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Zwei bekannte Gesichter: Die Schauspieler Leslie Malton und Felix von Manteuffel lesen Texte der Familie Mann. 

Eine wunderbare Kombination

Zwei bekannte Schauspieler lesen Texte der Familie Mann. Dazu spielt das Valentin Klavierquartett passende Stücke. Eine Kombination aus Literatur und Musik, die die Gäste im Oberhachinger „Forstner“ begeistert hat.

OberhachingIm elften Jahr seines Bestehens hat sich das Oberhachinger Festival für Kammermusik, kuratiert von der Pianistin Isabel Lhotzky und Eva Hofmann, der Leiterin des Kulturamts, auch offiziell zum „Festival für Kammermusik, Literatur und Weltmusik“ entwickelt. Eröffnet wurde das Wochenende voll schöner Veranstaltungen mit Texten der durchgehend textsicheren Familie Mann und dazu passenden Stücken unter anderem von Mendelssohn Bartholdy, Gustav Mahler, Robert Schumann, gespielt vom Valentin Klavierquartett.

Was eine wunderbare Kombination gewesen ist – schade eigentlich nur, dass die Oberhachinger den Abend, der ja sehr aufwendig vorzubereiten war, nicht noch einmal irgendwo anders aufführen.

Wie auch immer – am Schluss sah man sich bestätigt in der Vermutung, die ja jeder irgendwie hat: dass das Leben als Frau des großen Schriftstellers nicht ganz einfach gewesen ist; dass es erst recht nicht einfach gewesen ist, als dessen Kind und, vor allem, als einer seiner drei Söhne heranzuwachsen. Vielleicht hat das Familienleben besonders treffend Elisabeth zusammengefasst, die einmal schrieb: „Man hat sich nicht gehen lassen, das gab es überhaupt nicht.“ Nesthäkchen Michael konstatierte derweil: „Wir sind dort zuhause, wo der Schreibtisch steht!“ Da war die Familie bereits in Amerika. Eher überraschend: dass auch Katia, von Thomas in seinem Tagebuch nur K. genannt, jähzornig sein konnte.

Gelesen haben die ebenso klug wie kundig von Eva Hofmann Passagen aus Tagebüchern, Briefen, Büchern die Schauspieler Leslie Malton und Felix von Manteuffel.

Dabei konnte man nur staunen darüber, wie wirklich brillant alles sechs Kinder geschrieben haben. Die einzige, die ihre Erinnerungen nicht schriftlich festgehalten, sondern „nur“ erzählt hat, war die Mutter, die fand: „In dieser Familie muss es einen Menschen geben, der nicht schreibt.“ Was sie erlebt hatte 50 Jahre lang an der Seite des „Zauberers“, das brachten für sie später Erika und Golo zu Papier. Apropos „Zauberer“: Den Namen haben ihm die Kinder verpasst – und zwar nicht in Bezug auf seine Arbeit. Sondern weil sie wollten, dass er verkleidet mit ihnen zu einem Maskenball geht. Eben, als Zauberer.

Wie Katia – damals Pringsheim – sich mit dem Straßenbahnschaffner stritt, weil sie gleich aussteigen wollte und ihre Fahrkarte schon weggeworfen hatte, wie Thomas Mann sie dann umworben hat: Damit begann der Abend. „In meiner Jugend war ich, glaube ich, recht hübsch, das Traurige war, dass ich es nicht wusste“, berichtete sie später den Kindern. Damals war sie zarte 20, eigentlich wollte sie noch gar nicht heiraten. Er eroberte sie doch, nannte sie „meine wunderbare kleine Königin“, sie bemerkte: „Er schrieb mir sehr schöne Briefe – er konnte ja schreiben.“ Schließlich war Verlobung, Katia: „Da war ich dann schon 21.“

Das Leben mit den Kindern: für sie die Erfüllung, nur, um Familie zu gründen, habe sie überhaupt geheiratet, gab sie im hohen Alter zu Protokoll. Er notierte: „Jemand wie ich sollte keine Kinder kriegen“, dann: „Die Grenze des Lächerlichen ist, denke ich, erreicht“ (nach dem vierten Kind), schließlich: „Zwischen fünf und sechs Kindern ist kein großer Unterschied.“ Wirklich erfasst hat er, was Vaterschaft bedeutet, anscheinend erst bei Elisabeth, der dritten Tochter, dem fünften Kind. Die Mädchen waren ihm letztlich näher, obwohl er generell fand, dass Frauen nur „gute zweite Klasse“ und Söhne potenziell „poesievoller“ sind.

Am genauesten hat ihn, wie es scheint, Monika beobachtet. Die beschrieb, wie er sich die Stirn tupft mit dem in Veilchenwasser getränkten Taschentuch, die wohl am tiefsten das „heimliche Ringen der Künstlerseele“ spürte. Die anderen nahmen das Familienoberhaupt höchst unterschiedlich wahr. Golo schrieb: „Das Monstrum hatte auch sehr nette Seiten“ – und bilanzierte: „Hatten wir eine freie Kindheit oder eine unterdrückte? Teils, teils.“ Elisabeth meinte: „Ich fand ihn eigentlich nie kalt.“ Aber auch sie, vielleicht sein Liebling überhaupt, berichtete, die einzige Gelegenheit, bei der sie sich mit dem übergroßen Vater „von gleich zu gleich“ unterhalten hat, sei sein 70. Geburtstag gewesen. Als sie schon leicht angetrunken war.

Dabei machte sich Thomas Mann gar nicht erst die Mühe, alle Kinder gleich zu behandeln. Einmal gab er Erika diese eine Feige, die übrig geblieben war vom Essen, es war im Ersten Weltkrieg, alle hatten Hunger. „Man soll Kinder früh an Ungerechtigkeit gewöhnen“, meinte er dazu lapidar. Und dem armen Michael, der sich so sehr gruselte vor dem Anblick des ans Kreuz geschlagenen Jesus – dem nagelte er erbarmungslos ein Kruzifix ans Kopfende des Bettes. „Das war dann doch ein bisschen schauerlich“, notierte Elisabeth sinngemäß.

Am Ende? Schrieb er mit noch 75 ins Tagebuch, für ein Lächeln des schönen Kellners Franz würde er den ganzen Weltruhm hergeben. Da hatte er seine Frau schon lange nicht mehr angerührt. Michael schrieb: „Was sind wir doch für eine sonderbare Familie. Man wird Bücher über uns schreiben.“

andrea Kästle

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