+
Er hat einen ganz besonderen Auftritt zu Weihnachten: der „Kasperl Fischer“ aus Oberhaching.

Puppenspieler in der dritten Generation

Kasperltheater in der Kirche - dieser Oberhachinger  steckt dahinter

  • schließen

Ausgerechnet zum Weihnachtsgottesdienst sorgt Thomas Fischer aus Oberhaching in St. Maximilian in München für ein echtes Kasperltheater. Und dass auch noch auf Einladung von  Pfarrer Rainer Maria Schießler.

Oberhaching – Der Deifi, der Teufel, hat Thomas Fischer immer schon besonders gefallen. Sogar noch ein bisserl besser als der Kasperl. Mit seinen spitzen, blutigen Hörnen aus Elfenbein und seinem grimmigen Gesicht kann man sich gut vorstellen, wie er als Mephisto im „Faust“ die Zuschauer in seinen Bann zieht. Am 24. Dezember wird der Deifi aber vermutlich daheim bleiben, wenn der 55-Jährige „Kasperl Fischer“ mit seinem Theater Richtung München fährt – zu einem ganz besonderen Auftritt: Er darf beim Weihnachtsgottesdienst in St. Maximilian spielen. Pfarrer Rainer Maria Schießler, der für seine ungewöhnlichen Ideen für seine Gottesdienste bekannt ist, hatte bei ihm angefragt. „Das ist schon etwas ganz Besonderes“, sagt Thomas Fischer. Etwa eine dreiviertel Stunde lang wird der Kasperl im Kindergottesdienst um 16 Uhr die Weihnachtsgeschichte erzählen. Wie genau, das wird natürlich noch nicht verraten. Klar ist nur: Die Kinder sind nicht nur Zuschauer, sondern dürfen auch mitmischen.

Das Erbe vom Opa

Fischers Großvater hätte die Idee sicher gefallen.  „Der war es auch, bei dem das mit dem Kasperl-Theater begonnen hat“, erzählt der Enkel. Geplant war das nicht. Eine Brauerei in seiner Heimat Westfalen hätte er als Erbe übernehmen sollen. „Aber mein Opa war schon immer theateraffin, besonders das Marionetten- Kasperltheater Kaperltheater haben es ihm angetan.“. Und so hat sich der Großvater heimlich einen Salonwagen bauen lassen und sich zum 20. Geburtstag vier Pferde gewünscht. „Die hat er vor den Wagen gespannt und ist über Nacht einfach abgehauen.“

Radl und zwei Bretter

Als Konzertagent und mit seinem Kasperltheater hält er sich über Wasser. In Berlin lernt er die Primaballerina Josefine Fischer kennen – Thomas Fischers Oma. Die beiden heiraten, bekommen mehrere Kinder, von denen nur Thomas’ Vater Franz überlebte. Als der Großvater stirbt, muss der mit 14 Jahren die Familie ernähren und übernimmt das Kasperltheater. Der Zweite Weltkrieg stellt das Leben der Familie völlig auf den Kopf. Franz gerät in russische Kriegsgefangenschaft. Als er zurückkommt, ist seine Kasperl-Ausrüstung größtenteils weggebombt. Mit fünf bis sechs Puppen, zwei Holzbrettern und einem Radl fängt er neu an, zieht von Dorf zu Dorf und landet schließlich in Oberhaching, wo er eine Hausmeisterstelle beim Roten Kreuz annimmt. „Die Straße, wo er gewohnt hat, wurde irgendwann nach ihm benannt – der Puppenspielerweg“, sagt Thomas Fischer und zeigt auf ein altes Foto von dem Haus, in dem der Vater lebte.

Vater stellt sich quer

Jener Franz Fischer ist den meisten, vor allem älteren Oberhachingern bis heute ein Begriff. Er war es, der den Kasperl-Fischer groß und bekannt gemacht hat. Und sein einziger Sohn Thomas saß immer fasziniert dabei, wenn sein Vater die Puppen zum Leben erweckte.

Die Stücke kannte er bald alle auswendig. „Die meisten davon hatten mein Großvater und mein Vater selbst geschrieben.“ Nur er selbst sollte eigentlich nicht Puppenspieler werden. Das wollte der Vater partout nicht. „Der hatte Angst, dass ich besser bin als er und wollte keine Konkurrenz“, hat Thomas Fischer von seiner Mutter erfahren. So macht er eine Handwerker-Ausbildung, lernt dann Versicherungskaufmann und baut zwei Versicherungsagenturen auf – ohne allerdings jemals die Liebe zum Kasperltheater zu verlieren.

Als sein Vater ins Krankenhaus kommt, muss er das erste Mal einspringen. Es fällt ihm nicht schwer. „Das war schon immer meine Welt.“

Bundesweit unterwegs

Als der Vater stirbt, rufen die Kunden bei dessen Sohn an. Was denn nun sei mit dem Kasperltheater und ob er es nicht machen könne. „Nach zwei Monaten habe ich meine Versicherungsagenturen geschlossen“, erzählt Thomas Fischer. Seitdem ist er der Kasperl-Fischer längst nicht nur den Oberhachingern ein Begriff. In ganz Deutschland ist er unterwegs, spielt bei Straßen- und Sommerfesten, bei Geburtstagen und Hochzeiten. Er hat in der Staatskanzlei gespielt und den „Faust“ vor Professoren in der Universität Heidelberg.

