+
Wichtige medizinische Hilfe bekommen im Krankenhaus in Chak vor allem Kinder und Frauen. Die Behandlung dort können sich auch die Ärmsten in der momentan von den Taliban kontrollierten Region leisten.

Grundversorgung für eine ganze Provinz

Oberhachinger leiten Krankenhaus in Afghanistan: Plötzlich Klinikchefs

  • schließen

Fünf Oberhachinger bilden den Vorstand eines Vereins, der ein Krankenhaus in den Bergen Afghanistans betreibt. In einem Gebiet, das die Taliban kontrollieren.

Oberhaching – Seit fast 30 Jahren unterstützt das Gymnasium Oberhaching den Verein C.P.H.A.e.V., der das Chak-e-Wardak-Hospital Afghanistan betreibt. Weil der bisherige Vorstand des Vereins nicht mehr zur Wiederwahl antrat, haben nun fünf Oberhachinger deren Posten und damit die Verantwortung für das Krankenhaus übernommen. Im Interview erklärt der neue 1. Vorsitzende Ludwig Pichler, Lehrer am Gymnasium Oberhaching, die Beweggründe.

Starkes neues Team für Chak (v.l.): Ludwig Pichler (1. Vorstand), Nicole Nagengast (Schriftführerin), Stefan Küchenhoff (Schatzmeister), Stefanie Hottarek (3. Vorstand) und Christoph Nagengast (2. Vorstand).

- Herr Pichler, Sie und Ihr Team haben eine große Aufgabe übernommen. Wie kam es dazu?

Bei uns am Gymnasium gibt es seit 29 Jahren den „Afghanistantag“. Das ist eigentlich der „Tag der offenen Tür“ der Schule. Wir nutzen ihn aber auch, um das Krankenhaus in Chak zu unterstützen. Über die Jahre kam da mehr als eine halbe Million Euro zusammen. Seit neun Jahren organisiere ich diesen Tag für unsere Schule. Als ich die Aufgabe übernahm, lag mein Hauptaugenmerk darauf, den Schülern die Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu verdeutlichen. Die Frage „Warum engagiert sich unsere Schule ausgerechnet für ein Krankenhaus in Afghanistan?“ soll für jeden Schüler beantwortbar sein. Aus diesem Grund habe ich Vorträge von Journalisten, Afghanen oder anderen mit Chak verbundenen Menschen eingeführt. Zudem wird in einigen Fächern wie Geschichte das Thema stärker als im Lehrplan vorgesehen behandelt. Inzwischen wissen alle Schüler, dass „unser“ Krankenhaus ein ganz besonderes Projekt ist.

Das Projekt retten, das Leben rettet

- ...das Sie nicht einfach aufgeben wollten.

Genau. Als im letzten Herbst klar wurde, dass der alte Vorstand nicht mehr für eine Wiederwahl kandidiert und es keine Nachfolger gibt, hätte dies das Ende des Krankenhauses bedeutet. Nachdem ich Tausenden von Schülern über die Jahre erzählt habe, dass unser Krankenhaus Menschenleben rettet – wäre ich glaubwürdig, wenn ich jetzt nicht alles täte, um unser Projekt zu retten?

- Haben Sie keine Angst vor der Aufgabe?

Die Frage stellt sich gar nicht. Die Angst, dass die Menschen, denen wir inzwischen tief verbunden sind, keine medizinische Unterstützung mehr haben, überwiegt bei Weitem.

Oberstes Ziel: Die Finanzierung sichern

- Was steht als Erstes an?

Unser oberstes Ziel ist es, die Spendeneinnahmen sicherzustellen, sodass wir die rund 80 Mitarbeiter im Krankenhaus weiterhin bezahlen können. Wichtig ist auch, den Kontakt zu unseren afghanischen Helfern in Kabul und die Leitung des Krankenhauses aufrechtzuerhalten beziehungsweise neu aufzubauen.

- Reisen Sie nach Chak?

Leider ist es zurzeit für Nicht-Afghanen unmöglich, zum Krankenhaus zu gelangen. Die Entführungsgefahr ist nach Einschätzung aller Behörden zu hoch. Trotzdem plant ein Teil unseres Teams bereits eine Reise nach Kabul und – wenn bis dahin möglich – nach Chak. Die Projektleiterin Karla Schefter ist momentan aus gesundheitlichen Gründen nicht dazu in der Lage.

