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Während der Werbetechniker und der Lotto-Laden aufhaben, sind die Rollos im Nebengebäude an der Freisinger Straße heruntergelassen (oben). Dort befindet sich der Showroom von „Windelhelden“. Im Internet heißt es nur „dauerhaft geschlossen“.

Gutachten deckt auf

Schleißheims schleichendes Ladensterben

Seit 2006 haben 19 Einzelhändler in Oberschleißheim dicht gemacht, weitere Läden verschwinden. Wie lässt sich das schleichende Ladensterben verhindern? Eine Spurensuche vor Ort.

Oberschleißheim – Walter Klar kennt die Betriebe in Oberschleißheim in- und auswendig. Er ist der Vorsitzende des örtlichen Gewerbeverbands. Wenn sich in der Schleißheimer Geschäftswelt was tut, weiß er Bescheid. Doch selbst er ist von den Zahlen in dem Einzelhandelsgutachten überrascht, das dem Gemeinderat nun vorgelegt wurde. Und das zeigt eine alarmierende Entwicklung auf: Seit 2006 ist die Zahl der Einzelhändler in der Gemeinde von 51 auf 32 geschrumpft. Die Experten prophezeien gar, dass sich der Negativtrend fortsetzt: Etliche Ladenflächen verschwinden gänzlich.

„Über das Jahr verteilt bekommt man natürlich mit, welche Betriebe schließen müssen“, sagt Klar, „aber im ersten Moment überrascht die Zahl dann doch.“ Dem Verlust von insgesamt 19 Betrieben stehen nur vier Neuansiedlungen gegenüber. Allein in der Lebensmittelbranche mussten laut dem Gutachten neun Läden schließen. Meist handelte es sich um kleine, inhabergeführte Betriebe. Metzgereien, Confiserien, Bäckereien. Letztere hat es besonders hart getroffen.

Gutachter: Bäckerei mit Café fehlt 

Am Raiffeisenmarkt, am Stutenanger, in Lustheim: Nach und nach verschwanden die Geschäfte, die zum Teil mit einem Café ausgestattet waren. Und so verschwanden mit ihnen auch eine Reihe von Treffpunkten zum Kaffee trinken oder Ratschen. Heute ist es genau das, was den Bürgern fehlt, mahnt Ralf Popien an, der das Einzelhandelsgutachten seit 2006 fortgeschrieben hat: „Ein Bäckerei-Café mit Treffpunktfunktion ist notwendig für Oberschleißheim“, sagt er. Ein solches könnte am Stutenanger entstehen.

Der Gewerbeverbandschef Walter Klar warnt vor einem „weiteren Rückgang der kleinen Betriebe“

Die Gründe für das schleichende Ladensterben in Oberschleißheim sind mannigfaltig. Hauptverantwortlich für den Gewerbeverbandsvorsitzenden Klar ist die zunehmende Bürokratie, mit der sich vor allem Selbstständige herumschlagen müssen. Aber auch der Umstand, dass Schleißheim von Städten mit vielen, attraktiven Einkaufsmöglichkeiten umzingelt ist, wie Unterschleißheim oder Dachau. Das veränderte Konsumverhalten der Bürger, die vornehmlich in Einkaufszentren mit Filialen prominenter Ketten einkaufen oder gleich online bestellen, trage natürlich ebenfalls zum Rückgang der kleinen Läden bei.

„Von der Gemeinde kommt auch wenig Unterstützung“

„Von der Gemeinde kommt auch wenig Unterstützung“, moniert Walter Klar bei einem Spaziergang durch Oberschleißheim. „Es ist als würde ich gegen Windmühlen reden“. Es brauche mehr Förderung für das ortsansässige Gewerbe und außerdem einen gemeindlichen Gewerbebeauftragten, der die Händler betreut. „So wie die Polizei einen Kontaktbeamten hat, der im Ort Präsenz zeigt“, erklärt Klar. „Gerade fühlen sich die Geschäftsinhaber schlicht allein gelassen.“

Es scheint, als werde sein Wunsch erhört. „Das Thema Gewerbe- und Wirtschaftsförderung ist bei uns auf der Agenda ganz weit oben“, betont Bürgermeister Christian Kuchlbauer (FW) auf Nachfrage. Bei weitem kein reines Lippenbekenntnis: Im Haushalt für 2020 solle daher auch eine neue (Teilzeit-)Stelle für einen Wirtschafts- und Tourismusförderer geschaffen werden. Zwar habe die Gemeinde keinen Einfluss auf die generellen Marktentwicklung – mehr Onlinehandel, teurere Mieten –, jedoch wolle man bestmögliche Rahmenbedingungen für die kleinen Geschäfte im Ort schaffen. Und, so Bedarf besteht, diese auch unterstützen. „Schnell und unbürokratisch“, wie Kuchlbauer sagt. Wie? „Das reicht von der schnellen Bearbeitung eines Bauvorhabens bis zur Beratung bei der Schaffung oder Erhaltung von Parkplätzen und Rad-Abstellanlagen.“

Aus Ladenflächen wird Wohnraum

Dass die Gemeinde sich dem Ladensterben entgegenstemmen muss, das macht das Einzelhandelsgutachten deutlich. Denn nicht nur die Betriebe, auch die Verkaufsflächen an sich werden immer weniger. Wie Gutachter Ralf Popien aufzeigt, ging die Quadratmeterzahl innerhalb von 15 Jahren um 15 Prozent zurück. In sechs Fällen wurden die Gebäude nach Geschäftsschließung abgerissen, um eine Wohnimmobilien zu schaffen. In anderen Fällen stehen die ehemaligen Ladenflächen leer. So verhält es sich dem Anschein nach mit dem Secondhandladen „Windelhelden“ an der Freisinger Straße. Auch das marode Ladenzentrum am Stutenanger zählt drei Leerstände, in Alt-Schleißheim insgesamt vier. Die dortigen Einzelhandelsflächen sollen laut Gutachtens künftig nicht mehr an Gewerbetreibende vergeben, sondern auch zu Wohnungen umfunktioniert werden.

Die nähere Zukunft sieht für den Einzelhandel Oberschleißheims also keineswegs rosig aus. Auch Gewerbeverbandschef Walter Klar ist nicht besonders positiv gestimmt. Auch er prophezeit einen „weiteren Rückgang der kleinen Betriebe im Ort“.

von Sabrina Graf

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