Die Auftragsbücher der Handwerker sind voll

Wer bauen will, braucht viel Geduld

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    Janine Tokarski
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Ob Turnhalle, Einfamilienhaus oder ein ganzes Wohnviertel: Wer bauen oder sanieren will, braucht derzeit viel Geduld und viel Geld. Der Bauboom in der Region München hat gravierende Folgen.

Landkreis – Handwerker (5580 Betriebe gab es 2016 im Landkreis München – 1250 mehr als noch 2006) jubeln, ihre Auftragsbücher sind voll, ihre Leistungen gefragter denn je. Häuslebauer und Kommunen hingegen trifft die große Nachfrage nach Maurern, Zimmerern und Co. hart.

„Es gibt eine erhebliche Preissteigerung im Handwerksbereich“, bestätigt Gerd Kienle, der ein Architektur-Büro in Ottobrunn betreibt. „Man hat auch zu kämpfen, um überhaupt einen Handwerker zu bekommen, vor allem für kleinere Projekte.“ Denn große Bauvorhaben seien für Handwerker oft lukrativer, „da bleiben die kleinen Hausbauer manchmal auf der Strecke“, stellt der Architekt fest. Vor allem, wenn sich private Bauherren selbst um alles kümmern, ohne Architekt oder Projektbegleitung. „Sie tun sich oft schwer, jemanden zu finden und die nötige Qualität zu bekommen.“ Durch oftmals langjährige Zusammenarbeit gelinge es Baubüros eher, fachlich qualifizierte Kräfte zu finden. Der angespannte Markt macht aber nicht nur Häuslebauern, sondern auch Kommunen sehr zu schaffen.

Osterfeldhalle Ismaning

Zum Beispiel der Gemeinde Ismaning. Die marode Osterfeldhalle müsste dringend saniert werden. Dass Wasser durch die undichten Oberlichter in die Turnhalle tropft, ist längst bekannt im Rathaus. Doch von mehreren Firmen, die die Kommune direkt anschrieb, kamen nur Absagen. Die Handwerker „haben uns mitgeteilt, dass das in diesem Jahr nichts mehr wird“, sagte Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) resigniert. „Sie sind alle randvoll mit Aufträgen.“ Frühestens nächstes Jahr können die Arbeiten beginnen; so lange wird das Dach provisorisch abgedichtet.

Leidtragende sind Sportvereine und Schüler. Die Basketballer des TSV Ismaning mussten ihr Heimspiel Mitte November in die Realschul-Turnhalle verlegen, weil mitten in der Halle eine Pfütze plätscherte (wir berichteten).

Sportplatz-Haus in Hochbrück

Auch die Fußballer vom FC Hochbrück mussten bangen. Denn der Stadt Garching erging es nicht besser, als sie den Bau eines Gebäudes für Umkleiden, Duschen, Vereinsraum und Garage am Sportplatz ausschrieb – und das gleich zweimal. Ergebnis beider Runden: null Angebote. Dann schrieb die Verwaltung vier Firmen direkt an, nur eine aus Südtirol zeigte Interesse. Doch sie bot einen Luxusholzbau für 1,1 Millionen Euro statt der einkalkulierten 345 000 Euro an. Nach zähen Verhandlungen und dem Ansetzen des Rotstifts baut die Firma nun ein kleineres, niedrigeres Gebäude ohne Terrassen-Überdachung und mit Fertig-Fundamenten für 470 000 Euro. Zudem packen die Sportler selbst an und steuern 50 000 Euro Eigenleistung bei.

Ortsmitte Brunnthal

Eine richtig bittere Pille muss Brunnthal schlucken. Dort sorgt der überhitzte Markt in der Baubranche dafür, dass die gesamte neue Ortsmitte, bestehend aus den Gewerbe-Projekten Gasthof und Hotel einerseits und dem Bau von acht Wohnungen andererseits, später fertig und deutlich teurer wird. Allein der Gasthof ist schon jetzt 700 000 Euro teurer als geplant. Mittlerweile liegen die Gesamtkosten für die Ortsmitte bei geschätzt13 Millionen Euro – und noch sind nicht alle Arbeiten vergeben.

