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Nicht auszuhalten sei der Gestank im Westen Oberschleißheims, vor allem in der Ertlsiedlung, finden (v.l.) Hans Stellwag, Karl Schwärzell, Brigitte Scholle und einige andere Anwohner – und zeigen ihren Unmut vor dem Lehr- und Versuchsgut der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Denn von hier, so vermuten sie, könnte der übl e Geruch kommen. Gerald Förtsch

Nächster Akt im Streit über Geruchsbelästigung 

Die Nase voll von „Stinkprotokollen“

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Formblätter anlegen, Daten erheben und sogenannte „Stinkprotokolle“ verfassen: Das war bisher die Vorgehensweise der Gemeinde, wenn es um den Gestank geht, den vor allem Bewohner im Oberschleißheimer Westen seit Jahren beklagen – und die wieder einmal die Nase ordentlich voll haben.

Von Andreas Sachse

Oberschleißheim – Brigitte Scholle platzt der Kragen. Zum x-ten Mal beklagt die Gemeinderätin (SPD) „unerträglichen Gestank“, der vor allem Bewohner im Westen der Gemeinde, insbesondere der Ertlsiedlung, seit Jahren und regelmäßig die Nase rümpfen lässt. Der schlimme Geruch kommt vom Lehr- und Versuchsgut der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), wird schon lange vermutet. Doch das weist immer wieder jeglichen Verdacht von sich.

Im Ferienausschuss der Gemeinde forderte Scholle das Rathaus einmal mehr zum Handeln auf. Mit den vor Jahren in Umlauf gebrachten „Stinkprotokollen“ werde man sich nicht mehr abspeisen lassen.

Mit Hilfe der auf der Gemeinde-Homepage unter „Ich hab’ die Nase voll“ abgelegten Formblätter hofft das Rathaus, dem Verursacher auf die Spur zu kommen. Geplagte Anwohner hatte man vor gut zwei Jahren ermuntert, über die Formblätter Daten zu sammeln: Etwa, wo die Quelle des Gestanks liegen könnte, wie stark die Geruchsbelästigung empfunden werde auf einer Skala von 1 bis 5, die Windrichtung, die Art des Gestanks – ob Fäulnis, Gülle, Abgase, muffig, feucht, ätherisch, beißend oder faulig, ob Brand- oder Tiergeruch, und, wenn möglich, welches Tier für den Geruch gesorgt haben könnte. Dazu noch Datum und Uhrzeit, Temperatur sowie Luftdruck.

Schon in den 1990er Jahren hatten Bewohner der im Westen gelegenen Quartiere unangenehme Gerüche beklagt. Letztendlich aber hätte die um Brigitte Scholle und Karl Schwärzell formierte „Initiative gegen den Gestank in Oberschleißheim“ keinen besseren Zeitpunkt finden können als den Februar 2014, um Kommunalpolitikern Zusagen abzuringen: Die bevorstehende Wahl des Bürgermeisters sowie des Landrats versprach Hoffnung auf Zugeständnisse. Der von der LMU beabsichtigte Umzug der tierärztlichen Fakultät nach Oberschleißheim ließ den ohnehin zumeist recht aufgeräumt wirkenden LMU-Dekan Joachim Braun zusätzlich auf Deeskalation drängen. Und Landratskandidat Christoph Göbel (CSU) garantierte bedingungslose Unterstützung, sollte er es auf den Chefsessel schaffen.

Die Wahl war kaum gewonnen, erließ das Landratsamt eine „Anordnung der Betreiberpflichten“, wonach „Gülle nur in geschlossenen Behältern gelagert werden darf“. Das Lehr- und Versuchsgut (LVG) baute alte Behältnisse um, schaffte neue an. In der Folge lud das LVG zu einer Ortsbegehung. Außer dem Bürgermeister, dem Chef vom Bauamt und dem Umweltbeauftragten der Gemeinde waren zwei Mitglieder der Initiative dabei. Darunter auch Karl Schwärzell. Alles schien in bester Ordnung. Doch schon im Herbst 2015 schien der im Vorjahr errungene Burgfriede vergessen. Die Gemeinde zog wieder ihre „Stinkprotokolle“ aus der Schublade. Weitere zwei Jahre vergingen.

Und nun das: Erneut wehen schlecht riechende Winde über die Ertlsiedlung. Schriftlich beschwerte sich Schwärzell nach eigener Aussage am 7. August bei LVG-Betriebsleiter Armin Scholz. Eine Antwort steht bislang aus. Die Stimmung ist angespannt. „Wie oft wollen die denn noch Geruchsintensität und Windrichtung messen?“, fragt Schwärzell. Anscheinend öfter als es der Initiative lieb sein kann. Vize-Betriebsleiter Stefan Nüske versichert, dass das LVG unmöglich Quelle der neuerlichen Emissionen sein kann. Schwärzell habe Gülle, Silo und Mistgestank beanstandet. Doch außer nach der Getreideernte habe man zu keinem Zeitpunkt Gülle ausgefahren. Seit der Anordnung des Landratsamtes würden Behälter zudem hermetisch verschlossen, Ställe vorschriftsmäßig belüftet.

Bleiben noch die Weiden, auf denen das LVG Kühe grasen lässt. Und in der Tat: Schwärzell sagte, er habe Kühe und keine Schweine, gerochen. Laut Nüske soll es sich aber um maximal zehn Tiere handeln. Zu wenige, um die Ertlsiedlung mit schlechtem Geruch zu belasten. Bleibt die Frage, woher der Gestank kommt. Nicht nur Mitglieder der Initiative stellen eine zunehmende Belastung fest. Nüske selbst ist mittlerweile ebenfalls unschlüssig. Er könne aber nur betonen, dass das LVG dafür nicht verantwortlich sei. „Unser Betrieb liegt im Westen der Gemeinde“, sagt er. „Meist weht der Wind in Westrichtung.“

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