolles Auftreten und wurde auf dem Schelle-Hof speziell gefördert, sodass er sich im Laufe der Zeit offenbar eine besondere Ausstrahlung und Aura zulegen konnte. Die schöne Hals- und Oberlinie besaß er schon. Nebenbei sei er auch noch sehr brav, selbst beim Decken der Stuten sei er sehr einfühlsam“. Einfach ein Hengst, mit dem es Freude macht, zu arbeiten. Mit den Stuten ist der Schelle-Hof gerade nicht ganz so gut bestückt, weil in letzter Zeit hauptsächlich Hengste geboren wurden. Traurig auch: Leider verloren die Züchter heuer zwei gute Stuten durch Kolik und Verletzung.

Normalerweise viele Sonntage mit Festumzügen

Das Pferdejahr hat neben der Aufzucht und Paarung auch noch eine repräsentative Seite mit vielen Einsätzen bei Festumzügen. An Christi Himmelfahrt zum Beispiel hätte der Schelle-Hof ursprünglich zwölf Kutschen einspannen sollen. In einem gewöhnlichen Jahr. Heuer nicht. Der 66-jährige Pferdezüchter: „Uns geht das sehr ab, weil es unser Leben ist. Wir planen teilweise von Sonntag zu Sonntag mit einem Festumzug.“ Frühlingsfest, Oktoberfest, das Volksfest in Freising. Der Höhepunkt wird in der Regel mit Leonhardifahrt in Tölz Anfang November erreicht. Das ist es, was den Schelles am meisten am Herzen liegt. Zum Jahresabschluss dann der Stephaniritt und der Silvesterritt in Gelting.

In der Pandemie gibt es nun genug Zeit, sich auf andere Dinge zu konzentrieren und nachzudenken. Aber irgendwann hört man mit dem Nachdenken auch wieder auf, weil man schwermütig wird. Schelle sagt es unumwunden: „Es is a scheiß Zeit, auf guad Boarisch gsogt.“ Ihm werden die allermeisten zustimmen. Ein großer Trost ist für ihn, dass die Enkel auf dem Hof auf und hineinwachsen. Das macht manches wieder leichter.

Heuer hat Schelle Zeit am Zweiten Weihnachtstag.

Was er am Stephanitag macht, das will Pferdezüchter Florian Schelle nicht sagen. Vielleicht ein bisschen ausreiten? Der neue Geistliche im Pfarrverband Oberhaching, Emmeran Hilger, habe sich übrigens bewährt. Nicht nur beim Stephaniritt! Er sei ein guter Pfarrer, aufgeschlossen und jung, der auf die Leute zugehe. „Er ist für sie da. Die Aufgabe hat jeder Pfarrer, aber der eine kann es besser, der andere nicht so gut.“ Wenn man sich zum Beispiel den FC Bayern-Trainer Hansi Flick anschaue, der mit Empathie auf seine Spieler zugeht. „Das macht unser Pfarrer auch.“ 2021 dann hoffentlich auch wieder am Zweiten Weihnachtsfeiertag vor der Kirche.

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