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Der Ärger um den Kapellensteig über der M11 in Oberhaching geht weiter.

Droht der Abriss?

Kapellensteig-Posse: Stahlbauer wehrt sich

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Oberhaching - Eine Brücke, jede Menge Ärger: Der Streit um den Kapellensteig in Oberhaching geht in die x-te Runde. Monatelang galt der Stahlbauer als der Sündenbock für die Verzögerung. Getrieben von Insolvenz meldet er sich nun zu Wort, wehrt sich gegen die Vorwürfe und fährt schwere Geschütze auf.

Nach monatelanger Verzögerung ist der Kapellensteig endlich da, wo er hingehört. Der Ärger um die Brücke über der M11 in Oberhaching geht aber weiter. Für die Verspätung der Montagearbeiten hat das zuständige Straßenbauamt Freising immer wieder den Stahlbauer verantwortlich gemacht. Der will das nicht auf sich sitzenlassen und wehrt sich.

Die Schuldzuweisungen des Straßenbauamtes seien völlig unbegründet, sagt Joseph Nagl. Er ist Inhaber der Firma Stahlbau Nagl aus Ingolstadt, die das Stahlgerüst für den Kapellensteig zusammengeschweißt hat. Nach eigenen Angaben geht Nagl in einem Berg aus Schulden unter, musste Insolvenz anmelden und greift nun nach dem letzten Strohhalm. Seine Drohung: Wenn ihm die Mehrkosten, die durch die Verzögerung entstandenen sind – rund 110 000 Euro für Personal und Material – nicht erstattet werden, behält er wichtige Unterlagen ein, die belegen sollen, dass der Kapellensteig regelkonform montiert worden ist. „Wenn die nicht vorliegen, muss die Brücke abgebaut werden“, sagt Nagl. Quatsch, sagt das Straßenbauamt.

Rückblick: Die österreichische Baufirma „Strabag“ erhält vom Landkreis München den Zuschlag für den Neubau des Kapellensteigs. Die alte, marode Holzbrücke war im April nach 29 Jahren abgerissen worden. Die Projektleitung übernimmt das Straßenbauamt Freising. Als Stahlbauer engagiert „Strabag“ die Firma von Josef Nagl – der den Auftrag aber gar nicht hätte bekommen dürfen, wie er selbst sagt.

Für Bauprojekte der Kategorie Kapellensteig fehlt Nagl die nötige Ausführungsklasse. Die legt fest, ob eine Firma ein bestimmtes Projekt stemmen und ausführen kann. Nagl hat Klasse zwei, darf somit zwar auch Brücken bauen, jedoch nicht im öffentlichen Straßenverkehr. Dafür ist Ausführungsklasse drei erforderlich.

Nagl behauptet, weder auf der Auftrags-Ausschreibung noch auf den Bauskizzen, die er erhalten hat, sei vermerkt gewesen, welche Ausführungsklasse benötigt wird. „Uns hat die entsprechende Zertifizierung gefehlt“, gesteht Nagl, sagt aber auch: „Hätte ich das gewusst, hätte ich den Auftrag nie angenommen.“

Als einer externen Prüffirma schließlich auffällt, dass Nagl die notwendige Klasse fehlt, hat der schon Material bestellt und das Projekt organisiert. In Absprache mit dem Straßenbauamt Freising lässt Nagl seine Firma nachzertifizieren. Doch der Baubeginn verzögert sich dadurch immer weiter, Absprache-Probleme kommen hinzu, und das Projekt wird letztlich sogar größer als ursprünglich gedacht: „Dementsprechend sind auch die Kosten für Material und Personal nach oben geschossen“, sagt Nagl. Zudem habe er im eigentlich für die Montage geplanten Zeitraum keine weiteren Aufträge angenommen. Erst im September beginnen die Schweißarbeiten – mit über zwei Monaten Verzögerung. Andere Termine habe Nagl dadurch nicht einhalten können.

