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Das Handyverbot an der Schule darf nach Meinung von Heinz Durner nicht aufgeweicht werden.

Interview

Smartphone und Schule: Generation Wisch

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Landkreis –  Laut einer Studie der London School of Economics aus dem Jahr 2015 ist es besser, wenn Smartphones auf dem Schulhof aus bleiben. Ein Verbot führt bei leistungsschwächeren Schülern zu besseren Leistungen. Diese  Einschätzung teilt der Wissenschaftsbeauftragte des Landkreises München und ehemalige Schulleiter des Gymnasiums Unterhaching, Heinz Durner. Er hält nichts von einer Lockerung der Regeln, wie sie an Versuchsschulen in Bayern probeweise praktiziert wird.

-Wie sollte der Umgang mit Handys an Schulen im Landkreis aus Ihrer pädagogischen Sicht geregelt werden?

Auf jeden Fall bin ich ein großer Anhänger des französischen Modells. Dort sind Handys an der Schule komplett verboten. Ich habe acht Enkel, und der ganze Freundeskreis arbeitet ständig mit dem Handy. Gott sei Dank sind alle Eltern sehr streng und versuchen, steuernd einzugreifen. Aber ich habe die große Sorge, dass in vielen Elternhäusern weniger darauf geachtet wird. Man sollte sich darum kümmern, dass eine Limitierung eingebaut wird. Aber in der Schule selbst: Das Leben auf dem Schulhof hat ja den Sinn, dass die Kommunikation zwischen den Schülern läuft. Sie würde durch das Smartphone systematisch gestört.

- Wie das?

Wenn einer aus dem Unterricht rausgeht, in die Pause und in die Zwischenstunde, um dann gleich wieder das Handy herausnimmt, um irgendjemandem eine Nachricht zu schicken, dann wird er in eine völlig andere Welt gelenkt. Aber nicht nur das, er sollte sich stattdessen mit seinen Mitschülern austauschen. Wir haben doch die Schulhöfe extra so gestaltet, dass man sich bewegen kann, dass die Schule ein Lebensraum wird, so wie am Lise-Meitner-Gymnasium.

-Da stellt sich schon die kritische Frage, ob das Handy ein Instrument zur Ablenkung ist.

Dass das Handy enorme Möglichkeiten bietet, ist klar. Ich bin ein Unterstützer von Mehrwert bringenden Anwendungen. Aber: Da sprechen Sie mit jemandem, wechseln drei Sätze, dann klingelt das Handy. Genau das ist es, was die Welt kommunikationslos macht.

-Oder in kleine Stückchen teil.

Ja, man bleibt ohne Zusammenhänge, wird herausgerissen. Das Handy bringt eine wahnsinnige Oberflächlichkeit in das Denken. Das ständige Abgelenktwerden bewirkt, dass man nicht mehr in der Lage ist, 20 Minuten intensiv zu arbeiten. Das beklagen Professoren bei ihren Studenten. In diesem Rahmen geht es in der Mint-Region des Landkreises München um die Frage, wie sehen wir die Möglichkeiten der Digitalisierung? Wir sind vom Homo Oeconomicus in das Zeitalter des Homo Digitalicus getreten. Was wir brauchen, ist eine digitale Souveränität, wo der Mensch über den Dingen steht.

-Die Freiräume werden stattdessen kleiner, wenn man der Informationsflut durch das Handy nicht mehr entkommen kann, oder?

Wo bleibt das Denken? Ich habe mit mehreren Ministern darüber gesprochen und fragte sie ganz direkt: ,Wenn Sie so für das Handy sind, dann lösen Sie bitte schnell folgende Aufgabe: Marie ist 20 Jahre alt. Sie ist doppelt so alt wie Anna war, als Marie so alt war, wie Anna jetzt ist. Herr Minister. Sie haben ein Handy. Bitte lösen Sie die Aufgabe.‘ Da hilft kein Handy, Sie brauchen Ihren Kopf. Man braucht ihn ja auch zur Entwicklung eines Algorithmus, mit dem die Handys funktionieren. Es ist nichts anderes als eine bewusste Aufgliederung eines Denkprozesses. Schritt für Schritt. Ich muss die Schüler dazu bringen, dicke Bretter zu bohren. An einem Problem dran zu bleiben und nicht aufzugeben. Was soll aus dem Geigenspiel, dem Klavierstudium werden, wenn die Schüler nach zwei Stunden aufgeben? Dann haben wir verloren.

-Könnte das die Zukunft sein, wenn das Handy zu sehr in den Vordergrund rückt?

Also wenn wir zum Homo Digitalicus, zur Generation Wisch, werden, tauchen wir in eine virtuelle Welt hinein und verlieren die analogen Fähigkeiten: Schreiben, Lernen, Malen und Theater spielen. Deswegen bin ich ein leidenschaftlicher Anhänger einer kreativen Ganztagsschule – ohne Handy. Ich kann nur an die Schulen appellieren, dass auf die soziale Kommunikation höchster Wert gelegt wird. Und dass alles getan wird, um dieses oberflächliche Dahin-Chatten zu unterbinden.

-Aber wenn die Eltern nicht mitmachen?

Ich bin frech. Da saß ich vor ein paar Wochen in der S-Bahn und habe einem Kind zugehört. Das hat der Mutter wunderschöne Fragen gestellt, während die Mutter an ihrem Handy gearbeitet hat. Dann habe ich zu ihr gesagt: ,Entschuldigen Sie bitte, ihr Kind hat so tolle und nette Fragen, würden Sie die nicht beantworten wollen? ‘

-Und?

Sie hat mir einen bösen Blick zugeworfen.

Das Gespräch führte
Marc Oliver Schreib.

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