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Hüter des Kalvarienbergs: Karl Anzenberger (64) vor der Kreuzigungsgruppe im Berglwald.

Glaube und Tradition

Kalvarienwallfahrt im Berglwald Oberschleißheim

Oberschleißheim - 23 Stufen sind es bis auf den Kalvarienberg im Oberschleißheimer Berglwald. Oben, am Fuß der drei Kreuze, trotzt Karl Anzenberger (64) spätwinterlichen Temperaturen mit zwei Fackeln in der Hand. Unten scharen sich die Gläubigen um ihren Pfarrer.

Im siebzehnten Jahr in Folge hat der Pfarrverband Oberschleißheim am Gründonnerstagabend zur Kalvarien-Wallfahrt aufgerufen. Die Gruppe der gut fünf Dutzend Pilger führt heuer ein Priester-Trio an. Pfarrer Ulrich Kampe stehen zwei Kollegen im Ruhestand zur Seite. Anton Schönauer (71) betreute bis vergangenen August seine Gemeinde in Gräfelfing. Johann Hagl (77) tat 22 Jahre seelsorgerischen Dienst in Markt Schwaben (Kreis Ebersberg). Als Pensionist in Schleißheim packt er mit an, „wenn meine Hilfe gefragt ist“. 

Karl Anzenberger ist Hüter der Kalvariengruppe

Karl Anzenbergers Hilfe ist jedes Jahr unerlässlich. Der im benachbarten Waldrestaurant „Bergl“ beschäftigte 64-Jährige hat das aus drei Kreuzen bestehende Ensemble auf dem Kalvarienberg vor Jahren sozusagen adoptiert. Während die Gläubigen fern ab in Maria Patrona Bavariae dem Gottesdienst mit anschließender Fußwaschung lauschen, bereitet Karl den Wallfahrtsort mit seinen drei Ziehkindern auf die Ölbergandacht vor.

Karl Anzenberger, den das Schicksal vor Jahrzehnten ins „Bergl“ verschlug, ist in der Gegend wohl bekannt. Er gilt als Unikat, und umfassend interessiert ist Anzenberger obendrein. Die Fackeln am Fuß des Berges und die 23 Stufen hinauf sind entzündet, als er ins Philosophieren gerät. „Es geschieht so viel in jedem Jahr.“ Waldsterben, Panzer in Damaskus, Bomben in Paris und Brüssel, Klimawandel. 

Das alte Christus-Haupt liegt unterm Kreuz begraben

Zwischenzeitlich sollten die Pilger ihre Wallfahrt von Maria Patrona Bavariae zum Kalvarienberg im Wald begonnen haben. Oben auf dem Hügel zupft Karl Anzenberger ein paar Gräser zurecht. Mit der Christusfigur verbindet ihn eine besonders enge Beziehung. Vor fünf Jahren restaurierten er und sein Bruder den Gekreuzigten. Der Specht hatte dem geschundenen Antlitz zugesetzt. Den neuen Kopf und alles übrige finanzierte die Wirtsfamilie. Karl Anzenberger begrub das alte Haupt unter dem Kreuz. „Wie es sich gehört.“

In einer Zeit, die mehr und mehr Tempo aufzunehmen scheint, schätzt Karl Anzenberger die Wallfahrt als eine Art Anker. Derweil ist Pfarrer Kampe mit dem Zweirad angelangt. Pilger folgen, und der rasenbewachsene Platz zwischen Ignatius-Kapelle und Kalvarienberg beginnt sich zu füllen. 

Oma und Enkel wärmen sich am Feuer

Abseits hat Karl Anzenberger vor einer halben Stunde ein Feuer entzündet. In einer gußeisernen Wanne wärmt eine Handvoll Holzscheite Inge Sommer und ihre beiden Enkel, Philipp (9) und Selena (10) aus Unterschleißheim. Zur Ölbergandacht wallfahren längst nicht mehr nur Oberschleißheimer. Gläubige reisen aus der Umgebung an. Oma Inge erinnert sich gut, wie sie mit ihrer Mutter zum Kalvarienberg pilgerte. Die wohltuende Erfahrung mag sie nun mit ihren Enkel teilen.

Pfarrgemeinderatsmitglied Peter Benthues, der die Wahllfahrt seit 1999 organisiert, ruft zu Nächstenliebe auf und erinnert an den, der den „bitteren Kelch bis zur Neige getrunken und sich hat ans Kreuz nageln lassen“. Philipp und Selena genießen es, die Lieder mitzusingen. Oma Inge friert ein bißchen, und Karl Anzenberger trotzt 23 Stufen aufwärts unterm Kreuz den frostigen Temperaturen, zwei Fackeln in der Hand und ein Lächeln im Gesicht.

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