Die Sanierer sind zwei Grafen

Oberschleißheim - Seit Monaten leben die Mieter in den Hochhäusern Am Stutenanger in Oberschleißheim in Angst. Sie fürchten, nach dem Verkauf der Blocks 6, 8 und 10 könnte der neue Eigentümer die günstigen Wohnungen sanieren - und für sie unbezahlbar machen. Eine Angst, die womöglich berechtigt ist.

Was bisher nicht offiziell bekannt war, teilt jetzt die Hausverwaltung der rund 450 Wohnungen den Mietern mit: Die „JP Oberschleißheim GmbH“ hat die drei Häuser gekauft. Die neuen Eigentümer werden sich bei einer Mieterversammlung am 26. Februar im Oberschleißheimer Bürgerzentrum vorstellen. Ob die beiden Geschäftsführer des im Oktober 2013 gegründeten Unternehmens mit Sitz in Gräfelfing selbst vor Ort Rede und Antwort stehen werden?

Zu sehen bekämen die Mieter dann zwei Männer aus dem Adelsgeschlecht: Daniel Graf von der Schulenburg und Karl-Erbo Graf von Kageneck. Sie sind die Geschäftsführer der „JP Oberschleißheim GmbH“, gegründet von einem Unternehmen in Luxemburg, der „JP Residential XI S.à.r.l.“.

Die neuen Eigentümer hatten im Dezember gegenüber den Oberschleißheimer Gemeinderäten zugesichert, sich an die Sozialcharta zu halten, die der Münchner Mieterverein ausgearbeitet hatte. Demnach wären die Mieter vor Kündigungen geschützt. Mieterhöhungen wären nur im Paket mit Sanierungsmaßnahmen und gemäß gesetzlicher Vorgaben möglich. Und: Luxussanierungen dürfte es gar nicht erst geben. Den Mietern war ein Stein vom Herzen gefallen. Und auch Bürgermeisterin Elisabeth Ziegler (SPD) war zuversichtlich, dass der Eigentümerwechsel keinen allzu großen Nachteil für die Mieter mit sich bringen würde.

Dennoch sollen bereits im Januar dieses Jahres mehr als 100 Wohnungen leer gestanden haben. Viele Mieter seien ausgezogen, hieß es damals. Aus Angst, irgendwann auf der Straße zu sitzen, weil ihre Wohnungen zwar saniert, aber unbezahlbar geworden sein könnten. Ein schwerer Schritt für die Menschen, von denen einige bereits Mitte der 1960er-Jahre eingezogen waren. Damals hatten die Blocks als Vorzeigeprojekt gegolten.

Ein Kind ihrer Zeit sind die drei Wohntürme allemal. Ähnlich zweier Appartementhäuser, die 1972 an der Leopoldstraße in München entstanden sind, in unmittelbarer Nähe zum „Schwabylon“, einem Einkaufs- und Freizeitzentrum, das es längst nicht mehr gibt. Eines der beiden Häuser läuft heute unter dem Namen „Leo 206“. Unter anderem unter der Geschäftsführung von Daniel von der Schulenburg lässt die „Leopoldstraße 206 S.à.r.l“, ebenfalls mit Sitz in Luxemburg, die Anlage mit 406 Appartements auf 15 Wohngeschossen grundlegend sanieren. In der Vermarktung ist die Rede von einer „perfekten Kapitalanlage“. Im Angebot stehen im Internet kleine und mittelgroße Wohnungen. Aber auch der Sondertyp, genannt „Das perfekte Apartment“: 150 Quadratmeter im 9. Stock mit Ost/West-Ausrichtung. Kaufpreis: 831 700 Euro. Sind die Sorgen der Menschen in Oberschleißheim also berechtigt?

Daniel Graf von der Schulenburg war gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Bürgermeisterin Elisabeth Ziegler aber ist guten Mutes (siehe Kasten). Die neuen Eigentümer hätten definitiv zugesichert, sich an die Sozialcharta zu halten. Allerdings mit einer Ausnahme: Das Umwandlungsgesetz soll für sie keine Rolle spielen. Das heißt: Dass einige der Mietwohnungen in Oberschleißheim in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, steht fest. Nicht, wie viele es sein werden. Darüber gibt es laut Ziegler keine Aussage. Die Zukunft der Wohnungen Am Stutenanger 6, 8 und 10 ist also weiterhin offen. In knapp zwei Wochen immerhin werden die Mieter die neuen Eigentümer kennenlernen. Auch die Bürgermeisterin ist eingeladen - die Öffentlichkeit dagegen nicht.

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