Trauerbewältigung

Alltag nach Amoklauf: Landkreis mit Herz

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Landkreis - Der erste Werktag nach dem Amoklauf: Die Menschen haben die Tat freilich noch nicht vergessen. Doch der Alltag kehrt langsam zurück und verdrängt die Trauer.

Montage tun weh. Der Wechsel von Freizeit am Wochenende in Berufs- und Schulalltag am Beginn der Woche fällt vielen Menschen schwer. Doch der Weltschmerz in Stadt und Landkreis München ist Anfang dieser Woche besonders stark. Es wird getrauert an Schulen, vor Rathäusern wehen die Fahnen auf halbmast und Passanten sorgen sich um ihre Sicherheit. Das, was am vergangenen Freitag, 22. Juli, 2016 als die Amok-Nacht von München in die Geschichte einging, ist freilich auch drei Tage später noch präsent in den Köpfen. 

Ein 18-jähriger Amok-Schütze hatte am Olympia Einkaufszentrum neun Menschen und anschließend sich selber umgebracht. Die Todesopfer sind hauptsächlich Jugendliche, darunter der 20-jährige Dijamant Z. und der 14-jährige Can L., der in Unterhaching auf die Mittelschule ging (wir berichteten). 

Die Lehrer müssen Worte finden für eine Tragödie, für die es keine Worte gibt

Der Alltag kehrt nur langsam in den Landkreis zurück. Das Kultusministerium sowie der Bayerische Lehrerverband haben empfohlen, den Amoklauf von München im Schulunterricht zu thematisieren. Die Lehrer haben damit die Aufgabe, Worte zu finden für eine Tragödie, für die es eigentlich keine Worte gibt. Andreas Hautmann, Schulleiter des Carl-Orff-Gymnasiums, hat den Lehrerkollegen noch am Sonntag eine Mail geschrieben, um sie vorzubereiten. Der Tenor: Ihr werdet wahrscheinlich darauf angesprochen. Auch Karin Lechner, Rektorin der Therese-Giehse-Realschule, hat das Kollegium noch vor Unterrichtsbeginn informiert. „Unser Ziel ist, Ruhe reinzubringen“, sagt sie. 

Ein paar Unterschleißheimer Gymnasiasten waren am Freitag während des Amoklaufs in München unterwegs. Hautmann kann sich auch vorstellen, dass einige Schüler den getöteten Dijamant Z. aus Lustheim kannten. Hinzu kommt, dass vermutlich viele Jugendliche das Video gesehen haben, wie der Amokschütze vor einem Fast-Food-Restaurant wahllos Menschen erschoss. Seinen Kollegen hat Hautmann daher keine Handlungsempfehlung gegeben, wie er sagt. „Da kann man nur den Kanal öffnen und darüber sprechen.“ Fingerspitzengefühl sei gefragt. So wie am Freitagabend, als das Schulfest des Gymnasiums lief und man sich gegen 22 Uhr dazu entschied, „langsam und ohne Panik“ abzubauen. 

Es muss weitergehen. Die Frage ist: Wie schnell?

Vielerorts war am Wochenende nicht an Feiern zu denken. Einige Veranstaltungen wurden abgesagt, andere dagegen wurden durchgezogen, um ein Zeichen zu setzen. Bei der Einweihung des Waldorfkindergartens in Buchenhain am Wochenende haben Eltern, Erzieher und Besucher in einer Schweigeminute der Opfer des Attentats gedacht. „Was wissen Kinder schon von Trauer und Schmerz, von Gräueln und von Tod“, fragte Christian Westermann, der erste Vorsitzende des Fördervereins, der den Kindergarten trägt, in seiner kurzen Ansprache die Versammelten. Er meinte, man habe durchaus überlegt, die Feier abzusagen. Sich dann aber doch entschlossen, alles durchzuziehen wie geplant. Um nicht „dem Kummer im Übermaß nachzugeben“. Auch das Sautrogrennen in Ismaning fand statt. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Hahn, der die Pokale spendierte, betonte dass die Durchführung des Festes mit dem Rennen trotz des Münchner Amoklaufes richtig sei: „Es muss ja irgendwie weitergehen.“ Die Frage ist: Wie schnell soll es weitergehen? 

Das Straßenfest in Unterhaching am kommenden Sonntag wurde abgesagt. Genauso wie das Straßenfest des KUV Concordia Lustheim am kommenden Samstag. In der Straße, wo das Fest hätte stattfinden sollen, wohnt die Familie von Dijamant Z. „Es ist nicht die Zeit, um zu feiern. Die ganze Straße ist betroffen“, sagt Stefan Vohburger, Schriftführer bei Concordia und Gemeinderat der Freien Wähler in Oberschleißheim. Wann denn wieder so etwas wie Alltag einkehren wird, fragt man ihn. Vohburger weiß keine Antwort.

Das gemalte Bild einer Pullacherin (18) wird zum Symbol des trauernden Münchens im Internet

Auch Kim McMahon aus Pullach wusste keine Antwort, als sie am Freitagabend vom Amoklauf erfuhr.Also hat die 18-Jährige ein Bild gemalt, um mit der Situation umzugehen. Im Internet wird ihr Bild vom Münchner Kindl zum Symbol der Trauer um die Opfer des Amoklaufs.

Jeder bewältigt Schmerz anders. Dieser Meinung ist auch die Schulleiterin des Unterhachinger Lise-Meitner-Gymnasiums Brigitte Grams-Loibl. Sie sagt, man wolle den Schülern das Thema daher nicht aufzwängen. Am Sonntag begannen die Theatertage an der Schule. Vor dem ersten Stück haben Schüler und Gästen den Opfern in einer Schweigeminute gedacht. Dann wurde Theater gespielt. Das erste Stück hieß „Alle Pinguine sind gleich“. Grams-Loibl erzählt: „Das hat das Ganze gut aufgegriffen.“

rat

Rubriklistenbild: © dpa

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