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Wie ein Teppich liegt das Wasser auf der Ruderregattastrecke in Oberschleißheim – hier trainieren immer noch Sportler.

In Oberschleißheim

Regattastrecke: Bürger wollen marodes Kleinod retten

München - Die Hängepartie um die marode Regattastrecke in Oberschleißheim dauert nun schon jahrelang – die Stadt zeigte wenig Interesse an einer Modernisierung. Doch jetzt reagieren die Bürger.

Wer die Gelegenheit hat, über das teppichartig ruhige Wasser der olympischen Regattastrecke Oberschleißheim zu rudern, merkt schnell, wie durchdacht die Bahn 1972 angelegt wurde. „Perfekte Ruderbedingungen, absolut windgeschützt“, sagt Oliver Bettzieche, der Vorsitzende des Vereins „Regatta München“. Bettzieche hebt die regionale Bedeutung der 2,23 Kilometer langen Strecke hervor: „Im gesamten süddeutschen Raum gibt es keine Anlage in vergleichbarer Qualität.“

Die bauliche Qualität freilich hat über die Jahre arg gelitten. Dass die Anlage sanierungsbedürftig ist, ist bekannt. Der Stadt aber traut Bettzieche offenbar nicht mehr zu, sie ohne öffentlichen Druck zu sanieren. Deshalb hat er Anfang des vergangenen Jahres eine Unterschriftenaktion gestartet.

Der Verfall ist nicht zu übersehen: Beton bröckelt, durch manche Decken der umliegenden Gebäude tröpfelt es und die Telefonleitungen des Start- und Zielturmes sind noch Originale aus dem Jahr 1972. Vor allem die heute übergroße Tribünenanlage mit fast 10 000 Plätzen müsste rückgebaut oder erneuert werden.

Strecke soll komplett modernisiert werden

Die Strecke komplett zu modernisieren, war eigentlich schon beschlossen. Doch der Stadtrat distanzierte sich im Dezember 2015 von den ursprünglichen Plänen. Er ruderte wegen der millionenschweren Kosten zurück – und auch weil sich die Haushaltslage der Stadt unerwartet verschärft hatte. Auf etwa 20 Millionen Euro wurden damals die Kosten geschätzt. Die Stadt München ist der Eigentümer der Anlage und daher verantwortlich, obwohl sie in Oberschleißheim liegt – quasi im Schatten der städtischen Aufmerksamkeit.

Wegen der wechselhaften Stadtpolitik hat Bettzieche nun am 12. Dezember das Ergebnis der Unterschriftensammlung eingereicht – zunächst beim Bayerischen Innenministerium, nun auch bei Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Und immerhin: „Staatsminister Gerhard Eck hat uns sehr freundlich empfangen, als er die Petition entgegengenommen hat“, sagt Bettzieche. 16 117 Bürger fordern darin per Unterschrift den Erhalt und die endgültige Sanierung des olympischen Erbstückes von 1972, so dass weiterhin vernünftig Regattasport betrieben werden kann. „Wir wurden nach dem Stadtratsbeschluss im Dezember 2015 ein wenig nervös“, sagt Bettzieche, „Denn der Stadtrat entschied auch, dass das Referat für Gesundheit und Sport drei Varianten der Sanierung kalkulieren soll.

Variante günstig für die Stadt - fatal für den Sport

Eine dieser Varianten wäre besonders kostengünstig für die Stadt und besonders fatal für Rudersportler und -fans. Radfahren, Sonnenbaden, Schwimmen, Laufen, Spazierengehen – die Variante sieht vor, das Areal künftig als reines Freizeitgelände zu nutzen. Und das käme einer Art Abriss der Anlage gleich. Viel mehr als das Ruderbecken würde nicht mehr benötigt werden. Eine Horrorszenario für Rudersportler, die in dem olympischen Becken regelmäßig trainieren. Denn Rudern wäre in Oberschleißheim dann nur noch ein Randaspekt.

Die anderen beiden Konzepte sehen vor, entweder die Strecke professionell für Ruderer zu erhalten oder sie so zu gestalten, dass zwar Rudersport betrieben werden kann, aber nicht im Rahmen von Wettbewerben, sondern nur zu Trainingszwecken.

Auch Bürgermeisterin Strobl wäre froh, wenn die jahrelange Hängepartie um die Anlage bald beendet wäre. Sie glaubt an ein zügiges Ergebnis, sobald die Kalkulation des Sportamtes vorliegt, mit der sie gegen Ende des Jahres 2017 rechnet: „Eine Unterschriftenpetition behandeln wir ja bekanntlich wie einen Stadtratsantrag. Und wenn die Kalkulation da ist, werden wir die Sache zügig entscheiden.“

Regattastrecke geht bis in den Landtag

Auch im Landtag wird die Unterschriftensammlung in einem Petitionsausschuss besprochen – das ist zumindest der übliche Weg. Zu welchem Ergebnis so ein Ausschuss gelangt, ist ungewiss. Ob und in welchem Rahmen sich der Freistaat an einer Sanierung beteiligt, ist offenbar Verhandlungssache mit der Stadt. Eine vage Einschätzung aus dem Stadtrat liegt zumindest vor. Strobls Eindruck aus den Ausschusssitzungen ist, dass „kein Interesse daran herrscht, die Anlage nur zu Freizeitzwecken zu sanieren oder dem endgültigen Verfall zu überlassen“.

Der schleichende Verfall der Regattaanlage im Münchner Norden begann schon vor Jahrzehnten und ist spätestens seit 2005 ein Thema der Stadtpolitik. Damals hatte die FDP-Politikerin Christa Stock beantragt, ein neues Nutzungskonzept für die Ruderstrecke zu erstellen, weil sie schließlich sanierungsbedürftig sei. Erst sechs Jahre später griff der Stadtrat diesen Antrag auf und wies das Referat für Sport und Gesundheit an, den Sanierungsbedarf und Nutzungsideen zu ermitteln.

2013 wurde dann das städtische Sportamt nervös. Denn plötzlich wurde das Landesamt für Denkmalschutz auf die Anlage aufmerksam. Und das Sportamt befürchtete, dass so die Sanierungskosten explodieren könnten, falls das Landesamt den Denkmalschutz für die Strecke ausspricht – was bis heute nicht geschehen ist.

Von Hüseyin Ince

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