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Bald ganz Frau? Katharina Perreiter zeigt sich auch auf der Straße ganz offen.

Mutiges Outing

Andreas Perreiter, genannt Katharina

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Oberschleißheim – Jahrelang war es nur so ein Gefühl. Dann begriff Andreas Perreiter, dass er transsexuell ist. Anfang des Jahres outete sich der Pfarrgemeinderats-Vorsitzende aus Oberschleißheim öffentlich.

Sie brauchte nur noch einen Namen. Natürlich. Dass ihr das erst so spät einfiel, ein paar Tage vor dem einen großen Tag. Nachts lag sie wach, quälte sich durch ein langes, schlafverhinderndes Grübeln. Der Name musste griechisch sein und irgendwie auch bayerisch. Und dann kam er ihr: Katharina. Dass das übersetzt so viel heißt wie „die Reine, die Aufrichtige“, daran dachte sie in dieser Nacht nicht.

Tage später stand Andreas „Anderl“ Perreiter beim Neujahrsempfang des Pfarrverbands Oberschleißheim (Kreis München) vor einem Saal voller Kirchenleuten und Lokalpolitikern. Er trat ans Mikro. Das schwarze Kostüm wirkte feierlich. Dann offenbarte er, was ein paar wenige schon wussten: „Ihr könnt mich künftig Katharina nennen.“

Noch ganz Mann? „Anderl“ Perreiter, neben Pfarrer Ulrich Kampe, beim Neujahrsempfang vor einem Jahr.

47 Jahre lang lebte Perreiter als Mann. So wurde sie geboren. Die Leute kennen sie als „Anderl“, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats von Maria Patrona Bavariae, Chormitglied, Finanzbeamter. Seit jenem Tag Ende Januar wissen sie aber, dass Perreiter sich als Frau fühlt. „Ich habe mich entschieden, das Verstecken aufzugeben“, sagt sie. „Dafür, dass ich so bin, habe ich mich nicht entschieden.“

Zeigen, wie sie ist – damit hat Perreiter keine Probleme mehr. Zu unserem Termin kommt sie mit schwarzem Kleid und Perlen-Ohrsteckern. Leicht breitbeinig schlendert sie am Pförtner vorbei. „Das damenhafte Benehmen muss ich noch lernen“, sagt die gut 1,80 Meter große Erscheinung später im Gespräch. Das wundert kaum. Es dauerte Jahre, bis sie merkte, dass sie eventuell transsexuell ist.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Transsexualität als eine Störung der Geschlechtsidentität. Der Betroffene fühlt sich dem anderen Geschlecht zugehörig und strebt danach, in diesem Geschlecht anerkannt zu werden. Darüber, wie viele Transsexuelle offen in Deutschland leben, gibt es kaum verlässliche Zahlen. Von 10 000 ist oft die Rede. Jedes Jahr sollen rund 300 Menschen den Schritt zu einer hormonellen Behandlung oder Operation wagen. So weit ist Perreiter noch nicht. Der Weg, den sie hinter sich hat, war anstrengend genug.

Nur so ein Gefühl. Am Anfang war es nicht viel mehr. Mit Anderl stimmte irgendetwas nicht, jahrelang. Er reagierte häufig über, machte sogar eine Therapie, weil „ich so gerne explodiert bin“. Heute sagt Katharina: „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es mir richtig gut gegangen ist.“ Aber was es war, das wusste sie damals noch nicht.

Mehr aus einem inneren Drang heraus fing Anderl an, zu experimentieren. Ließ die Haare wachsen. Trug durchsichtigen Nagellack auf. Bestellte sich Frauenwäsche im Internet und zog sie heimlich an. Erst zu Hause, dann auch draußen. Seine Männerkleidung trug er drüber. Niemand sollte etwas bemerken.

