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"Sie wollen sich austauschen." Sebastian Kempf (50) von Pro Familia.

Kurse für junge Flüchtlinge und ihre Betreuer

Großes Interesse an Sexualpädagogik

Es geht um Sexualität und Geschlechterrollen: Pro Familia bietet sexualpädagogische Kurse an für junge Flüchtlinge und deren Betreuer. Das Angebot ist sehr gefragt, der Bedarf ist riesig.

18 Betreuer von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen kommen auf Einladung des Kreisjugendrings in die Jugendbegegnungsstätte am Tower in Oberschleißheim. Sie arbeiten an ihrer professionellen Haltung, wenn es bei den Jugendlichen um Fragen der Sexualität und der Geschlechterrollen geht. Situationen, die heikel sind, werden gesammelt. Wie reagiert man souverän, wenn die jungen Männer hinter dem Rücken einer Kollegin tuscheln, ob die Kleidung, die sie trägt, in Ordnung sei. 

"Hier kann sich jeder anziehen, wie er will."

„Die Jugendlichen sind meistens in partriarchalen Strukturen und in einengenden Verhältnissen groß geworden“, sagt Sebastian Kempf (50). Es geht darum, Unterschiede im Verhalten einzuordnen. Die Kleidung der jungen Kollegin sei nach westlichen Maßstäben völlig korrekt gewesen, sagt Kempf. Die Teilnehmer der Fortbildung erarbeiten Ansätze: „Mit den jungen Männern sollten Einzelgespräche geführt werden. Es sollte ihnen klar gemacht werden: Hier kann sich jeder anziehen, wie er will. Der respektvolle Umgang ist zentral“, fasst Kempf zusammen: „Die Kleidung der Betreuer steht nicht zur Diskussion.“

Eine andere Situation: Junge Männer protestieren, dass sie das Geschirr abräumen sollen, das sei doch Frauenarbeit. „Es gibt Regeln“, sagt Kempf: „Wer in der Unterkunft wohnt, muss im Haushalt helfen, egal ob männlich oder weiblich.“ 

Wie ist die Rechtslage beim Thema Sex? Wie funktionieren die Geschlechtsorgane? Wie kann ich ein Mädchen ansprechen? – „Eine Frage, die alle Jugendlichen interessiert“, sagt Kempf. Besonders schwierig aber ist sie für junge Männer und Frauen, die sich in einem neuen kulturellen Kontext zurechtfinden müssen. „Manche sind irritiert, dass Männer und Frauen sich in der Öffentlichkeit küssen“, erzählt er. „Aber ein Küsschen zum Abschied heißt wiederum auch nicht gleich, dass eine Beziehung gewünscht ist.“

"Sie wollen sich austauschen."

In zwei bis dreimal 90 Minuten geben Sebastian Kempf (50) und Bettina Niederleitner (37) in den Kursen für junge Flüchtlinge Basisinformationen und beantworten Fragen, die die Jugendlichen anonym auf Zettel schreiben. Häufig gefragt: Ist Selbstbefriedigung gesundheitsschädlich? Hier müssen die Sexualpädagogen mit einem weit verbreiteten Irrglauben aufräumen, der bei uns vor nicht allzu langer Zeit auch noch vorhanden war. „Wir reden darüber, dass es aus medizinischer Sicht nicht schädlich ist. Aber es gibt religiöse Gebote, die einer Tradition entspringen.“

 Immer wieder wird über Selbstbestimmung und Gleichberechtigung in den Kursen gesprochen. „Hier zeigen wir eine Brücke zwischen den Kulturen auf, indem wir betonen, dass Gleichberechtigung nicht vom Himmel gefallen ist. Es haben sich Menschen dafür eingesetzt.“ 

Bei den jungen Mädchen sei zu beobachten, dass sie zunächst sehr zurückhaltend seien. „Frauen, die länger da sind, pochen aber vehement auf Gleichberechtigung. Sie sind froh, dass sie in einer Gesellschaft angekommen sind, in der sie mehr Rechte haben.“ 

Sehr große Aufmerksamkeit

Das Auffälligste in den Kursen sei, so Kempf, „dass die Aufmerksamkeit sehr groß ist“. Pro Familia hat mit diesem Angebot einen großen Bedarf erkannt, zwar ist die weitere Finanzierung gestrichen (wir berichteten), die Anfragen aber von Wohnheimen, Schulen, Lehrern und Betreuern reißen nicht ab. 

"Viele sind mit unserem liberalen Umgang mit Sexualität überfordert."

„Die Jugendlichen sind neugierig, sie suchen Informationen und wollen sich auseinandersetzen“, sagt Sebastian Kempf: „Viele sind mit unserem liberalen Umgang mit Sexualität überfordert.“ Es geht darum, ihnen Handwerkszeug zu vermitteln, um Missverständnisse zu vermeiden. Das ist auch Aufgabe der Betreuer. Nach der Fortbildung gehen die Teilnehmer neu gestärkt in ihren Berufsalltag. Denn auch für sie ist es eine Herausforderung, die eigenen Werte zu reflektieren und den Jugendlichen eine Haltung des gegenseitigen Respekts zu vermitteln.

icb

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