Mit ohrenbetäubendem Krach feuert Judith Hillig alias Madame Gissot auf die Adlerscheibe - und trifft! Wobei: Es fliegt nicht wirklich Blei durch die Luft.
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Mit ohrenbetäubendem Krach feuert Judith Hillig alias Madame Gissot auf die Adlerscheibe - und trifft! Wobei: Es fliegt nicht wirklich Blei durch die Luft.

Jagdlager wie zu Kurfürst Max Emanuels Zeiten

Wo die Steinschlossbüchse kracht

  • VonAndreas Sachse
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Der Knall ist ohrenbetäubend. Wenn der Funke das Schwarzpulver in der Mechanik der alten Steinschlossbüchse entzündet, hört man das meilenweit. Es ist Jagdlager im Schlosspark Schleißheim.

Oberschleißheim - An der Ostseite des Schleißheimer Schlossparks, nahe der Fontäne, hat der Club Rocaille am Wochenende zum historischen Lust- und Jagdlager gebeten. Letztes Jahr war Corona. Heuer auch, aber davon lassen sich die Herrschaften vom Club Rocaille den Spaß nicht verderben.

Zeitreise ins 18. Jahrhundert

Vor einem halben Dutzend Zelten ließ der Club Rocaille ein Jagdlager aus dem 18. Jahrhundert auferstehen. Ein Magier gehört dazu, das Oberschleißheimer Hornquartett, ein Tuchhändler und natürlich jede Menge Büchsenknall beim legendären Adlerschießen. So ein Fürst, wie Max Emanuel, will eben zeigen, was er hat

Club Rocaille organisiert die Show

Die Herrschaften vom Club Rocaille haben sich in einer Interessengemeinschaft organisiert. „Vereinsmeierei liegt uns nicht“, sagt Carl Ludwig von Poellnitz (65), der im wahren Leben Michael Lang heißt und Ruheständler ist. „Ganz nature“, schiebt von Poellnitz nach. Seinerzeit gab man sich gern a weng Französisch. Das war am Hof des bayerischen Kurfürsten nicht anders.

Edle Tuche

Mit von Poellnitz, einem Adligen vom Hofe Friedrich des Großen, geht es weiter zum Stand von Johann Cleophas Hinrichs, einer der, wie es heißt, angesagtesten Stoffhändler seiner Zeit. Hinrichs alias Michael Zock aus Oldenburg, hört so was gar nicht gern. „Tuch- und Ellenwarenhändler“, korrigiert er sein Gegenüber. Johann Cleophas Hinrichs zählt zu den begehrtesten Teilnehmern des Jagdlagers überhaupt. Eine wohl sortierte Auswahl feinster Tuche, gepaart mit dem Charme eines liebenswerten Spitzbuben, lassen im Lager das geflügelte Wort vom Tuchhändler Hinrichs die Runde machen, „der die Damen glücklich macht“. Der Riechsalz-Konsum schnellt in die Höhe, und Johann Cleophas Hinrichs lächelt verschmitzt. Und überhaupt: „Heute trägt man nur noch Leberwurstfarben.“

Kostüme sind bis hin zum Manschettenknopf historisch

Einen Gutteil seiner Beliebtheit verdankt er Alexa Bender. In der Art einer Wissenschaftlerin erforscht Alexa Bender, die so ziemlich als einzige im Tross auf einen Alias-Namen verzichtet, was im Rokoko angesagt war. „Unsere Kostüme sind bis hin zum Manschettenknopf historisch“, erzählt der rasch herbeigeeilte Carl Ludwig von Poellnitz. Besucher erhalten jederzeit Informationen über eingestellte Jagden und das Leben am kurfürstlichen Hof: „Wir sind so authentisch wie möglich.“

Es kracht gewaltig - aber es fliegt kein Blei

In dem Moment greift Judith Hillig alias Madame Gissot zur Steinschlossbüchse. Soeben war sie noch an der Seite von Johann Cleophas Hinrichs im mit edlem Mobiliar ausgestatteten großen Zelt bei Gebäck und Cognac beobachtet worden. Jetzt eilt sie an den Schießstand, um beim finalen Adlerschuss zu brillieren. Ein schnittiger Herr im roten Gewand des Hauses Hessen-Kassel gibt Schwarzpulver in den Lauf, darauf zusammengerollten Filz und reicht ihr die Büchse. Madame legt an, drückt ab. Ein Schwarm Vögel sucht kreischend das Weite. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Treffer! Der Adler lässt den Kopf hängen. Madame Gissot schaut beifallheischend in die Runde. Die Herrschaften klatschen, wobei sie dezent die Fingerspitzen berühren.

Treffer werden von elektrischen Signalen ausgelöst

Doch was ist das? Alles nur Täuschung! Hinten im Gedränge fummelt einer mit einer Box herum. Treffer sind von elektrischen Signalen ausgelöst. Die Runde lacht über den verdutzt dreinschauenden Reporter. „Hab ein paar Servos aus dem Modellbau eingesetzt“, grinst von Poellnitz: „Wir können ja wohl kaum echtes Blei verballern.“ Ist eben doch nicht alles Rokoko, was wie Rokoko aussieht.

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