Schafkopf-App-Entwickler Peter Heinlein aus Oberhaching zeigt seinen virtuellen Schafkopf-Tisch.
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Lässt sich ausnahmsweise in die Karten schauen: Schafkopf-App-Entwickler Peter Heinlein aus Oberhaching zeigt seinen virtuellen Schafkopf-Tisch. Momentan explodieren die Spielerzahlen.

600.000 Spiele am Tag

App ist Trumpf: Schafkopf-Software aus Oberhaching rettet Bayerns Stammtische vor dem Coronavirus

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Der Retter der bayerischen Kartenspielkultur spricht Hochdeutsch und ist mit Skat aufgewachsen.Doch die Schafkopf-App von Peter Heinlein aus Oberhaching hat zurzeit Rekord-Konjunktur. Das liegt auch daran, dass Bayerns Stammtische zum Daheimbleiben verdammt sind. Aber nicht nur.

Oberhaching – Peter Heinlein, Doktor der Mathematik, sitzt an einem Biertisch, den er im Schatten auf seiner Terrasse in Deisenhofen aufgestellt hat, und lacht. Manchmal poltert es beim Reden einfach so aus ihm heraus, wie ein fröhliches Sommergewitter. Besonders, wenn der Software-Entwickler über den Erfolg spricht, den er gerade mit seinen Kartenspiel-Apps einfährt. Ganz ohne Businessplan, nur mit einer guten Idee und Hartnäckigkeit. „Es war Glück“, sagt er. Und lacht wieder – fast ungläubig, wie über eine Pointe, die ihn selber überrascht.

Der Algorithmus spielt gut - manchmal zu gut

Aus dem Programmierstüberl in seiner Doppelhaushälfte heraus hat sich Heinlein mit seiner Firma „Isar Interactive“ in einer digitalen Nische festgebissen: 600.000 Einzelpartien tragen Kartenspieler zurzeit täglich in der App für Smartphone, Tablet und Computer aus, die schlicht „Schafkopf“ heißt. Am virtuellen Stammtisch können sich Freundesrunden zusammensetzen – oder Einzelspieler gegen den Computer antreten. Der füllt sogar unvollständige Echtspieler Runden als „Brunzkartler“ auf – so schimpft ein Schafkopfer den Fünften am Tisch, der nur einspringen darf, wenn ein anderer zum Bieseln muss.

Darauf ist Peter Heinlein besonders stolz: Sein Programm kann auch mit geübten menschlichen Spielern mithalten. Teils spielt es seine Trümpfe mit solch mathematischer Gnadenlosigkeit, dass Heinlein den Algorithmus zu Fehlern zwingen muss, um die menschlichen Spieler nicht zu frustrieren. „Spieler spielt Trumpf“, „Lange Farbe, kurzer Weg“ – diese Schafkopf-Weisheiten haben er und sein Team in Datenhäppchen übersetzt und dem Computer so ein Stück bayerisches Kulturgut beigebracht.

Angefangen hat alles mit Skat

Dabei hat alles ganz anders angefangen. Dass Peter Heinlein in Olching zur Schule gegangen ist, hört man seinem hochdeutschen Zungenschlag nicht an. Und dann erzählt er auch noch, dass er sich in den Pausen an dem Gymnasium im Brucker Land mit einem ganz anderen Kartenspiel die Zeit vertrieben hat. „Ich bin mit Skat sozialisiert worden“, gesteht der 46-Jährige. Und schaut dabei nicht besonders schuldbewusst. Es hat ihm ja nicht geschadet – und der bayerischen Kartenspiel-Kultur auch nicht. Denn sein Skat-Programm ist das Vorbild für die Schafkopf-App. Die erste Version war für den jungen Peter Heinlein eine „Programmierübung“, die er im Vor-Internetzeitalter auf Diskette an Computermagazine und Heim-Kartler per Post verschickte. Mittlerweile spielen seine Kunden zusammengerechnet anderthalb Milliarden Skatpartien im Jahr.

Drei Nächte durchgearbeitet, um den Corona-Andrang zu stemmen

Den jüngsten Schub an neuen Schafkopf-, Skat- und Doppelkopfspielern – das sind die Apps, die „Isar Interactive“ im Angebot hat – löste die Coronavirus-Pandemie aus. Drei Nächte lang arbeitete das Team um Heinlein durch, um genug Rechenkapazität für die ganzen Stammtische zusammenzukratzen, die offenbar dank App und Videotelefonie auf Online-Modus umgeschult haben. Manchmal mit technischer Unterstützung von Kindern oder Enkeln. Hauptsache, Herz ist wieder Trumpf. „Wir sind die Rettung“, sagt der Oberhachinger.

Inzwischen arbeitet er schon am nächsten großen Ding für seine App: Auch Schafkopfer, die sich nicht kennen, sollen mit dem nächsten Update über eine virtuelle Lobby zueinanderfinden – und jeder Spieler soll dank einer Statistik-Funktion an seinem Spielstil feilen können.

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Um Geld wird nicht gezockt

Nur um Geld, da ist Heinlein eisern, wird bei ihm nicht gezockt. Die App finanziert sich über Anzeigen oder ist für ein paar Euro werbefrei zu haben. „Ich will meinen Frieden haben“, sagt der Entwickler. Bei ihm soll keiner spielsüchtig oder arm werden. Von den Einnahmen kann der Oberhachinger eine Handvoll Mitarbeiter bezahlen. Die Team-Fotos, die er auf dem Bildschirm vor sich aufruft, zeigen lachende Menschen beim Grillen oder auf Bergtouren. „Wir sind noch nicht zu einem Fotoshooting gekommen“, sagt Heinlein entschuldigend.

Und es bleibt genug für die Familienkasse übrig – Heinlein und seine Frau Brigitte, Mathematikprofessorin, haben zwei Kinder, zehn und 13 Jahre alt. Und eine Vorliebe für Fahrradurlaube in Norwegen, gerne auch dort, wo es keinen Handyempfang gibt. „Das ist mein Ausgleich“, sagt Heinlein. In der jetzigen Daheimbleibezeit radelt er halt mit der Familie durch die Umgebung – oder jammt im Keller auf der Gitarre. Das sind die Vorzüge des Startup-Unternehmens, für die er einen Job bei einem großen Konzern aufgegeben hat.

Nur Bairisch kann die App nicht

Dass sich sein Programm am Markt so gut behauptet, liegt am Gesamtpaket, vermutet der Oberhachinger. „Die App ist rund.“ Die virtuellen Mitkartler beherrschen nicht nur das Spiel, sondern auch den dazugehörigen Schafkopf-Jargon. Die Charaktere sind liebevoll und professionell illustriert und im Tonstudio eingesprochen, damit das Ambiente stimmt. Nur Bairisch können sie nicht – bei der Vielzahl der Dialekte allein im Freistaat blieb Heinlein lieber bei Hochdeutsch.

Und noch eine grundlegende Schwäche hat die Schafkopf-App: Falls ein Spieler einen „Sie“ auf die Hand bekommt, das perfekte Blatt mit vier Obern und vier Untern, das sich jeder Schafkopfer einmal im Leben erhofft, rahmt er die Karten ein und hängt sie auf. Ein App-Kartler muss wohl sein Smartphone an die Wand nageln.

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