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Neue Heimat Oberschleißheim: Die vierjährige Lilian und ihre Eltern Achmed und Nadine Abu Warrad aus Syrien.

Lebensgefährliche Flucht

Endlich in Sicherheit

Nach einer lebensgefährlichen Flucht versucht eine junge Familie aus Syrien den Neuanfang in Oberschleißheim

Wenn Nadine (23) an ihre Flucht denkt, hat sie die Schleuser vor Augen. Sechs Männer, die Lebensmittel und Medikamente ihrer vierjährigen Tochter aus dem Boot stehlen. Sie sieht, wie sich ihr Ehemann Achmed (33) auf die Männer stürzt, da die Schleuser der Vierjährigen auch noch die Schwimmweste vom Leib reißen wollen. Dann folgen Tage voller Durst unter der gleißenden Sonne im Mittelmeer und fürchterlich kalte Nächte.

6000 Euro waren den ägyptischen Schleusern nicht genug. Der Familie Abu Warrad blieben auf der zehntägigen Überfahrt von der Küste Ägyptens bis Sizilien bloß ein paar Liter stinkender grüner Brühe zum Trinken und etwas Brot. Zehn Tage in einem Boot mit 500 Leidensgenossen, darunter 100 Kinder. Zehn Tage ohne Schlaf, fast ständig in der Hocke an den Nachbarn gequetscht, erinnert Achmed. „Ich habe mich ständig gefragt, warum tust Du das Deinem Kind an“, sagt Nadine. „Enge, Schweiß, verzehrender Durst.“ Zehn Tage im September 2013, die mit einer glücklichen Landung in Sizilien endeten. „Jetzt war alles in Ordnung. In Europa gab es keine Probleme mehr.“

Als der Arabische Frühling in Syrien Einzug hielt und ein friedlicher Protest gegen die Regierung von Baschar al-Assad sich Anfang 2011 zum bewaffneten Konflikt auswuchs, schien Familie Abu Warrad in Sicherheit. Damaskus hatte noch nicht allzu viel vom Krieg gesehen. Im Zentrum der Hauptstadt lebten Nadine, Achmed (35) und Liliana ihr Leben weiter, die Abiturientin und der Koch. Dann fielen die ersten Bomben. Schon der Tochter wegen entschloss sich das Paar, Syrien den Rücken kehrten.

„Niemand hat damals gedacht, dass die Kämpfe lange andauern“, sagt Nadine. Im Libanon wollten sie Assads Ende abwarten. Doch schon die Flucht geriet zum Albtraum. Im Hochland lag Schnee. Zuvor durchquerten sie unter Lebensgefahr die Stellungen, die Assads Soldaten rund um Damaskus besetzten. „Auch der IS war in der Nähe.“ Nadine erzählt von Todesängsten.

Acht Monate hielten sie es im Libanon aus. Acht Monte, in denen sie am eigenen Leib spürten, was die arabische Welt dieser Tage zerreißt. „Ihr seid Syrer, was wollt Ihr hier“, hätten ihnen die Leute in Beirut vorgehalten, erinnert sich Achmed. Die Familie erlebte, wie sich der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zu einer Bedrohung für sie auswuchs. Die Abu Warrads sind Sunniten, gläubige Moslems, die sich mit dem ultrakonservativen Gedankengut der Salafisten nicht identifizieren mögen. 

Nadine ist eine selbstbewusste junge Frau mit Abitur für englische Sprache, die von einem Studium träumt. In nur 22 Monaten lernte sie Deutsch. Auf einer Veranstaltung zum Thema Integration erhob sich die 23-Jährige in Oberschleißheim, erzählte von ihren Erlebnissen und dem Willkommen in der Gemeinde. Lilian geht in den Kindergarten. Beim St. Martinszug lief sie vorne weg. „Sie ist schon eine Deutsche“, sagt Achmed.

Ursprünglich wollte die Familie nach Schweden, wo Verwandte leben. Es kam anders – die drei wohnen in Oberschleißheim. In der Gemeinde fühlte sich die Familie schnell aufgehoben. Da waren die vielen Ehrenamtlichen vom Helferkreis Asyl, die den Flüchtlingen schon in den Containern am Jugendbegegnungszentrum am Tower zur Hilfe eilten. Brita Janßens aus dem Rathaus, die Himmel und Hölle in Bewegung setzte. Nachbarn und Eltern der Kindergartenkinder, die sie über Lilian kennenlernten. Und Deniz Dadli, Leiter des Jugendzentrums „Planet O“, der Achmed einen Minijob in den Bürgerstuben vermittelte und Nadine in die Arbeit mit Flüchtlingen einbindet. „Die beiden haben Glück gehabt, dass sie vor der großen Welle ankamen.“ Niemand hat vor zwei Jahren an eine Flüchtlingskrise wie diese gedacht.

Auf die junge Familie will Deniz Dadli weiterhin ein Auge haben. Er glaubt an das Potential der jungen Syrer und ihrer Landsleute. Was Dadli umtreibt, ist die Sorge vor Flashbacks. Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung wirken in der Regel verzögert. „Die Familie hat Furchtbares durchgemacht„ Ich hoffe, dass sie nicht aus der Spur getragen wird.“ Andreas Sachse

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