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Stillhalten aber nicht still sein: Dank ihrer Kunden ist Evi Cal immer bestens über alles informiert. 

Seit 67 Jahren schneidet sie den Oberhachingern die Haare

Oberhachings Kult-Frisörin Evi Cal (80) und ihre Schatzis

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Seit 67 Jahren schneidet Evi Cal Männern die Haare. Und die 80-Jährige hat auch gar keine Lust, damit aufzuhören.

Oberhaching/Unterhaching – Gerade hat Evi Cal von einem Kunden wieder eine Einladung zur Hochzeit bekommen. Seit 30 Jahren schneidet sie ihm die Haare. Dass er sie zur Hochzeit einlädt, sagt viel über Evi Cals Verhältnis zu ihren Kunden aus. Die sind nämlich viel mehr als das. Die sind ihre „Schatzis“. Wenn die 80-Jährige von ihnen erzählt, leuchten ihre Augen und man spürt, wie sehr ihr die Menschen am Herzen liegen.

Seit 67 Jahren schneidet die Unterhachingerin Haare. Seit 34 Jahren bei Frisör Ullmayer in der Hubertusstraße in Oberhaching. Ihre Kunden sind die Männer, vom Enkel bis zum Opa. Aber auch kleine Mädchen dürfen kommen. Vielen Familien macht sie die Haare seit drei Generationen. Neben einem sauberen Schnitt gibt es bei ihr einiges obendrauf: Für die hungrigen Buben, die nach der Schule gleich zu ihr eilen, mal ein Stück Pizza. Für alle ein offenes Ohr bei Sorgen und Nöten – „wenn Sie wüssten, was man da alles zu hören bekommt“. Und vor allem: viel Herzenswärme.

Undercut verweigert sie

Vor allem ihre unvergleichlich offene, ehrlich Art schätzen die Kunden. Evi Cal sagt graderaus, was sie von einem Haarschnitt hält, den ihr einer am Handy unter die Nase hält. Einen Undercut zum Beispiel bekommt von ihr keiner. „Das sieht einfach scheiße aus“, sagt sie. „Diese Stufe vom langen zum ganz kurzen Haar ist nur entstanden, weil viele den Übergang nicht ordentlich schneiden können.“ Evi Cal kann es. Keiner verlässt den Laden, wenn sie nicht hundert Prozent zufrieden ist mit dem Ergebnis.

Perfektionistin ist sie schon, als sie mit sechs Jahren die Mähne des Stoffpferds frisiert, zuhause in Oberschlesien. Ihr Onkel hat dort einen Friseurladen. Jeden Tag läuft die kleine Evi ein und aus und posaunt schon als schmächtige Sechsjährige: „Ich werde auch mal Frisörin.“ Als der Krieg kommt, muss sie innerhalb von drei Tagen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester die Heimat verlassen. In einem kleinen Nest in Brandenburg wächst sie auf. Beginnt dort eine Lehre. Als Frisörin. Mit 17 Jahren lernt sie beim Tanzen ihren Mann kennen. Zwei Jahre darauf heiraten die beiden. „Kein Geld, keine Wohnung und ich schwanger“, sagt sie und lacht. Gehalten hat die Ehe bis heute. Ihr Mann ist jetzt 85 und genauso fit wie seine Frau. Anders hätte er auch keine Chance, mit seiner quirligen Evi mitzuhalten.

Seit 1961 lebt und frisiert sie in der Region

Zwei Töchter bekommt das Paar. Kurz nach der Geburt geht Evi Cal wieder zur Arbeit, Kind und Fläschchen im Gepäck. 1961 zieht sie mit ihrem Mann von Brandenburg nach Bayern. Dort lebt ihr Vater im nahen Unterhaching. Evi Cal kommt mit ihrer kleinen Familie zunächst in einer möblierten Wohnung in Neubiberg unter. Drei Tage später hat sie schon wieder einen Job: Ein Frisör in Neubiberg, selbst Heimatvertriebener, stellt die junge Mutter ein.

„Von einem Deandl wollten sich diebayerischen Männer anfangs erst nicht die Haare schneiden lassen.“

Einfach machen es ihr die Bayern nicht. „Anfangs wollten sich die bayerischen Männer nicht von einem Deandl die Haare schneiden lassen“, erinnert sie sich. Doch der Chef steht hinter seiner Mitarbeiterin und mit ihrer offenen Art schafft es die Zuagroaste bald, das Eis zu brechen. 25 Jahre arbeitet sie in Neubiberg. Bleibt dem Chef treu, selbst als sie mit Mann und Töchtern nach München zieht, wo ihr Mann bei Siemens arbeitet. Zwei Stunden fährt sie von Fürstenried mit Bus, Bahn und Tram nach Neubiberg und abends wieder zurück. Erst als der Chef stirbt, sieht sie sich nach einem neuen Arbeitsplatz um. Und stößt auf eine Stellenanzeige des Friseursalons Ullmayer in Deisenhofen. „Erst wusste ich gar nicht, wo das ist.“ Sie stellt sich vor – und soll gleich anfangen. Drei Tage arbeitet sie, später nur noch Dienstag und Freitag. Da wohnt sie mit ihrem Mann längst in Unterhaching.

Ans Aufhören im Rentenalter denkt sie keine Sekunde. Zu viel Spaß macht ihr die Arbeit. Und als ihr Chef vor einem Jahr meint, ein Tag reiche doch auch mit 80 Jahren, da rebellieren ihre „Schatzis“ erst mal. „Aber ehrlich gesagt, bin ich jetzt ganz froh drüber“, gibt sie zu.

Wenn Evi Cal schneidet, ist der Laden voll

Natürlich springt sie noch ein, wenn Not am Mann ist. Und natürlich fährt sie noch zu Kunden, die nicht mehr in den Laden kommen können, weil sie krank oder gebrechlich sind. Und am Freitag warten die ersten um halb acht vor der Ladentür und die letzten fragen bei ihr noch um kurz vor sechs, ob es nicht doch noch schnell geht.

An den freien Tagen die Beine hochlegen – Fehlanzeige. Jeden Montag geht’s mit zwei „Mädels aus alten Zeiten“ in die Berge. Dienstags zur Gymnastik beim TSV. Mittwoch ist Tennistag. „Nur schade, dass gerade mein Tennispartner verstorben ist.“ Und donnerstags trifft sie sich seit 50 Jahren mit ihren anderen „Mädels“. Ruhe ist nicht ihr Ding. Geschadet hat es ihr nicht. Zwei Tage war sie mal im Krankenhaus. Aber nur wegen einer Krampfader. Medikamente hat sie nie genommen. „Wein ist meine Medizin.“ Nur einmal ist sie beim Haareschneiden umgekippt. „Schwacher Kreislauf“, sagt sie und lacht. Als sie aufwacht und den Notarzt über sich sieht, ist ihr erster Satz: „Sie brauchen nicht glauben, dass ich in den Krankenwagen steig’.“ Lieber schnitt sie dem Kunden die Haare fertig.

Vier Mal ist sie Oma geworden. „Uroma will ich auf jeden Fall auch noch werden“, sagt Evi Cal. Jeden Morgen liest sie erst mal die Todesanzeigen in der Zeitung. Ist traurig, wenn sie den Namen eines Kunden entdeckt. „Und dann freue ich mich, dass meiner noch nicht drin steht“, sagt sie und lacht. Das könnte sie ihren Schatzis auch nicht antun.

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