Dass das funktionierte, beweist ein Foto, auf dem Perreiter beim Oberschleißheimer Neujahrsempfang 2013 zu sehen ist. Die Haare sind schon länger als sonst, der Hemd und Jancker verbergen die Kleidung, in der sie sich auch damals schon viel wohler fühlt. Katharina Perreiter blickt einige Sekunden still auf das Foto von damals. „Wenn man das nicht zeigen darf“, sagt sie dann, „das ist was Grausames.“

Dorette Poland hört solche Sätze seit mehr als 30 Jahren. Die Psychotherapeutin aus München arbeitet mit Transsexuellen und erstellt Gutachten, von denen schließlich abhängt, ob die Krankenkasse die Kosten für eine Geschlechtsumwandlung übernimmt. Sie hatte Lasterfahrer und Soldaten, Sportler und hohe Tiere aus der Wirtschaft in ihrer Praxis. „Ich habe sehr verzweifelte Menschen gesehen“, sagt sie. Menschen, die ihr Gefühl verdrängten, leugneten, sich für nicht ganz dicht hielten, die Selbstmordgedanken hatten, immer. Sie litten an der Gewissheit, im falschen Körper zu stecken und daran, „Fremde in der Gesellschaft“ zu sein. Ihre Erfahrung zeigt: „Es gibt nichts anderes, das so tiefgreifend ist. Außer Psychosen.“

Auch das gibt es. Männer und Frauen, die sich aufgrund von Wahnvorstellungen plötzlich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Polands Aufgabe als Gutachterin ist es, wirkliche Transsexualität zu erkennen und gemeinsam mit dem Patienten einen Weg zu finden, damit umzugehen. Hormonbehandlung oder Operation sind nur eine Möglichkeit. Die Frage ist, wie stark das Gefühl, im falschen Körper zu sein, den Menschen belastet.

Zwei bis drei Jahre dauert die Therapie, mindestens. Erst dann entscheidet sich: Operation oder nicht. Auch das soziale Umfeld – Ehepartner, Eltern, Freunde – spielt in diesem Prozess eine Rolle. Ziehen sie nicht mit, ist das ein Problem. „Manchmal kann es sogar besser sein, sich nicht zu outen.“

Perreiter war nie verheiratet. Die erste, der sie sich offenbarte, war ihre Tante. Damals lag sie krank zu Hause im Bett, hatte ein Nachthemd für Damen an. Als die Tante zu Besuch kam, zog sie sich nicht um, dachte: „Jetzt is’ eh wurscht.“ So war es, Perreiter erinnert sich gut. „Ich hab’ der Tante die Klamotten hergezeigt“, erzählt sie. „Nach ein paar Minuten sagte sie nur: ‚süß‘.“

Zweieinhalb Jahre ist das her. Und die Frau, die damals noch „Anderl“ war, fühlte sich bestärkt. Sie begann, im Internet zu recherchieren, machte sich in einschlägigen Foren schlau. Dass das passende Wort zu ihrem Gefühl Transsexualität heißt, realisierte sie erst langsam.

Den ersten großen Schritt heraus aus ihrem Versteck tat Perreiter ein halbes Jahr vor dem Neujahrsempfang. Damals, im Sommer 2013, offenbarte sie sich dem Pfarrgemeinderat, kurz danach ihren Kollegen im Finanzamt. Auch Oberschleißheims Pfarrer Ulrich Kampe vertraute sie sich in einem Gespräch an. „Mit all dem hat sie die Menschen mitgenommen“, sagt Kampe, der schon einige Male mit Transsexuellen in Berührung gekommen ist. Das war während seiner ehrenamtlichen Arbeit in einer Bahnhofsmission. „Ich habe das Leid gesehen, das sie auch aus ihrer nächsten Umgebung erfahren“, sagt er. Amtskirche hin oder her, seitdem ist er sensibel für die Probleme dieser Menschen.

Der Weg, der vor Katharina Perreiter liegt, ist lang. Kürzlich hat sie eine Therapie bei einem von Polands wenigen Kollegen in München angefangen. Perreiter würde gerne Hormone nehmen, damit die Haare nicht dünner werden und um das Brustwachstum zu stimulieren. Auch eine Operation kann sie sich vorstellen, nur an den Stimmbändern nicht. Zu gefährlich. Ob sie wirklich transsexuell ist, entscheidet der Gutachter. Perreiter sagt: „Ich glaube, dass es so ist. Ich fühle es.“

Es tut ihr gut, so zu sein, wie sie jetzt ist. Auch die Menschen in ihrer Umgebung scheinen das zu merken. Die meisten seien offen, sagt die 47-Jährige. Das merkte man auch bei den Pfarrgemeinderatswahlen. Sie wurde wiedergewählt. Auf dem Zettel stand: „Perreiter Andreas, genannt Katharina.“

Marcus Mäckler

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