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Steine werden locker: Die jährlichen Verbesserungsarbeiten am Kirchplatz sind mit nicht geringen Kosten verbunden.

Pflaster hat vielleicht bald ausgedient

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Der Oberhachinger Kirchplatz ist mit historisch-wertvollen Pflastersteinen und Granitplatten belegt. In den kommenden Jahren sollen sie herausgerissen und durch eine fußgängerfreundliche Oberfläche ersetzt werden. Dahingehend lautete jedenfalls die Absichtserklärung des Gemeinderats vom April.  Ein Planungsauftrag liegt nach Auskunft der Gemeinde derzeit noch nicht vor. 

Oberhaching– Architekt Helge Noae hat den Platz in seiner jetzigen Form maßgeblich mit konzipiert und geplant. Er ist schockiert von den Plänen und hat einen offenen Brief an Bürgermeister Stefan Schelle geschrieben: Zur 1250-Jahrfeier Oberhachings habe sich der damalige Bürgermeister Nikolaus Aidelsburger im Einvernehmen mit dem Gemeinderat vorgenommen, den Kirchplatz, das architektonische Herzstück, aufzuwerten. Der Maibaum wanderte vom gegenüber liegenden Parkplatz näher zur Kirche. Hinzu kam der Stephansbrunnen und für die gestalterische Schönheit sollte Kopfsteinpflaster mit Granitsteinen die Vollendung bringen.

Die holprige Strecke führte ganz nebenbei zu einer Verkehrsberuhigung, da viele Autofahrer nicht mehr den kürzeren Weg von der Oberhachinger Straße über den Kirchplatz in Richtung Ortsmitte wählten, sondern die etwas längere Route über die Ampel an der Kybergstraße.

Im Wesentlichen jedoch diente die Verschönerung dazu, den dörflichen Charakter zu betonen – nicht für die nächsten 20 Jahre, sondern als Repräsentationsstück für die Ewigkeit.

Allerdinge könnte der jetzige Gemeinderat einen Strich durch die Rechnung machen. Grund: Der Behindertenbeirat des Landkreises München hatte der Gemeinde bei einer Begehung eine schlechtes Zeugnis ausgestellt. Außerdem erklärt Bürgermeister Stefan Schelle in einer Antwort auf Noaes Brief, dass die gastronomische Nutzung mehr Platz und Aufenthaltsqualität erfordere. Überdies erwähnt er die Kosten für die jährlichen Reparaturen wegen des mangelnden Unterbaus am Kirchplatz.

Der Architekt kann es nicht glauben. Er stellt die Frage: „Hat denn Baukultur keinen Stellenwert mehr in dieser ,Light-Welt‘, in der nur noch zählt, was praktisch und problemlos ist? Gibt es niemanden mehr, der nach anderen Gesichtspunkten urteilen kann, der Gefühl für Stil und Qualität hat und bereit ist, kleine Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen, um einer höheren Gestaltung wegen?“ Es hört sich fast an wie Verzweiflung.

Gerade kommt der Oberhachinger von einer Reise zurück, die ihn nach Santiago de Compostela in Spanien führte. Die Altstadt sei hier mit einem Plattenbelag versehen, der sich hinsichtlich der Unebenheiten nicht von den Gehwegen des Kirchplatzes unterscheide. „Und dies, obwohl sich hier an einem Tag wahrscheinlich mehr Menschen bewegen als auf dem Kirchplatz in Monaten.“ Dabei sind nach den Worten Noaes unter den Pilgern auch Behinderte mit Gehhilfen aller Art, und am Morgen wimmele es von Lastfahrzeugen für die Belieferung der Läden, Hotels und Restaurants. Der Architekt stellt die Frage, was am Ende mehr zählt, Bequemlichkeit oder Atmosphäre. Er fragt nach der Grenze für die Barrierefreiheit. Denn auch in diesem Punkt können man übertreiben. Zugespitzt formuliert: „Es wäre auch behindertengerecht, die Alpen einzuebnen. Aber ist es sinnvoll?“

Bürgermeister Schelle betont, dass die Sichtweise des Architekten gar nicht so verschieden sei von seiner eigenen: „Die historische Anmutung und die grundsätzliche Verkehrsführung sind absolut passend für unsere historische Ortsmitte.“ Es bestehe auch keine Eile bei der Umgestaltung. Er freue sich jedenfalls sehr, wenn der Architekt an der Diskussion teilnehme.

Diese Aufforderung nimmt der Planer gerne an: „Als Architekt der Kirchplatzgestaltung bin ich zwar ein schwacher Kandidat zu dessen Verteidigung. Mit meinen 77 Jahren kann man mir aber vielleicht eine gewisse Kompetenz im Urteil über Altersbehinderung zurechnen.“

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