„Jetzt ist die Brücke oben, und keiner will sie bezahlen“, sagt Nagl. Das Straßenbauamt sei nicht dazu bereit, mehr als die vorab vereinbarten 50 000 Euro für die Stahlkonstruktion zu bezahlen. Und auch „Strabag“ weigere sich, den Mehraufwand für den Subunternehmer zu begleichen. Nagl ist pleite und musste Ende Dezember Insolvenz anmelden, so sagt er. Er ist sich sicher: „Die lassen mich eiskalt verrecken und hoffen, dass sich die Sache totläuft.“

Damit es soweit nicht kommt, greift Nagl nach dem aus seiner Sicht letzten Strohhalm. Er macht Druck. Die Brücke steht zwar, jedoch fehle die Dokumentation der werkseigenen Produktionskontrolle. Die könne nur der Hersteller ausstellen und diene der Qualitätssicherung. Die nötigen Unterlagen liegen bei Nagl. Er sagt: „Warum sollte ich sie weitergeben?“ Tut er es nicht, bedeutet das im schlimmsten Fall: Der Kapellensteig muss abgebaut werden. Behauptet zumindest Nagl.

Der Kapellensteig, eine Brücke mit achtmonatiger Bauzeit und knapp 350 000 Euro teuer, ist endlich fertig. Und jetzt soll alles wegen ein paar Dokumenten für die Katz’ gewesen sein?

Gewiss nicht, sagt das Straßenbauamt. Dort reagiert man auf Nagls Drohung unbeeindruckt. „Wir müssen die Brücke wegen ein paar fehlender Unterlagen sicher nicht wieder abreißen“, verdeutlicht Jessica Swoboda, Projektleiterin der Baustelle Kapellensteig. „Es ist von einer uneingeschränkten Nutzbarkeit auszugehen. Ein Abbau steht nicht im Raum.“ Zu diesem Urteil sei der Bauleiter des Straßenbauamtes gekommen, der die Stahl-Montage über Monate begleitet und ihr ein gutes Zeugnis ausgestellt habe. Sowoboda sagt: „Die Brücke ist schick und nutzbar.“

Sein Kniff, die nötigen Dokumente zurückzuhalten, scheint nicht nur ins Leere zu laufen, sondern könnte Nagl auch teuer zu stehen kommen. „Solange wir nicht alle Unterlagen haben, bezahlen wir auch nicht“, sagt Swoboda. Nicht einmal die vorab vereinbarte Summe. Ob es sich dabei wirklich um 50 000 Euro handelt, wollte die Projektleiterin nicht bestätigen. In Aussicht stellte sie Nagl aber zusätzlich zu Betrag X einen „kleinen Mehrbetrag, weil mehr Stahl verbaut wurde“.

Besonders verzwickt: Alles läuft über die Firma Strabag. Seitens des Straßenbauamtes besteht kein direkter Vertrag mit dem Subunternehmer. Heißt: Das Bauamt bezahlt Strabag, die österreichische Firma wiederum Nagl, den sie als Subunternehmer angeheuert hat. Und der Stahlbauer beschwert sich bei beiden. Alle drei Parteien reiben sich derzeit an den von Nagl in Rechnung gestellten Mehrkosten auf. Inwieweit seine Forderungen berechtigt sind, muss erst noch ermittelt werden. Sowoboda dazu: „Das ist wirklich keine schöne Situation – für keine der Parteien.“

Und auch in Sachen Ausführungsklasse geht die Schlammschlacht weiter. Der Standpunkt des Straßenbauamts: nicht unser Fehler. „Die erforderliche Ausführungsklasse war in der Auftrags-Ausschreibung definitiv drin“, sagt Swoboda. „Es wäre die Aufgabe von Strabag gewesen, einen Nachunternehmer zu wählen, der die Anforderungen auch erfüllt.“

Warum sie einen Stahlbauer unter Vertrag genommen hat, dem die erforderliche Klasse fehlte, ließ die Firma Strabag auf Anfrage unbeantwortet. Eine Sprecherin beteuerte lediglich, dass „in Sachen Schlussrechnung noch offene Punkte zu klären sind, an denen alle Beteiligten unter Hochdruck arbeiten“.

Ein Ende der Posse um Schulden, Schuld und Stahl scheint nicht in Sicht. Vielmehr dürfte die unendliche Geschichte Kapellensteig künftig noch um das ein oder andere Kapitel reicher werden.

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