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Projekt Kulturdolmetscher: Wenn Deutschland schwer zu verstehen ist

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Von: Doris Richter

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Längst hier zuhause helfen sie nun anderen beim Ankommen: Nina Behrend und Essam Nasser.
Längst hier zuhause helfen sie nun anderen beim Ankommen: Nina Behrend und Essam Nasser. © Gerald Förtsch

Im Rahmen des Projektes „Ehrenamtliche Kulturdolmetscher/-innen“ bilden die Caritas-Dienste im Landkreis München seit 2017 engagierte eingewanderte Menschen mit sehr guten Deutsch- und Kulturkenntnissen zu ehrenamtlichen Kulturdolmetschern aus. Zwei Ehrenamtliche erklären, wie das funktioniert.

Oberschleißheim - Kulturdolmetscher vermitteln zwischen sozialen Diensten und Behörden einerseits sowie eingewanderten Menschen andererseits und tragen somit zu einem besseren gegenseitigen Verständnis bei. Bildungs-, Sozial- und Gesundheitseinrichtungen sowie Behörden im Landkreis können die Kulturdolmetscher kostenfrei anfordern.

Das Projekt ist Bestandteil des im Jahr 2020 einstimmig vom Kreistag beschlossenen Integrationskonzeptes für den Landkreis München. Soeben hat der Kreistag beschlossen, das Projekt auch weiterhin finanziell zu unterstützen. Essam Nasser (90) kam als junger Mann aus Ägypten nach Deutschland, Nina Behrend (42) wuchs in Moldawien auf und lebt seit zwölf Jahren mit ihrer Familie im Landkreis München. Beide arbeiten seit zwei Jahren als Kulturdolmetscher und wollen so anderen helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Wie war das bei Ihnen, als Sie nach Deutschland kamen?

Behrend: Es gab viele Aha-Effekte. Ich komme zwar aus einem europäischen Land, aber mit ganz anderem Sozialsystem. Offiziell gibt es bei uns auch vieles. Zum Beispiel Versicherungen, die man abschließt, aber wo man nie etwas bekommt (lacht). Das ist hier ganz anders. Ich habe anfangs einen Sprachkurs gemacht, gute Tipps bekommen und sehr viel gelernt, auch über das System hier.

Nasser: Ich habe in Ägypten Elektrotechnik studiert und kam über ein Praktikum zu einer deutschen Firma nach Nürnberg. Die haben mich super betreut und mir geholfen. Ich habe mich gar nicht fremd gefühlt. Ein Freund in Kairo hatte mir auch vorab Tipps gegeben. Ich sollte die Sprache gut lernen und außerdem klassische Musik lieben – weil die Deutschen klassische Musik lieben. Das war aber gar nicht so (lacht).

Was ist denn dann das Typische an der deutschen Kultur?

Nasser: Die Menschen begrüßen sich sehr häufig. Und sie sind sehr zuvorkommend.

Behrend: Und herzlich und offen. Das habe ich vorher auch nicht gedacht. Ich hatte erwartet, die Menschen seien sehr viel verschlossener.

Und kulturelle Besonderheiten? Zum Beispiel die deutsche Pünktlichkeit?

Behrend: Die Deutschen sind gar nicht so pünktlich (lacht). In der Kita kommen die Eltern so oft zu spät. Ich sehe zu meiner Heimat gar nicht so große Unterschiede.

Wo genau helfen Sie als Kulturdolmetscher?

Behrend: Wir begleiten zum Beispiel Menschen zum Arzt, übersetzen und erklären, wie das funktioniert. Oder wir begleiten Eltern zum Elterngespräch in die Schule. Ich erinnere mich auch an eine Situation im Landratsamt. Eine Betreuerin kam bei ihrer Klientin nicht weiter beim Thema Münchenpass. Die Klientin stellte immer wieder die gleichen Fragen. Ich habe es ihr nochmal genau erklärt – und ihrer Betreuerin, dass es in der Heimat der Frau so etwas einfach nicht gibt – einen Ausweis mit dem man Geld sparen kann. Den man aber auch regelmäßig verlängern muss.

Nasser: Ich betreue sehr oft geflüchtete Menschen. Das ist nicht einfach. Man muss beiden Seiten die jeweilige Kultur erklären. Die meisten Araber, die ich begleitet haben, waren zum Beispiel sehr gläubig und auch abergläubisch. Und sie verstehen manche Dinge einfach nicht. Zum Beispiel Schulpflicht. Das kann man nicht übersetzen. Und auch nur schwer erklären, weil bei ihnen die Schule meistens freiwillig ist.

Haben Sie oft mit Familien zu tun?