- Vom alten Vorstand ist niemand mehr angetreten. Wie schaffen Sie den Übergang?

Der neue Vorstand wurde am 14. März in Dortmund gewählt, kurz vor dem Kontaktverbot. Wir stellten damals fest, dass der alte Vorstand sehr zuverlässig ist und hervorragend kooperiert. Die Übergabe wurde genau abgesprochen und hätte kein Problem dargestellt. Aber da wegen der Corona-Krise ein Treffen nicht möglich ist, wurde die Übergabe sehr erschwert. Kistenweise wurden Akten, Laptops und Sicherungskopien mit der Post verschickt. Stundenlange Telefonate sind notwendig. Insbesondere unser Schatzmeister, Stefan Küchenhoff, muss improvisieren und sich im Alleingang Übersicht über die Finanzen verschaffen. Wir sind aber zuversichtlich, die Übergabe bald abzuschließen.

Der Betrieb läuft weiter - Corona scheint weit weg

- Wie ist derzeit die Situation im Krankenhaus?

Nach Aussagen der Projektleiterin läuft der Betrieb normal weiter. Zum einen scheint die Corona-Pandemie in Chak noch nicht angekommen zu sein. Wir haben die Hoffnung, dass es das Virus einfach nicht in die abgelegenen Bergdörfer schafft. Sollte Chak getroffen werden, wäre das für die Menschen eine Katastrophe. Chak liegt auf 2400 Höhenmetern und die klimatischen Verhältnisse sind entsprechend hart. Die Bevölkerung lebt unter einfachsten Bedingungen und Vorerkrankungen sind die Regel. Beatmungsmaschinen gibt es in unserem Krankenhaus nur in den Operationssälen. Zum anderen haben die Taliban seit etwa einem Jahr die Herrschaft in Chak übernommen. Da das Krankenhaus aber politisch neutral ist, wird es von allen Konfliktparteien akzeptiert und geschützt.

- Wird das Krankenhaus ausschließlich über Spenden finanziert?

Ja. Spender sind etwa 3000 Privatleute, aber auch Schulen wie unser Gymnasium.

- Wie ist derzeit die finanzielle Lage?

Unsere Vorgänger im Verein haben eine Rücklage für das Krankenhaus angelegt, sodass der Betrieb auch eine Zeit lang ohne Spendeneinnahmen sichergestellt ist. Trotzdem möchten wir in diesem Jahr möglichst viele neue Spender finden – auch weil die Spendeneinnahmen in 2019 nicht ganz ausgereicht haben, um alle laufenden Kosten des Krankenhauses zu decken. Die Rücklagen schmelzen also im Moment.

Behörden kontrollieren gegen Veruntreuung

- Können Spender sicher sein, dass ihr Geld auch dort ankommt?

Dies sicherzustellen hat oberste Priorität. Vorstand und Projektleiterin sind in ständigem Kontakt mit den Verantwortlichen in Chak und im „Kabul-Office“. Wir können sicher sein, dass das Geld ankommt, wo es hinsoll. Zahllose „reports“, Prüfungen durch offizielle afghanische und deutsche Stellen wie Finanzämter stellen zudem sicher, dass kein Geld veruntreut wird. Die seit 30 Jahren gewachsenen Strukturen und das Vertrauen zu den Mitarbeitern, die oft schon seit mehr als 20 Jahren im Krankenhaus arbeiten, zahlen sich da aus.

- Was sind jetzt die wichtigsten Aufgaben?

Im Moment sind wir noch mit der Übergabe ausgelastet. Im Team gibt es aber schon unzählige Ideen, wie man den Verein neu und professioneller aufstellen kann. Wir müssen vor allem die Außenwirkung (Homepage, Werbung) verbessern und neue Spender hinzugewinnen. Daran werden wir arbeiten, sobald der Corona-Spuk dies zulässt.

- Was treibt Sie persönlich an, sich zu engagieren?

Mir ist wichtig, mich sozial zu engagieren. Das möchte ich meinen Schülern ein Stück weit vorleben. Und das Wichtigste: Wir retten Menschenleben mit dem Erhalt des Krankenhauses.

