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Ödenpullacher Landwirt erklärt, warum es nicht immer bio sein muss

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Von: Volker Camehn

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Natürlicher Schutz gegen Angreifer aus der Luft: Zwei Zwergziegen leben zwischen den Hühnern, die den Tag vor allem draußen verbringen. Die Vierbeiner sollen Raubvögel abschrecken – was meistens funktioniert.
Natürlicher Schutz gegen Angreifer aus der Luft: Zwei Zwergziegen leben zwischen den Hühnern, die den Tag vor allem draußen verbringen. Die Vierbeiner sollen Raubvögel abschrecken – was meistens funktioniert. © Volker Camehn

Ein Ödenpullacher Landwirt zeigt, wie artgerechte Hühnerhaltung auch auf konventionelle Art funktioniert.

Oberhaching – Mehr Öko geht eigentlich nicht: Der Kleinwagen vor der Haustür tankt hausgemachten Solarstrom, in einem kleinen Holzhäuschen kann man Produkte aus der Region kaufen – etwa Kartoffeln, Honig oder eben die hofeigenen Hühnereier für 38 Cent das Stück. Dazu gibt’s kundenfreundliche Öffnungszeiten: 24 Stunden am Tag. Ein Geschäft, das auf Vertrauen basiert: Wer hier, auf dem Hof von Raimund Schmid einkauft, steckt das Geld einfach in eine kleine Kasse. „Das funktioniert ganz gut“, sagt Schmid.

Auch sonst funktioniert hier vieles ganz gut. Raimund Schmid, 32, verheiratet, zwei Kinder, betreibt zusammen mit seinem Vater Martin Schmid, 62, einen 100 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb in Ödenpullach, Gemeindegebiet Oberhaching (www.hofladen-oedenpullach.de). Ein Viertel davon ist eigenes Land, den Rest haben die Schmids dazugepachtet. Das rustikal anmutende Wohnhaus steht unter Denkmalschutz, der Hof ist seit 200 Jahren in Familienbesitz, ein Traditionsbetrieb sozusagen. „Landwirt ist mein Traumberuf“, sagt Raimund Schmid. Nur das stetige Mehr an Bürokratie, die permanenten Dokumentationspflichten, sich „ständig ändernde Vorschriften“ ärgern ihn.

Ärger über Kritik an seiner Hühnerhaltung

Was Raimund Schmid mitunter jedoch noch mehr ärgert, ist Kritik an seiner Hühnerhaltung, die nach den gängigen Kriterien als „konventionell“ eingestuft wird. Konventionell: Das klingt erst mal nach Legebatterien, mehrere 1000 Tiere auf engstem Raum, null Tageslicht, Eier auf Förderbändern und Antibiotika-Einsatz en masse. „Auch in den Medien wird häufig der Eindruck erweckt, dass Landwirte, die konventionell wirtschaften, nicht auf artgerechte Haltung setzen. Das täten nur die sogenannten Biobetriebe. Das ist so jedoch nicht richtig“, sagt Schmid.

Wie konventionell und artgerecht gut zusammengehen, lässt sich zumindest in Ödenpullach anschaulich besichtigen. Seit 2018 besitzen die Schmids 400 Legehennen der Rasse Tetra, die in beziehungsweise um einen mobilen Stall gehalten werden. „Von morgens 10 Uhr bis zur Dämmerung können sie raus“, erklärt Schmid, „Gras fressen, im Sand scharren“, kurz: artgerechte Freilandhaltung. Ist das Gras abgefressen, wird der Hühnerstall umgestellt, auf eine neue Weidefläche. Warum dürfen die Hühner erst ab 10 Uhr ins Freie? „Weil sie am frühen Vormittag am meisten fressen und ihre Eier legen“, erklärt Schmid. Rein statistisch hat hier jedes Huhn vier Quadratmeter Platz und legt 0,8 Eier am Tag. Die Eier legen die Hennen in weiche Nester aus Dinkelspelzen, keine ungewöhnliche Hühner-Einstreu, aber nachhaltig: Spelzen sind die Hüllen von Getreidekörnern. Eingesammelt werden die Eier dann per Hand.

Zwergziegen sollen Raubvögel abschrecken

Weil Freiheit eben auch gefährlich ist, hat Schmid extra zwei Zwergziegen angeschafft, die sich zwischen den Hühnern ganz wohl zu fühlen scheinen. „Als Abschreckung gegen Habichte und ander Greifvögel“, lächelt er über seinen Öko-Luftschutz. Und das funktioniert? „Meistens.“ Passiert halt mal, dass ein Huhn gerissen wird, sagt er. So ein Habicht habe ja auch Hunger. „Öko ist für mich logisch“, sagt er.

Landwirt ist sein Traumberuf: Auch wenn die viele Bürokratie Raimund Schmid oft zu schaffen macht.
Landwirt ist sein Traumberuf: Auch wenn die viele Bürokratie Raimund Schmid oft zu schaffen macht. © Volker Camehn

Der Unterschied zu einem Biobetrieb scheint denn auch marginal: Hier in Ödenpullach gibt es für die Hühner ausschließlich Futter aus konventionellem Anbau, dazu etwas Muschelkalk „zur Stabilisierung der Eierschalen“. Die Schmids leben hauptsächlich vom Getreideanbau. Für sie ist klar: Gegen den gezielten Einsatz von Herbiziden ist hier nichts einzuwenden. Die Dosis mache halt das Gift. „Wir wollen doch auch nicht, dass unsere Böden durch die Bewirtschaftung schlechter werden. Und gutes Essen wollen wir auch“, betont Senior-Chef Martin Schmid. Was den Umsatz betrifft, mache die Hühnerhaltung auf dem Schmid-Hof gerade mal zehn Prozent aus. Und: „Nichts gegen Bio, aber das müssen die Verbraucher auch bezahlen wollen“, mahnt Martin Schmid.

Apropos gutes Essen: Für den Eigenbedarf gibt es hier noch vier Schweine, zehn Gänse und sechs Puten. Alle drei Monate kontrolliert ein Veterinär vom Tiergesundheitsdienst Bayern den Hühnerbestand. Kontrolliert wird dann unter anderem auf Parasiten, mitunter wird geimpft und geschaut, ob das Geflügel auch sonst wohlauf ist. „Der Wellnessfaktor muss stimmen“, sagt Raimund Schmid. Und der hängt für ihn nicht vom Bio-Siegel ab.

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