Die klassischen Märchen spielt er nicht. Es sind die Stücke vom Vater und Großvater und auch er selbst hat schon viele geschrieben. Auch hier geht es um Prinzessinnen und Zauberer, um Räuber und Polizisten. Aber: „Bei mir werden die Kinder voll eingebunden“, sagt Fischer. Sie müssen Fragen beantworten und Tipps geben, wie es weitergeht. „Da sind die mit Feuereifer dabei.“ Und ganz nebenbei lernen sie so Sachen wie: Nicht mit Fremden mitgehen – oder an der roten Ampel stehen bleiben.

Greta als Thema

Auf Wunsch schreibt Fischer für Geburtstage auch kleine Stücke, die auf das jeweilige Geburtstagskind zugeschnitten ist. Sogar Greta Thunberg und den Klimaschutz hat er schon auf Wunsch eines Opas auf die Bühne gebracht. „Dann hat die Gretl über die vielen Autos gejammert und der Kasperl ihr erklärt, dass sie auch keine Milch trinken darf, weil die Kühe so viel pupsen.“ Was gar nicht geht: Gewalt auf der Bühne. „Da hat der Kasperl einen ganz schönen Imagewechsel hingelegt“, sagt Fischer und lacht. Während bei seinem Großvater der Kasperl das Krokodil noch erschlagen hat, kommt es jetzt in einen Tierpark. Und der Räuber wird nicht einfach aufgeknüpft, sondern auf Anraten der Kinder von der Polizei eingesperrt. Dass sein Theater pädagogisch wertvoll sei, haben ihm Experten immer wieder bestätigt. Das unterscheidet ihn auch von anderen, die „auf die Schnelle billige Puppen kaufen, die sich gegenseitig auf der Bühne verhauen“, sagt Fischer.

250 Puppen

Rund 250 Puppen besitzt er, vom Seppl über Prinzessin und Krokodil bis zum Nikolaus und exotischen Tieren. Viele von ihnen stammen aus der bekannten Hohnsteiner Handspielpuppenwerkstatt aus dem Erzgebirge, andere „hab ich irgendwo aufgestöbert“, erzählt Fischer. Eine Näherin macht ihm die verschiedenen Kleider für die Puppen. Jede spielt er selbst, bewegt sie, gibt ihnen eine Stimme. Rund 50 Minuten dauert ein Stück im Schnitt. Oft spielt er bis zu acht Mal am Tag. „Da kommt man schon ins Schwitzen.“ Doch was er vom Publikum zurückbekommt, ist alle Mühe wert. „Sogar ältere Kinder, die erst lästern, kommen dann zu mehreren Vorstellungen.“

Fernsehen überlebt

Dabei gab es schon 1958, als das Fernsehen aufkam, die Schlagzeile „Muss der Kasperl sterben?“. „Wir haben Kino, Fernsehen und Nintendo überlebt“, sagt Fischer, „da packen wir auch alles weitere.“ Kinder hat Thomas Fischer keine. Wie es mit dem Fischer-Kasperl mal weitergeht, ist auch deshalb noch unklar. Aber so weit denkt Fischer nicht. Jetzt freut er sich erst mal auf seinen bisher ungewöhnlichsten Auftritt – beim Weihnachtsgottesdienst.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Landratsamt gibt Rat zum Coronavirus - Das müssen Sie jetzt wissen
Aufgrund der Corona-Infektionen hat das Landratsamt München alle relevanten Informationen für die Bürger im Landkreis München auf einem Handout zusammengefasst.
Landratsamt gibt Rat zum Coronavirus - Das müssen Sie jetzt wissen
Sturm Bianca wütet im Kreis München: Landratsamt warnt vor akuter Lebensgefahr im Freien - 130 Sturm-Einsätze
130 Sturm-Einsätze hat die Feuerwehreinsatzzentrale bislang im Landkreis München in der Nacht auf Freitag verzeichnet. Beim Forstwirt bei Harthausen rammte ein Pkw einen …
Sturm Bianca wütet im Kreis München: Landratsamt warnt vor akuter Lebensgefahr im Freien - 130 Sturm-Einsätze
Kripo befragt 50 Klosterschüler: Hitlerbilder und Schlimmeres landet in WhatsApp-Klassen-Chat
Bis zu 50 Schüler sollen aktuell von der Kripo befragt werden. Der Verdacht ist schlimm. Menschenverachtende Inhalte landeten in einem WhatsApp-Klassen-Chat.
Kripo befragt 50 Klosterschüler: Hitlerbilder und Schlimmeres landet in WhatsApp-Klassen-Chat
Im Landkreis München: Supermarkt-Kunde sieht Toffifee-Chaos - und zückt Handykamera
Kurioses Toffifee-Chaos mitten in einem Supermarkt im Landkreis München. Ein Jodel-User hat jetzt ein Foto aus einem Supermarkt geteilt.
Im Landkreis München: Supermarkt-Kunde sieht Toffifee-Chaos - und zückt Handykamera

Kommentare