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Leben mit 35 Gästen aus der Ukraine - „Hier ist alles für die Menschen da“

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Von: Charlotte Borst

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Das Zusammenleben sieht so einfach aus und ist eben doch herausfordernd: Frauen, Kinder und Mitarbeiter auf der Treppe im Heiner-Janik-Haus, mittendrin der Leiter Stefan Stoll (oben rechts.).
Das Zusammenleben sieht so einfach aus und ist eben doch herausfordernd: Frauen, Kinder und Mitarbeiter auf der Treppe im Heiner-Janik-Haus, mittendrin der Leiter Stefan Stoll (oben rechts.).  © JBS

Olga und Irina lebten in Ternobil, bis sie vor dem Krieg fliehen müssen. Seit fünf Monaten wohnen sie mit anderen Ukrainerinnen wie in einer großen Familie in der Jugendbegegnungsstätte am Tower.

Oberschleißheim – Gladiolen und gelbe Rosen stehen auf dem Tisch. Olga hat heute Geburtstag, und jeder, der ihr im Speisesaal begegnet, bekommt ein Stück Schokoladentorte. „Das ist hier schon Kult bei Geburtstagen“, sagt Stefan Stoll, der Leiter des Heiner-Janik-Hauses. Olga, die Friseurin, habe auch fast allen Bewohnern schon die Haare geschnitten. „Mir auch“, Stefan Stoll grinst. Das Leben im Heiner-Janik-Haus hat seit der Ankunft der Ukrainerinnen eine besondere Dynamik aufgenommen.

Olga sieht glücklich aus, ihre braunen Augen leuchten, als sie mit viel Mimik und Gestik erklärt, dass sie sich heute frei genommen hat. Sonst arbeitet die 44-Jährige in einem Friseur-Salon im Olympia-Einkaufszentrum. „Ich liebe meine Arbeit“, stolz zeigt sie am Smartphone Fotos ihrer neuen Kolleginnen. „Zuerst durfte ich nur Haare waschen, frottieren und putzen. Jetzt darf ich schon Haare schneiden.“

Arbeitsstelle auf eigene Faust gefunden

Olga hat ihre Arbeitsstelle auf eigene Faust gefunden. Sie will sich eine neue Existenz aufbauen. Ihr Mann bleibt in der Ukraine, „er ist ein großer Patriot“, sagt sie. Als sie zum ersten Mal in den Salon hineinging und nach Arbeit fragte, „da waren die verwirrt“. Als sie zum zweiten Mal kam, hieß es, sie solle ihre Papiere mitbringen. Beim dritten Mal durfte sie zum Arbeiten bleiben.

Abends zum Sprachkurs

Wenn der Salon schließt, fährt sie abends zum Sprachkurs nach Giesing. Ihr Deutsch soll besser werden. „Ich habe schon viel gelernt“, sie lacht, denn sie meint jetzt noch etwas anders und macht eine kreisende Bewegung mit den Armen: „Ich fahre mit dem Fahrrad zur S-Bahn.“ Auch darauf ist sie stolz, und zupft lachend an ihrem T-Shirt: „Ich habe schon ein paar Kilo abgenommen.“

In den Zelten Workshops

Zwei Kinder im Grundschulalter schlendern über die Terrasse an den Liegestühlen vorbei auf die Zelte zu, in denen Workshops laufen. Ein Sommerferientag in Oberschleißheim zwischen Flugplatz und Würm. Seit fünf Monaten leben 35 Frauen und Kinder aus der Ukraine in der Jugendbegegnungsstätte am Tower. Unter ihnen auch Irina mit ihren Töchtern.

„Hier ist alles für die Menschen da“

Die 37-Jährige ist heute für das Mittagessen verantwortlich. Irina ist Juristin, in Ternobil arbeitete sie am Gericht. Ihr Eindruck von Deutschland? „Hier ist alles für die Menschen da.“ Die Wertschätzung für die Gruppe und jedes Mitglied, die schöne Architektur, das Gelände rund ums Haus. „Aber viele Deutsche sind so gestresst und so ernst“, sie lacht verschmitzt: „Ihr könnt froh sein, dass wir aus der Ukraine euch mal ein bisschen Spaß mitbringen.“

Mitarbeiter-Team vermittelt

Während ihr Mann in der Ukraine bleibt und in Ternobil arbeitet, hofft sie auf eine Zukunft in Deutschland. „In der Ukraine muss ich Angst vor Bomben haben.“ Dann wird sie ernst. „Ich wünsche mir, dass ich es hier schaffe, mit der Sprache und der Arbeit.“ Das Mitarbeiter-Team berät, vermittelt und hilft. „Wenn der Adrenalin-Spiegel sinkt, kommen die persönlichen Schmerzen“, sagt Stefan Stoll. Eine Zeit lang bot eine Psychologin abends Gespräche auf Russisch an.