Dabei „gehen wir mit Geld um, das uns nicht gehört“, betont Brunnthals Zweiter Bürgermeister Thomas Mayer (CSU). Es sind Steuergelder, die in die Baustelle fließen. Doch die Gemeinde sitzt in der Klemme. „Wir haben was angefangen, das müssen wir jetzt auch gescheid zuende bringen.“

Die Projektplaner mussten manche Gewerke aufteilen, um Handwerker zu finden. Das kostete Zeit und hat zur Folge, dass weder Fenster noch Fassade vor dem Winter fertig werden.

Grundschule Oberhaching

Auch Oberhaching kämpft. Zwar werden beim Grundschul-Neubau „die aktuellen Zeitpläne aller Voraussicht nach eingehalten“, sagt Bürgermeister Stefan Schelle (CSU). Aber insgesamt hat sich das Projekt, bestehend aus Sanierung und Teilneubau, bislang um etwa ein Dreiviertel Jahr verzögert. „Wenn alles gut läuft, sind wir bis zum Spätherbst 2018 fertig. Bis Schuljahresbeginn werden wir es nicht ganz schaffen.“ Mit 23 Millionen Euro hatte die Gemeinde gerechnet, derzeit liegen die Kosten bei rund 25 Millionen Euro. Schelle schätzt, dass der Baupreis derzeit allgemein „rund ein Drittel höher liegt“ als noch vor einigen Jahren. Komplizierte Vorhaben wie eine Mischung aus Sanierung und Neubau bei der Grundschule „wird schwierig, weil die Firmen keinen Puffer mehr haben. Handwerk ist momentan ein knappes Gut.“ Vor allem groß aufgestellte Unternehmen, die Projekte wie die Grundschule stemmen können, „sind für ein bis eineinhalb Jahre voll.“

Hohe Nachfrage bietet Chancen

Das ist die eine Seite der Medaille. Franz Zeller, der in Grafing (Kreis Ebersberg) eine Heizung-Sanitär GmbH betreibt, erkennt in der guten Auftragslage für Kunden sogar eine Chance. Wer mit seinem Auftrag zeitlich sehr flexibel sei, könne unter Umständen über einen Preisnachlass verhandeln. „Das hatte ich zwar noch nicht so oft, wäre aber eine Möglichkeit. Da könnte man drüber reden“, sagt der Diplom-Ingenieur. So eine Regelung würde für beide Vorteile bieten: Der Kunde bekommt eine Leistung billiger, der Handwerksbetrieb kann tätig werden, wenn es ihm zeitlich passt.

Derzeit ist Zellers Betrieb „einigermaßen ausgelastet – aber nicht auf ein halbes Jahr hinaus, sondern für die nächsten zwei Monate“. Für Kleinigkeiten sei immer Luft. Das gelte besonders für Notfälle, etwa wenn im Winter die Heizung ausfalle. Musste er schon Aufträge ablehnen? „Das kommt vor, weil es zeitlich manchmal einfach nicht rausgeht.“ Besonders, wenn die Auftraggeber sehr kurzfristig auf ihn zukommen würden. Das sei vor allem bei öffentlichen Ausschreibungen oft der Fall. „Da hat man manchmal gar keinen Vorlauf mehr“, bedauert der Versorgungsingenieur. Besonders in diesem Jahr hätte sich sein Auftragsbuch stark gefüllt. „Das bringt meinen Betrieb schon manchmal in die Bredouille.“ 15 bis 20 Prozent weniger Aufträge würden ihm ein entspannteres Arbeiten ermöglichen, manche Dinge würden sich aber eben nicht verschieben lassen. „Da kann man die Leute nicht sitzen lassen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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