Nasser: Sehr oft. Zum Beispiel gab es da eine Familie mit drei Kindern, die in einer Flüchtlingsunterkunft zusammen in einem Zimmer wohnte. Es war erst mal schwierig, ihnen zu erklären, dass die Kinder in die Schule gehen und auch ihre Hausaufgaben erledigen müssen. Die Lehrer wiederum wissen meist gar nicht, was diese Kinder und ihre Familien durchgemacht haben. Welche schlimmen Dinge sie auf der Flucht erlebt haben. Das jüngste Kind hat immer seine Mitschüler geschlagen. Die Familie hat mehrere Briefe von der Schule bekommen. Da stand drin, sie sollten ihren Sohn erziehen. Für diese Menschen bedeutet das, ihn zu schlagen. Das Ergebnis war eine Lawine an Gewalt. Ein anderes Kind war schwach in der Schule und sollte auf eine Förderschule wechseln. Damit das klappt, sollten die Eltern die Schule von der Schweigepflicht entbinden, damit diese der Förderschule die Noten des Jungen mitteilen durfte. Das erklären Sie mal jemanden, der gerade neu in Deutschland ist.

Behrend: Ich habe mehr mit einzelnen Personen zu tun. Etwa Menschen, die erst kurz da sind und nicht so gut Deutsch können. Ich begleite sie zu Ärzten und Behörden. Öfter begleite ich Leute auch zur Schuldnerberatung.

Nächster Qualifizierungskurs der Caritas startet im Mai

Mehr als 100 Menschen hat die Caritas im Landkreis bis einschließlich dieses Jahres zu Kulturdolmetschenden ausgebildet. Die Einrichtungen, die momentan am häufigsten um Unterstützung bitten, sind laut Projektkoordinatorin Martina Schwingenstein die Schulen (37 Prozent), gefolgt von Migrations-/Integrationsberatungsstellen (22 Prozent) im Landkreis. Dahinter folgen Kindertagesstätten (10 Prozent). Die Schuldnerberatung sowie die öffentliche Verwaltung liegen mit jeweils 9 Prozent und 8 Prozent nah beieinander.

In 40 Sprachen werden die ehrenamtlichen Helfer eingesetzt. Die derzeit nachgefragtesten Sprachen sind Arabisch (31 Prozent), Englisch (12 Prozent), Dari (12 Prozent), Türkisch und Rumänisch (je 6 Prozent) und Spanisch (4 Prozent). Das Qualifizierungsangebot richtet sich an Personen mit eigenen Zuwanderungs- oder Fluchterfahrungen mit anerkanntem Aufenthaltsstatus. Interessierte nehmen an einer Infoveranstaltung und einem Vorgespräch teil. Werden sie als geeignet erachtet, werden sie in einem Kurs mit sieben Modulen für ihren Einsatz qualifiziert. Dabei geht es unter anderem um Themen wie interkulturelle Kommunikation, Bildung, Familie, Gesundheit und Behörden. Und auch danach werden laufend Fortbildungen angeboten. Wer Interesse hat meldet sich beim Fachdienst Bürgerschaftliches Engagement, Am Fohlengarten 10b, 85764 Oberschleißheim, , Email: kulturdolmetscher-lkm@caritasmuenchen.de. Der nächste Qualifizierungskurs startet im Mai 2022, ein Informationsabend findet Ende April statt.

Sind Schulden oft Thema?

Behrend: Ja. Ich hatte zum Beispiel eine Familie aus Russland. Die haben Schulden gemacht, die mit den Jahren gewachsen sind. Als der Mann in Rente ging, kam ein Brief, er sollte 1500 Euro zahlen – eine Menge Geld für diese Familie, die dann auch Grundsicherung im Alter bekam. Die Schuldnerberatungsstelle hat ihnen geholfen. Aber die Familie konnte erst gar nicht verstehen, dass man das regeln kann. So etwas gibt es in ihrer Heimat nicht. Ich musste ihnen erklären, dass sie der Beraterin vertrauen können, dass das schon alles seine Richtigkeit hat, sie einfach nur unterschreiben müssen.

Vertrauen Ihnen die Menschen mehr, weil Sie sozusagen eine von Ihnen sind?

Behrend: Auf jeden Fall.

Würden Sie sagen, dass es schwer ist, sich in Deutschland zu integrieren?

Nasser: Es kommt immer darauf an, wie man ankommt. Wenn man mit Flugzeug und Visum kommt und sich vorbereitet, die Sprache gelernt hat, ist das viel einfacher. Als Flüchtling ist man in einer ganz anderen Situation. Auch hier war ich schon oft in der Schuldnerberatung gefragt. Einige Klienten, die ich begleitet habe, hatten Schulden, weil sie mit der S-Bahn schwarzgefahren sind. Es gab eine Strafe, die sie nicht bezahlt haben und die Summe ist dann immer größer geworden. Die Leute verstehen nicht, warum sie so viel zahlen sollen, nur weil sie einmal etwas falsch gemacht haben. Außerdem gibt es Länder, in denen die Schulden irgendwann verjährt sind. Das muss man ihnen alles erst mal erklären. Oft werden Geflüchtete auch ausgenutzt.

Inwiefern?

Nasser: Man lässt sie Verträge unterschreiben, die mit Zahlungen verbunden sind. Die Menschen verstehen das nicht und landen in der Schuldenfalle.

Es geht also bei Ihrer Arbeit oft darum, das System in Deutschland zu erklären.

Behrend: Genau. Oft reicht es schon, die Leute zu überzeugen, dass ihnen auf den Ämtern hier niemand etwas Böses will. Sie sind auf jeden Fall sehr dankbar für unsere Hilfe.

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