Erste Anfragen aus Polen

Über die Kontakte der Einrichtung zum Deutsch-Polnischen Jugendwerk erhielt Stefan Stoll schon im März die ersten Anfragen aus Polen. „Wir haben das Haus sofort als Unterkunft angeboten.“ Im März kamen 70 Frauen und Kinder aus Ternobil. „Sie dachten, sie bleiben zwei Wochen.“ Jetzt sind es fünf Monate. Einige sind zurückgegangen. Andere sind neu eingetroffen.

Klar gab es auch Konflikte

Mitarbeiter, Frauen und Kinder bilden eine besondere Gemeinschaft. „Irgendwann haben wir gesagt: Ihr müsst nicht immer dankbar sein, und wir müssen nicht immer betroffen sein. Der Krieg ist schrecklich. Aber wir versuchen, hier gut zusammenzuleben“, erzählt Stoll. Zunächst war es mit 70 Bewohnern eng im Haus. Frauen und Kinder schliefen in Zehn-Bett-Zimmern. „Klar gab es auch Konflikte. Das wäre auch für mich eine Herausforderung“, sagt Stoll. Inzwischen haben die 35 Personen genug Platz, sodass sich Mütter und ihre Kinder oder Gruppen, die gut miteinander auskommen, Zimmer teilen.

Auch die Mitarbeiter loten ihren Platz und ihre Rolle immer wieder neu aus. „Wir haben den Frauen die Verantwortung für die Küche übertragen“, erzählt Stoll. Er erklärte der Gruppe: „Ihr könnt das. Organisiert das selbst.“ Jetzt kocht täglich ein anderes Zweier-Team.

Der Alltag wird souverän gemeistert

Gerade schiebt Irina einen hohen Rollbehälter in die Küche. Milchkartons, Kartoffel- und Zwiebelsäcke liegen gestapelt darauf. Die Frauen schreiben die Einkaufsliste, kaufen ein, putzen selbst das Haus und betreuen die Kinder. Olga weiß ihren Sohn Sascha und ihre Tochter Katja gut aufgehoben, wenn sie im Friseursalon arbeitet. Viele Strukturen sind schon gewachsen und gefestigt, anderes ist im Aufbruch: Das Lernen der Sprache, die Suche nach Arbeit oder nach dem passenden Schultyp für jedes einzelne Kind.

Auch für die Mitarbeiter ist der Ausgang dieses besonderen Projekts offen. „Wir haben keine Perspektive, wie lange unsere Gäste bleiben werden“, sagt Stefan Stoll, er habe sich auf zwei Jahre eingestellt. „Wichtig ist uns, dass wir unsere eigentlichen Aufgaben weiter verfolgen.“

„Zukunftslabor“ im Heiner-Janik-Haus

Im Moment läuft das „Zukunftslabor“ mit Werkstätten und Workshops für Kinder und Jugendliche, die in den Sommerferien im Heiner-Janik-Haus mit Kunst und Technik experimentieren. Nächste Woche geht ein Jugendkulturaustausch weiter. „Wir bekommen 20 Gäste“, sagt Stoll. Die Ukrainerinnen werden dann Zimmer räumen. „Wir haben sie gefragt. Sie machen das. Sie werden für zehn Tage zusammenrücken.“ Das klingt nach Geben und Nehmen und nach Begegnung auf Augenhöhe. „Interkulturelles Zusammenleben, Teilhabe, Integration – das sind doch unsere Themen hier im Haus“, sagt Stoll. Mit seinem Team versucht er Tag für Tag, diesen Anspruch zu leben und muss dabei immer neu ausbalancieren, wo er Verantwortung übertragen und Grenzen setzen muss.

Wie neulich, als eine neue Freiwillige ihr soziales Jahr im Heiner-Janik-Haus begann. „Sie ist Russin. Als es anfangs Ressentiments gab, habe ich gemerkt, wir müssen reden.“ Stoll hat bei den Ukrainerinnen Toleranz eingefordert: „Sie ist ja nicht Putins Tochter“, sagte er.

Wie in einer großen Familie

Auch aus anderen Unterkünften kommen Ukrainerinnen, um den Tag im Heiner-Janik-Haus zu verbringen. Wohnheime oder Hotels können ihnen oftmals nicht einen so guten Rahmen bieten. „Wir wohnen hier wie eine große Familie“, sagt Olga, die sich gut eingelebt hat: „Ich hatte als Kind einen Traum. Ich wollte immer in ein Sommercamp fahren, aber ich konnte nie.“ Ihre Augen füllen sich mit Tränen: „Jetzt bin ich hier in einem Sommercamp.“ Schmerz und Glück mischen sich und lassen sie schwer aufatmen. Tränen laufen ihr über die Wangen. Trotz der schwierigen Situation gibt es vieles, was Mut macht.

Gerade zurück vom Einkaufen: Irina kocht heute für alle.
Gerade zurück vom Einkaufen: Irina kocht heute für alle. © JBS
Ukrainische Spezialität: Olga backt Pampuschkie. Die Friseurin hat sich selbst Arbeit gesucht, heute hat sie frei.
Ukrainische Spezialität: Olga backt Pampuschkie. Die Friseurin hat sich selbst Arbeit gesucht, heute hat sie frei. © JBS

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