Der Chak-Verein

Weitere Infos zum Verein und zur Möglichkeit zu spenden, fgibt es unter www.chak-hospital.org. Spenden werden dringend benötigt, nicht zuletzt auch, weil wegen der Corona-Krise heuer der Afghanistan-Tag am Gymnasium Oberhaching nicht in gewohnter Form stattfinden kann.

Das Krankenhaus

Das Krankenhaus in Chak-e-Wardak, im Westen Afghanistans, etwa 65 Kilometer entfernt von Kabul, wurde 1989 gegründet. Ursprünglich war es nur eine Nothilfestation im dortigen Wasserkraftwerk. Karla Schefter, ehemals OP-Schwester in Dortmund, hatte sich damals beurlauben lassen, um afghanischen Flüchtlingen zu helfen und kam auf ihrer Reise nach Chak-e-Wardak. Damals war Krieg, es kamen viele Verletzte und Schefter und das Team, in dem sie arbeitete, waren darauf nicht vorbereitet. So entstand bei Karla Schefter die Idee, die Station zu einem Krankenhaus auszubauen. Sie gründete hierfür das „Komitee zur Förderung medizinischer und humanitärer Hilfe in Afghanistan e.V.“ (C.P.H.A.e.V) und sammelt seitdem mit Hilfe des Vereins Spendengelder. 

Das Krankenhaus vor den Bergen.

Nach und nach baute sie mit afghanischen Firmen vor Ort das Krankenhaus aus. Vor Ort arbeitet sie seit jeher nur mit afghanischen Mitarbeitern zusammen und leistet so auch Hilfe zur Selbsthilfe in der Region. Mittlerweile hat sich das Krankenhaus zu einer großen und für die Provinz unentbehrlichen Einrichtung entwickelt, die jedes Jahr bis zu 100 000 Patienten, darunter überwiegend Frauen und Kinder, behandelt. Für die mehr als 500 000 Einwohner der Provinz Wardak ist das Chak-e-Wardak-Hospital mit seinen 60 Betten und den unterschiedlichen Fachabteilungen zur ambulanten Versorgung nach wie vor das einzige, voll ausgestattete Hospital. Die Behandlung dort ist fast kostenlos, da sich die extrem arme Bevölkerung in diesem Gebiet eine Behandlung ansonsten nicht leisten könnte. 

Um das zu ermöglichen, braucht es weiterhin Spenden. Ein nicht unbeachtlicher Teil davon kommt jährlich vom Gymnasium Oberhaching. Allein im vergangenen Jahr kamen durch den Verkauf an den Ständen, den Spendenlauf der Schüler und den Auktionen bei der Abendveranstaltung mehr als 60 000 Euro zusammen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Pullach: Anzeige gegen Bürgermeisterin Tausendfreund
Der Streit in Pullach um die Personalie Christine Eisenmann beschäftigt nun tatsächlich die Staatsanwaltschaft und die Kommunalaufsicht. Und auch die Bücher von …
Pullach: Anzeige gegen Bürgermeisterin Tausendfreund
„Unsere Mutter ist nicht an, sondern wegen Corona gestorben“: Luise Schleichs  (81) einsamer Tod
Luise Schleich war 81 Jahre alt und, abgesehen von ihrer Demenz, fit. In ihrem Seniorenheim war die alte Dame beliebt. Nun verstarb sie ganz alleine - wegen Corona.
„Unsere Mutter ist nicht an, sondern wegen Corona gestorben“: Luise Schleichs  (81) einsamer Tod
Betrüger terrorisieren alten Herrn und ergaunern Schmuck
Gnadenlos und hinterlistig haben Betrüger einem über 80-Jährigen Grasbrunner vorgegaukelt, dass sein Sohn in einer Notlage sei und ihm so seinen Goldschmuck abgeluchst.
Betrüger terrorisieren alten Herrn und ergaunern Schmuck
Trotz Corona: Sportcampus ist im Zeitplan - Eröffnung 2022?
Die Bauarbeiten am neuen Hohenbrunner Sportcampus schreiten wie geplant voran. Die Corona-Krise beeinträchtigt das Projekt demnach nicht.
Trotz Corona: Sportcampus ist im Zeitplan - Eröffnung 2022?

Kommentare