Viele Senioren wollen die Corona-Impfung, aber viele hatten auch Probleme bei der Anmeldung.
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Viele Senioren wollen die Corona-Impfung, aber viele hatten auch Probleme bei der Anmeldung.

Daten-Panne und Impfstoff-Mangel

87-Jähriger wartet vergeblich auf Impftermin – Tochter: „Habe große Angst um meinen Vater“

  • vonAndreas Sachse
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Ein 87-Jähriger aus Oberschleißheim wartet seit Wochen auf einen Impftermin – vergeblich. Seine Tochter macht sich große Sorgen. Hoffnung auf einen Termin macht wenig.

Oberschleißheim – Ernst W. ist frustriert. Der 87-Jährige aus Oberschleißheim, der eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte, weiß um die Gefahr, der er jeden Tag ohne Impfung ausgesetzt ist. Doch einen Impftermin bekommt er keinen – obwohl er es seit Wochen versucht. Er hat inzwischen eine echte Impf-Odyssee hinter sich.

Seine Tochter (41) bangt derweil um Leib und Leben des Vaters. Der allein lebende Senior versorgt sich im Alltag problemlos selbst. Trotzdem wäre eine Infektion in seinem Alter brandgefährlich. „Er weiß, dass es schnell richtig schlimm werden kann“, erzählt die Tochter. „Ich will keine Extrawurst für meinen Vater.“ Aber das sei nun mal keine Art, mit alten Menschen umzugehen. „Ich habe große Angst um meinen Vater.“ Aus den Medien weiß sie um den gravierenden Mangel an Impfstoff im ganzen Land. Dafür trage jemand die Verantwortung. „Leute, wie mein Vater, kriegen das zu spüren.“

Computer ordnet Senioren falschem Impfzentrum zu

Als Ernst W. sich für den ersten Impftermin registrieren ließ, wurde der Senior Karlsfeld (Kreis Dachau) zugewiesen. Zuständig ist für den Oberschleißheimer aber das Impfzentrum in Unterschleißheim. Der 87-Jährige ist bei weitem nicht der einzige, dem es so erging. Nach der Gemeinderatssitzung im Januar klagte Bürgermeister Markus Böck (CSU) über eine Reihe vergleichbarer Fälle in der Gemeinde.

Schuld daran ist wohl das „Hackermoos-Problem“. Dass die Postleitzahl von Oberschleißheim und dem zu Hebertshausen im Kreis Dachau gehörenden Ortsteil Hackermoos identisch ist, überforderte das System, das die Termine verteilt. Nach Angaben des Landratsamts ist dieser Fehler im System inzwischen behoben. Die Daten-Panne ist anscheinend auf Überschneidungen des bundesweiten Meldeprogramms „DEMIS“ mit dem hauseigenen System der Kreisbehörde zurückzuführen.

„Für sein Alter ist mein Vater sehr rüstig. Ich will, das es so bleibt.“

Für Ernst W. und seine Tochter rissen die Schwierigkeiten damit aber nicht ab. Angst bestimmt ihrer beider Alltag. Fast täglich habe die sie im Impfzentrum angerufen, erzählt die 41-Jährige. „Die sind wirklich sehr freundlich gewesen.“ Verwertbare Informationen, Hilfe gar, habe sie jedoch nicht erhalten. Als sie sich wieder mal um einen Termin bemühte, musste sie erfahren, dass mit den wenigen vorhandenen Dosen Personen ein zweites Mal geimpft wurden, die ihre erste Dosis bereits erhalten hatten. Über den Mangel an lebenswichtigen Vakzinen müsse offen geredet werden, betont die 41-Jährige: „Für sein Alter ist mein Vater sehr rüstig. Ich will, das es so bleibt.“

Dass sie die Schuldigen nicht in den Impfzentren findet, ist der besorgten Tochter bewusst. „Wir könnten viel mehr impfen, wenn wir mehr Dosen bekämen“, bestätigt Landratsamt-Sprecherin Christine Spiegel. „Da geht es uns, wie allen anderen.“ Was den Kreis an Impfstoff erreicht, werde auf die Impfzentren in Unterschleißheim, Oberhaching und Haar verteilt.

Einzige Hoffnung: Endlich mehr Impfstoff

Der Mangel an Impfstoff provoziert Engpässe, setzt die Kreisbehörde unter Druck. Spiegel bestätigt, dass Vakzine bisweilen für Leute reserviert würden, die ihre erste Impfung bereits intus hätten. „Uns bleibt da nicht viel Spielraum“, bedauert die Landratsamt-Sprecherin: Die Gefahr sei groß, die komplette Wirkung zu verlieren, wenn die zweite Dosis zu spät verabreicht werde. Das Personal in den Impfzentren sei angehalten, sich diesbezüglich an die Richtlinien der Hersteller zu halten. Spiegel: „Wir wissen einfach noch zu wenig.“

Mitunter ist der Mangel so groß, das selbst Senioren wie der 87-jährige Ernst W., die nach dem Fahrplan der Bundesregierung an der Reihe wären, keine Chance auf einen Impftermin haben. Wie Spiegel auf Anfrage mitteilt, sind innerhalb einer „priorisierten Gruppe, wie der 80-Jährigen“ erst Bewohner von Alten- und Pflegeheimen an der Reihe. „Das schreibt uns eine Weisung des Gesundheitsministeriums vor.“ Die Gefahr einer Infektion in Heimen sei evident. „Auf der anderen Seite wissen wir, dass viele Menschen außerhalb auf einen Termin warten“, sagt Spiegel. „Hoffentlich gibt es bald genügend Impfstoff!“ Eine Hoffnung, die auch Ernst W. hat.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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