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Bons am laufenden Band: Bäcker Tobias Götz aus Taufkirchen könnte daraus eine beeindruckende Luftschlange für den Fasching basteln. 

Neues Gesetz

Kassenbonpflicht frustriert Einzelhändler: „Wir haben keinen Bock mehr“

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Mehr als eine Woche sind die Einzelhändler in der Pflicht, für jede verkaufte Ware einen Kassenbon auszustellen und dem Kunden anzubieten. Im Landkreis München sind vor allem die Bäckereien genervt von der neuen Regelung. 

Landkreis– Bei den Bäckern führt die neue Zettelpflicht nicht nur zu merklichem Unmut, sondern auch zu tonnenweise mehr Müll im Jahr. Die Freie Apothekerschaft hat jetzt sogareine Petition beim Bundestag gegen die neue Regelung angekündigt.  

Fast alle Kunden wollen den Kassenzettel nicht mitnehmen

„Ja, bitte nein.“ Wenn Verkäuferin Brigitte Thaleder von der Taufkirchner Bäckerei Götz nachfragt, ob jemand den Kassenbon mitnehmen will, erhält sie regelmäßig diese Antwort. Bäcker Tobias Götz selbst hat die Bons schon vor ihrer Einführung als einen ausgegorenen Schwachsinn bezeichnet, seine Meinung hat sich nach Silvester, Heiligdreikönig und ersten praktischen Erfahrungen nicht wesentlich geändert.

Wie auch? Es sei abzusehen, dass der Müllberg des synthetisch hergestellten Papiers größer wird. „Der Kassenbon schafft es nicht mal bis zur Eingangstür.“ Viele seiner Kunden witzeln über den bürokratischen Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Nutzen stehe. Pro Tag verbraucht die Bäckerei Götz im Schnitt rund 2000 Kassenbons. Schon für eine Semmel kommt ein ordentlicher Streifen heraus. In der Bäckerei hat man die Erfahrung gemacht, dass 80 bis 90 Prozent der Kunden den Kassenzettel nicht mitnehmen, die meisten lassen ihn auf der Theke zurück. Für Tobias Götz ist jedoch das Entscheidende, dass die Semmeln im alten genauso gut wie im neuen Jahr schmecken. Daran besteht kein Zweifel. Für eine kleine Bäckerei mit einem Geschäft sei es natürlich das Wichtigste, dass die Ware sich positiv von den Angeboten der Supermärkte und Backshops abhebt.

Zettel sammeln und zum Finanzamt bringen

Für Thomas Felber aus Neubiberg, der die Buchhandlung Lentner in Haidhausen führt, hat sich zwar nichts geändert durch die neue Verordnung („bei uns kommt von Haus aus der Zettel raus“). Aber er kann die Bäckereien verstehen, die jetzt durch den neuen Aufwand gebeutelt werden. Man zwingt ja den Kleinunternehmer, dass er sich eine elektronische Kasse mit Kassenbon-Auswurf zuzulegen. Aber was macht der Döner-Verkäufer mit einer solchen Kasse? Hinzu komme, dass das Finanzamt keine Leute damit erwische, die Steuern hinterziehen. „Ich fände es gut, wenn sich alle Einzelhändler zusammenschließen und alle Zettel in Plastiktüten stecken, die sie nicht an die Kunden ausgeben mussten. „Diese Menge könnten sie dann vor das Finanzamt stellen, damit man dort sieht, was das für ein Schwachsinn ist.“ Bei der Buchhandlung Felber kommt der Kassenbon automatisch heraus. Er hatte es in der Vergangenheit versucht abzustellen, um Müll zu vermeiden angesichts der Dringlichkeit des Themas. Aber der Auswurf ließ sich nicht abstellen genauso wie bei den EC-Kartenautomaten.

Bäckerei stellt Antrag auf Bonpflicht-Befreiung: Abgelehnt

In der Angelegenheit Kassenbons hat Bäckerei-Unternehmer Bernhard Auracher aus Oberhaching bereits eine Stunde lang mit dem stellvertretenden Finanzamtsleiter von Miesbach telefoniert. In Holzkirchen nämlich befindet sich die Zentrale seiner Bäckereikette Ratschillers. „Wir haben Anträge gestellt für alle Firmen, uns von der Bonpflicht zu befreien.“ Negativ. Der Chef von Ratschillers stellt in Aussicht, die Bons bei guter Laune dem Finanzamt vorbeizubringen. Er weiß natürlich: Das Finanzamt ist nur die ausführende Kraft. Die richtige Adresse sei das Bundesministerium für Finanzen.

Bonpflicht in einer Zeit, in der Plastikmüll vermieden werden soll

Die Bonausgabepflicht, so findet Auracher, passt nicht in die Zeit. Als Unternehmer achtet er ohnehin bereits darauf, dass sämtliche Verkäufer alles eintippen. Er kann übrigens jeden einzelnen Kassenvorgang seit drei Jahren am PC beobachten. Die Kassen sind vernetzt und können auch nicht nachträglich manipuliert werden. „Die Hausaufgaben wurden also bereits in der Vergangenheit gemacht.“ Hinzu komme, dass die Einzelhändler alle Verkaufsvorgänge gemeldet werden müssen, damit das Finanzamt Zugriff hat. „Die Bonpflicht wird uns aufs Auge gedrückt in Zeiten, wo wir Ressourcen sparen und Plastikmüll vermeiden sollen.“

Bis zu 24 Kilometer Kassenrollen am Tag

Ratschillers hat einige Filialen, die hoch frequentiert sind. Dort werden am Tag zwischen zwei und fünf Kassenrollen à 80 Meter verbraucht. „Wir sterben angesichts von so viel Müll.“ Das sind im Schnitt etwa 24 Kilometer am Tag in den insgesamt 50 bis 60 Filialen in Haar, Unterschleißheim, Garching, Feldkirchen, Sauerlach, Taufkirchen und Deisenhofen. Hinzu kommt: Nachweis von Allergenen, Dokumentation von Hygiene und Zeitarbeitskonten. Auracher stellt bei vielen Kollegen ein gewisse Müdigkeit angesichts der wachsenden, zum Teil schwer nachvollziehbaren Verpflichtungen fest. Ganz in dem Sinne: „Wir haben keinen Bock nimmer.“

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