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Die schwarz gestrichelten Radwege wären laut Planungsverband sinnvoll.

Serie: Wie der Boom eine Region prägt

Oberschleißheim: So wichtig wären neue Rad-Autobahnen

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München wächst – und das spürt auch das Umland. In einer großen Serie fragt die tz, wie sich der Boom rund um München auswirkt. Zum Start sind wir im Landkreis München unterwegs.

Oberschleißheim - Eine Entlastung des Verkehrs in der Region versprechen sich Städteplaner von Radschnellwegen – eine Art Radl-Autobahn samt Rastplätzen mit überdachtem Wetterschutz, Reparaturservice und Wasserspendern. Die erste soll 2021 fertig sein – zwischen der Münchner Stadtgrenze und Unterschleißheim/Garching. 7500 Radler täglich könnten hier unterwegs sein. Der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München hält 13 weitere Verbindungen sowie drei Tangenzialen für sinnvoll. Wir sprachen darüber mit dem Oberschleißheimer Landtagskandidaten der Grünen, Markus Büchler.

Herr Büchler, 1,3 Millionen Menschen fahren in der Metropolregion täglich mit dem Auto zur Arbeit. Glauben Sie ernsthaft, man kann die aufs Rad bringen?

Markus Büchler: Da bin ich mir sogar sicher. In Kopenhagen fährt mehr als die Hälfte der Pendler mit dem Rad zur Arbeit – auch im Winter. Bei uns ist das im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Es gibt viele Umfragen, warum die Kopenhagener so viel Radfahren. Nicht, weil sie so umweltbewusst sind, sondern weil das Radwegenetz gut ausgebaut ist.

Wo hapert’s bei unseren Radwegen?

Büchler: Nehmen wir eine typische Pendlerroute: In meiner Heimat Oberschleißheim arbeiten viele bei BMW in Milbertshofen. Mit dem Rad müssen sie über schlammige Waldwege fahren, bis sie irgendwann an der hässlichen Schleißheimer Straße ankommen. Auf einem Schnellweg wäre diese Distanz von gerade mal zehn Kilometern in 25 Minuten zu schaffen. Mit einem E-Bike, das völlig neue Dimensionen eröffnet, sogar unverschwitzt. Wäre die Infrastruktur da, würden nicht nur ein paar Frischluftfanatiker radfahren, sondern Massen.

Grünen-Politiker Markus Büchler plädiert für mehr Radl-Autobahnen nach München.

Wie sieht ein attraktives Radnetz aus?

Büchler: In erster Linie müssen sich die Leute sicher fühlen, wenn sie mit einer Geschwindigkeit von 25 km/h unterwegs sind. Sie sollen nicht permanent bremsbereit sein müssen, weil von rechts einer aus der Einfahrt schießt. Sonst kommen sie nicht schnell voran. Außerdem sollte ein Radweg kreuzungsarm sein beziehungsweise der Radler Vorrang haben. Es gibt in München bereits eine Art Radschnellweg auf der ehemaligen Trambahntrasse an der Knorrstraße. Ein richtig schöner, vier Meter breiter Zwei-Richtungsweg. Da sind viele Radler unterwegs, unter anderem, weil er zu BMW führt. Aber an drei Stellen muss die große Flut an Radlern stoppen, weil eine winzige Anliegerstraße quert. Intelligenter wäre es, den Radlern hier die Vorfahrt einzuräumen, die in der Überzahl sind.

Was halten Sie von dem Radschnellwege-Konzept des Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum?

Büchler: Das Konzept hat einen großen Nachteil: Alle 14 Korridore sind radial aufs Münchner Zentrum ausgerichtet. Genau wie das Straßen- und S-Bahn-System. Es fehlen Querverbindungen zwischen den Ästen und zwischen den Umlandgemeinden.

Ein Beispiel bitte!

Büchler: Im Münchner Norden sind die A99, B471 und der Mittlere Ring total überlastet. Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln sind die Querverbindungen grottenschlecht. Der Radverkehr könnte da viel auffangen, wenn es etwa eine Verbindung Dachau – Schleißheim – Garching gäbe. Oder Allach – Milbertshofen – Schwabing Nord – Unterföhring.

Gibt es genügend Flächen, um vier Meter breite Schnellwege zu bauen?

Büchler: Radwege sind ja schon da. Aber schmal und nachrangig geführt mit unbequemen Ampeln und teilweise gefährlich wegen der vielen Einmündungen. Das müsste ausgebaut werden. Der Radverkehr ist wesentlich flächeneffizienter als der Autoverkehr. Da braucht man nur einen Bruchteil der Fläche, um die gleiche Zahl an Menschen voranzubringen. Momentan sind die Stadt München und das Umland sehr auf den Autoverkehr ausgerichtet. Alle jammern, dass wir zu viel Verkehr haben, dass die Luft zu schlecht ist. Dann muss man konsequenterweise eine Alternative bieten.

Wann wird die erste Trasse gebaut?

Büchler: Es geht sehr langsam voran, was hauptsächlich an der Stadt München liegt. Wir im Landkreis versuchen, voranzukommen und sind mit unseren Planungen ein Jahr voraus. Wir könnten 2021 mit unserem Teil fertig sein. Aber in München sehe ich nur Rückschritte. Die Rathaus-Koalition bremst den Radler aus, wo sie kann.

Inwiefern?

Büchler: Der Radverkehr ist politisch nicht gewollt. Oberbürgermeister Dieter Reiter ist ein Bürgermeister der Autos. Er will für eine Milliarde an der Landshuter Allee einen Tunnel bauen. Für einen Bruchteil dieser Summe könnte man den Radverkehr von 20 auf 40 Prozent verdoppeln. Gerade wir im Umland leiden darunter, weil wir die Pilotstrecke vorantreiben wollen. Immerhin hat München jetzt die Machbarkeitsstudie fertiggestellt. Jetzt sollten schnellstmöglich Bauplanung und Kostenfreigabe erfolgen.

Hier finden Sie die anderen Teile der Serie: 

Miesbach: München gräbt uns das Wasser ab

Unterföhring: Klein-Hollywood an der S-Bahn

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