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Sanierungsbedürftig: Die Aussegnungshalle am Hochmuttinger Friedhof müsste erneuert werden. Die Kosten würde der Antragsteller übernehmen, wenn er den Bestand um ein Krematorium erweitern dürfte.

„Das geht gar nicht“

Ein Krematorium am Friedhof Hochmutting? Das sagt der Gemeinderat

  • vonAndreas Sachse
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Eine Firma will am Friedhof Hochmutting ein Krematorium bauen und betreiben. Der Gemeinde macht sie das Vorhaben mit einigen Zugeständnissen schmackhaft.

Oberschleißheim – Auf dem Friedhof Hochmutting will ein Betreiber ein Krematorium bauen. Um den Bedürfnissen „moderner Senioren nach würdevoller Bestattung in ansprechendem Ambiente“ gerecht zu werden. Der Antragsteller lockt nicht nur mit blumigen Worten, sondern auch mit Vergünstigungen in barer Münze. Die Gemeinde ist versucht anzubeißen. Doch es regt sich Widerstand. Und der hat Tradition.

Und dass nicht nur in Oberschleißheim, wo 2014 im Gewerbegebiet am Bruckmannring das zwischenzeitlich in Betrieb gegangene Tierkrematorium erstmals beantragt worden war. Ob im oberpfälzischen Kolbermoor, in Nahburg, Kissing oder Vohenstrauß – überall dort wehrte sich die Bevölkerung gegen ein angekündigtes Krematorium, während die jeweilige Gemeinde von den Plänen des Betreibers recht angetan schien. Gleiches Bild in Oberschleißheim, wo das Rathaus am liebsten gleich die Verträge ausgearbeitet hätte.

Sanierung der Aussegnungshalle für Genehmigung?

Was Hochmutting betrifft, sind die Antragsteller gut vorbereitet. Für 1,5 Millionen Euro müsste die marode Leichenhalle früher oder später hergerichtet werden. Im Gegenzug für die Genehmigung, ein Krematorium zu errichten, in dem 3000 Leichname pro Jahr verbrannt werden könnten, blieben der Gemeinde die Ausgaben für die Sanierung erspart. Der im Landkreis Eichstätt ansässige Unternehmer, Rainer Lechermann, verspricht zudem, die Infrastruktur des Friedhofs zu modernisieren: Für Trauerhalle, Kühlraum und Toiletten verlangt der Unternehmer keinen Unterhalt. Ein Café soll der Kämmerei zusätzliche Pachteinnahmen bescheren. Das dem Gemeinderat vorgestellte Konzept verspricht fünf Vollzeit-Arbeitsplätze. Emissionsgrenzwerte würden zur Gänze eingehalten. Darüber hinaus sagt Lechermann Spenden in nicht genannter Höhe für ortsansässige Hilfsorganisationen und Vereine zu.

Von drei Autobahnen, einer Bundes- und einer Staatsstraße umgeben, ist der Friedhof gut zu erschließen. Trotz optimaler Anbindung soll es bei maximal fünf Fahrzeugbewegungen täglich bleiben. Berücksichtigt sind allerdings bloß Fahrten von Bestattern. Friedhofsbesucher und Trauergäste fließen in die Kalkulation nicht ein.

„Abschiedsfeiern mit Einäscherung“

Dafür lockt Lechermann mit einem speziellen Service für Senioren, die es mitunter schwer haben, nach Hochmutting zu gelangen. Sein Konzept sieht eine einen fest installierten Linienverkehr vor. Mittwochs sollen Busse Senioren ins Friedhofs-Cafe chauffieren, zu „Abschiedsfeiern mit Einäscherung“.

Während das Konzept im Rathaus auf Beifall stieß, formierte sich im Gemeinderat Protest. Erich Elsner (SPD) und Helga Keller-Zenth (Grüne) bezweifelten, ob ein Naherholungsgebiet der passende Ort für ein Krematorium sei. Gewerbe in einer landwirtschaftlich wertvollen Region anzusiedeln – „ich bin nicht sicher, ob das der richtige Weg ist“, sagte Elsner.

Gemeinderat vertagt Entscheidung

Brigitte Scholle (SPD) fordert einen Bürgerentscheid. Das Thema sei zu wichtig, um es über den Kopf der Schleißheimer hinweg zu entscheiden. Gegen den Strich geht Scholle, dass die Antragsteller ohne Rücksprache mit dem Fahrservice des VdK einen solchen anbieten wollen. „Das geht gar nicht“, rüffelte die Schleißheimer VdK-Vorsitzende.

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Mittlerweile rührt sich auch im Netz Protest. Ein Mitglied der Schleißheimer Facebook-Gruppe bangt um den Erhalt des Naherholungsgebiets. „Geht es jetzt schon ans Tafelsilber der Gemeinde“, fragt der Nutzer. „Dann ist es wohl bald vorbei mit Radfahren, Rollerbladen und Spaziergängen durch die Natur.“

Eine Entscheidung über das Krematorium in Hochmutting traf der Gemeinderat nicht. Die Fraktionen beraten zunächst intern.

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