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Wie die Jungfrau zum Kinde: ÖDP plötzlich im Gemeinderat

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Von: Andreas Sachse

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Das Rathaus Oberschleißheim
Im Schleißheimer Rathaus tagt der Gemeinderat. © Gerald Förtsch

Damit hat die ÖDP nicht gerechnet: Sie hat auf einmal ein Mandat im Schleißheimer Gemeinderat. Möglich macht das der Wechsel von Sebastian Riedelbauch, der die SPD verlassen hat.

Oberschleißheim – Sebastian Riedelbauch verlässt die SPD-Fraktion und wechselt zur ÖDP. Der beschert er damit einen Sitz im Gemeinderat. Bisher gehörte die ÖDP dem Schleißheimer Gremium weder an, noch hatte sie sich jemals um ein Mandat bemüht. Unterdessen ist die SPD mit vier Mandaten nur noch drittstärkste Kraft.

Riedelbauch war nie SPD-Mitglied. Als Parteiloser gehörte er der Fraktion schon in der dritten Legislaturperiode an. Zuletzt war es wiederholt zu Meinungsverschiedenheiten gekommen. Dass er zur ÖDP abwandert, hatte sich aber nicht abgezeichnet.

Während man bei der SPD bemüht ist, Gründe des Dissens auf „rein sachlicher Ebene“ zu verorten, deutete der Dissident ernsthafte Differenzen an. Die Politik aller Parteien im Gemeinderat sei auf Verwalten ausgelegt. „Bloß nichts riskieren!“ Stattdessen Pfründe wahren, Kompromisse ausloten, sein Schäflein ins Trockene bringen. Wiedergewählt zu werden, spiele eine überbordende Rolle, rügte Riedelbauch: „Das gilt leider auch für die SPD.“

Sebastian Riedelbauch saß seit 2008 für die SPD im Gemeinderat.
Sebastian Riedelbauch saß seit 2008 für die SPD im Gemeinderat. © Ursula Baumgart (Archiv)

In der SPD ist man nicht glücklich mit der Entscheidung des langjährigen Quasi-Genossen. Seit 2008 hatte man den Parteilosen mit Unterbrechungen im Boot gehabt. Da hätte sich Fraktionssprecher Florian Spirkl durchaus gewünscht, dass Riedelbauch den Weg anderer Parteiloser wie Christine Fichtl-Scholl oder Irene Bogdain einschlagen würde. Als Gemeinderäte schlossen sich beide der Partei an. Riedelbauch, der zuletzt wegen des neuen Gewerbegebiets und des Hallenbads mit der SPD über Kreuz lag, will sich vor allem für Klima- und Umweltthemen neu aufstellen. „Wir brauchen einen frischen Wind in der Politik.“

„Keiner riskiert was, wagt mal was Neues – auch nicht die Grünen.“

In der ÖDP ist er überzeugt, den richtigen Partner gefunden zu haben. Demnächst will er sich mit „neuen, mutigen Denkanstößen“ an die Öffentlichkeit wenden. In dem Zusammenhang schließt er nicht aus, dass das Versagen der großen Politik dieser Tage in Glasgow, wie es seit Jahrzehnten bei Umweltkonferenzen zu beobachten sei, Einfluss auf seine Entscheidung genommen habe. „Jeder weiß, dass keine Zeit mehr ist, und die geben sich mit minimalem Konsens zufrieden.“ Warum er sich nicht den Schleißheimer Grünen anschloss? „Keiner riskiert was, wagt mal was Neues – auch nicht die Grünen.“ Auch die hätten sich zu einer Volkspartei mit Besitzstands-Ansprüchen entwickelt. Riedelbauch betonte, themenbezogen weiterhin nach Koalitionen suchen zu wollen. Seine politische Heimat aber sähe er bei einer Partei wie der ÖDP, die Konzernspenden konsequent ablehne.

In der ÖDP selbst gibt man sich überrascht. Karin Schuster, Vize-Vorsitzende im Ortsverband Schleißheim, will gewusst haben, dass Riedelbauch, „wie viele der Jüngeren in der SPD“, unzufrieden sei mit dem Kurs der Partei. Dass er zur ÖDP habe wechseln wollen, sei ihr aber neu gewesen. Der Überraschungscoup lässt Schuster somit reinen Gewissens einen „Glücksgriff“ bejubeln. Die ÖDP hat es in Schleißheim nicht immer leicht gehabt. Nachdem der Ortsverband bei den Wahlen zuletzt in Unterschleißheim einen von zwei Plätzen verlor, rückt man nun in Oberschleißheim auf in die kommunalpolitische Spitze. Dort oben freilich ist mit ebenfalls nur einer Stimme viel Verhandlungsgeschick nötig. Doch Vorsicht: Die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner hat Sebastian Riedelbauch eben erst dem langjährigen Fraktionspartner, der SPD, entfremdet.

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