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Der Höhepunkt des katholischen Gottesdienstes ist die Spende des Sakraments der Heiligen Kommunion. Pfarrer Ulrich Kampe reicht die Hostie der Oberschleißheimerin Monika Kerschbaumer, die den regelmäßigen Kirchgang sehr vermisst hatte. Zur Verringerung der Ansteckungsgefahr muss sich dafür auch der Priester maskieren.

„Das ist doch gleich ein anderes Gefühl“

Endlich auferstanden! Zu Besuch in einem der ersten Gottesdienste nach der Corona-Pause

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Über Ostern blieben die Gotteshäuser geschlossen. Nun darf mit strengen Auflagen wieder die Heilige Messe gefeiert werden. Für viele Gläubige ist das auch eine Art Wiederauferstehung.

Oberschleißheim– Monika Kerschbaumer ist die Erste. In grünen Turnschuhen, Bluejeans und roter Jacke spaziert die 62-Jährige über den Platz vor der Kirche Maria Patrona Bavariae in Oberschleißheim. „Ich freue mich so!“, ruft sie schon von Weitem, und ihr Lachen strahlt hinter der weißen Stoffmaske hervor. Es ist eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn. Die Kirchenglocken läuten minutenlang die Gläubigen zusammen, als jubelten sie an jenem Dienstagabend über die erste Messe nach sieben Wochen Zwangspause.

Stilsicher in Grau gekleidet radelt der Pfarrer zur Kirche.

Gerade hat sich auch Pfarrer Ulrich Kampe, ganz in Grau gekleidet mit passender Nike-Sonnenbrille, Jacke und Anzughose vor dem Kirchenportal vom silbergrauen Rad geschwungen. Dass der 51-Jährige mit den nach hinten gekämmten Haaren Pfarrer ist, verrät zunächst nur der Priesterkragen. „Heute will ich einfach nur danken“, sagt er noch lächelnd, bevor er in der Sakristei verschwindet, um sich das goldfarbene Messgewand überzustreifen. Danken dafür dass es endlich wieder losgeht.

Gold trägt ein Priester, wenn es ein hohes Fest zu feiern gibt. Als die im Kirchenraum verteilten Gottesdienstbesucher beim Klingeln der Sakristeiglocke aufstehen und ihre mitgebrachten Gotteslobe bei Lied Nummer 326 aufschlagen, ist auch der Anlass klar: „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit“, singen die gut 20 maskierten Münder zur Orgelbegleitung, gestützt vom kräftigen Bariton des Pfarrers. Die Kirchengemeinde holt ein bisschen das Osterfest nach – und feiert neben jener Jesu Christi auch ihre eigene Wiederauferstehung.

Ein Hinweis für die Gläubigen.

Monika Kerschbaumer hat sich in die vorderste Reihe gesetzt, ganz zur Mitte hin. Sie saugt jedes Wort, jeden Ton, jede Geste auf. Ihre Brille liegt während der Lesung auf ihrem aufgeschlagenen Gotteslob. Der Apostel Barnabas, hört sie, freut sich über die gesunde Gemeinde von Antiochia und mahnt diese, „mit festem Herzen bei dem Herrn zu bleiben“.

Pfarrer Kampe hat die Bibelstelle bewusst gewählt. „Sieben Wochen Enthaltsamkeit voneinander“ attestiert er sich und seiner eigenen gesunden Gemeinde. Mit ausgebreiteten Armen steht er am Altar und freut sich sichtlich, dass die Oberschleißheimer beim Herrn geblieben sind wie die Antiochier. Das Amen von den Bänken klingt trotz Mundschutz so laut, als säßen dort doppelt so viele. Auf dem Altar brennt eine Kerze für ein Gemeindemitglied, das im Krankenhaus liegt. Nicht alle sind gesund, doch keiner ist vergessen.

Maskiert und auf Abstand stehen rund 20 Gläubige bei der ersten Messe nach der Zwangspause in der Kirche Maria Patrona Bavariae Oberschleißheim.

„Öffne deiner Kirche Wege, damit sie die Menschen auch heute erreichen kann“, lautet die erste Fürbitte in diesem ersten Gottesdienst. Ein Stück weit ist sie bereits erhört worden, denn erst seit wenigen Tagen dürfen sich die Gläubigen überhaupt wieder zur Heiligen Messe treffen. Mit Abstrichen: Die Weihwasserbecken sind bis auf den Boden ausgetrocknet, stattdessen hängt am Eingang ein Desinfektionsmittelspender. Zum Friedensgruß sagt der Pfarrer: „Wir dürfen uns jetzt freundlich zunicken.“ Die Gläubigen lächeln hinterm Filterstoff.

Dann streift sich auch Kampe eine altarkerzenweiße Stoffmaske über, die ihm übrigens seine Physiotherapeutin geschenkt hat. Er tritt vor die erste Bankreihe und spendet die Kommunion. Die Kirchenbesucher reihen sich diszipliniert mit Abstand im Mittelgang auf. Die Hostie, die sie in die zur Schale geformten Hände gelegt bekommen, stecken sie sich ein paar Schritte beiseite in den Mund. Dazu lüften sie bei Knicks und Kreuz vor dem Altar für einen Moment die Maske. Anschließend führt eine Runde durch den Seitengang zurück in die Sitzbank. Es gilt eine Einbahnstraßenregelung, um sich nicht zu nahe zu kommen.

Nach 35 Minuten Messe singt Pfarrer Ulrich Kampe den österlichen Entlassungsruf: „Gehet hin in Frieden, Halleluja, Halleluja!“ Zurück schallt es: „Dank sei Gott dem Herrn. Halleluja, Halleluja!“

Die auferstandene Glaubensgemeinschaft steht danach auf dem Kirchplatz noch für einen kurzen Ratsch zusammen. Mittendrin Monika Kerschbaumer, die so erholt dreinschaut wie frisch geduscht. Sie lächelt und sagt: „Das ist doch gleich ein anderes Gefühl.“

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