Die letzten Überreste der Berrendorfer Straße im August 2019.
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Die letzten Überreste der Berrendorfer Straße im August 2019.

Ausstellung im Rathaus

Das schwindende Dorf: Fotograf dokumentiert Abriss eines Orts für Kohleabbau

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Für den Braunkohleabbau mussten in Nordrhein-Westfalen Dörfer weichen. Den Abriss eines Ortes hat ein Fotograf aus Ottobrunn begleitet.

Ottobrunn – Die Zerstörung des Hambacher Forstes ist das eine. Er war vor ein paar Jahren in aller Munde. Aber auch Dörfer mussten für den Braunkohletagebau in Kerpen weichen. Der Ottobrunner Yannick Rouault (27) hat eine dieser Geisterstädte beim Verschwinden begleitet. Er ist, auch wenn er das nicht explizit erwähnt, Direktkandidat der ÖDP im Landkreis München für die Bundestagswahl im September.

Eine Freundin von Yannick Rouault wohnte in der Nähe des Dorfes. Bei einem Besuch hatte er das Vorhaben vor Augen mit allem, was dazu gehört: den großen Löchern und dem Braunkohlekraftwerk. Auch von der Umsiedlung ganzer Dörfer erfuhr der Ottobrunner und der Folge, dass die Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Dieses zeitgeschichtliche Ereignisse kurz vor dem Ende des Braunkohleaussteigs wollte er mit seiner analogen Nikon-Kamera und einem 50-Millimeter-Objektiv begleiten – auf den Spuren der klassischen Fotografie des 20. Jahrhunderts. Er plante eine Langzeit-Serie, die vielleicht auch noch in einem Bildband verarbeitet wird. Die Ausstellungsstücke sollen den Verlauf erzählen, dem Verschwinden einen Ausdruck verleihen: „Plötzlich können Sie von jedem Platz aus die Kirche sehen, weil Stück für Stück alles andere abgerissen wird und den Blick frei macht. Es ist verrückt zu sehen, wie ein Dorf verschwindet.“

„Man ist sich gar nicht mehr so sicher, ob man bis zur Kohle hinunter geht.“

Die wahre Szene spielt sich im rheinischen Braunkohlerevier bei Köln ab. Das Dorf Manheim gehört seit 1970 zur Stadt Kerpen. Seit 2016 werden dort alle Bauwerke abgerissen, um für den Tagebau Hambach Platz zu schaffen. „Das Absurde an der ganzen Situation: Man ist sich gar nicht mehr so sicher, ob man bis zur Kohle hinunter geht.“ Denn aufgrund des früheren Kohleausstiegs und einer Verkleinerung des Tagebaus Hambach könnte es sein, dass dieses Dorf mehr oder weniger zwecklos dem Boden gleich gemacht wurde. Bereits zu Anfang des Projekts gab es bereits Aktivisten im Hambacher Forst, die in ihren Baumhäusern ausharrten. Sie mussten im Herbst 2018 ihre Bastionen räumen. Bis dahin war das Thema der Umsiedlungen für den Braunkohle-Tagebau in der Öffentlichkeit nicht sonderlich präsent. Rouault hatte das Gefühl angesichts der Geisterdörfer, dass deren Bewohner auch eine Lobby benötigen. Dass auch sie Aufmerksamkeit verdienen, denn dahinter stehen viele Schicksale, die umgesiedelt werden. Es gibt nichts, wohin man später zurückkehren kann. Nach dem Abbau kommen entweder Seen an die Stelle oder sie werden verfüllt und bekommen beispielsweise auf einem landwirtschaftlich genutzten Feld einen Gedenkstein aufgesetzt. „Diese Absurdität wollte ich zeigen.“ Insgesamt hat der Fotograf über 1000 analoge Fotos gemacht, rund ein Fünftel davon lassen sich für die Fotoreportage verwenden, die gänzlich ohne Menschen auf den Abbildungen auskommt.

Fotograf Yannick Roualt vor seiner Abbildung der Dorfkirche Manheims. Um sie herum wurden bereits die meisten Gebäude abgerissen.

In Ottobrunn werden etwas über 30 Bilder gezeigt. Denn das Besondere erkennt der Fotograf gerade in der Verlassenheit. Das erste, was ihm in Manheim aufgefallen ist: Es stehen keine Autos auf der Straße, die auf menschliches Leben schließen lassen. Natürlich schlendere man oft überall auf der Welt auf Straßen ohne Menschen entlang, aber ohne Autos? Das kommt fast nur in Geisterstädten wie dieser vor.

Die Ausstellung

Die Ausstellung: „Ein Dorf verschwindet“ von Yannick Rouault im Rathaus Ottobrunn ist noch bis 27. Juni zu sehen. Am Sonntag, 13. Juni, finden Gruppenführungen durch die Ausstellung statt – um 14 Uhr, 16 Uhr, 18 Uhr und 20 Uhr. Eine Anmeldung ist unter ausstellung@postabstrakt.de oder 01577 78 28 474. möglich.

Der Berufsalltag besteht für Yannick Rouault weniger im künstlerischen als im technischen. Er ging aufs Gymnasium Neubiberg, kaufte sich die Nikon-Spiegelreflexkamera F6, die letzte Spiegelreflexkamera auf Filmbasis, studierte audiovisuelle Medien an der Hochschule der Medien in Stuttgart und ist für Kamera oder Ton im Fernsehen zuständig – für Dokumentation, Reportagen und zum Thema Wissen – als Tonmann und zweiter Kameramann hat er zum Beispiel lange Zeit bei Xenius, dem Wissensmagazin auf Arte mitgewirkt. Im April war gerade auf Dreh als Tonmann für die ZDF-Dokumentationsreihe „Terra X“. Im Rahmen seins Studiums hat er auch viel im Radio moderiert und redaktionell gearbeitet. Aber die Fotografie hat ihm mit am besten gefallen. Der Ottobrunner liebt es, Bilder zu finden und zu zeigen. Die Reportage über Manheim war ihm eine Herzensangelegenheit, völlig frei entstanden. Über das Dorf und die Hintergründe des Braunkohleabbaus hat er viel recherchiert, mit ehemaligen Bewohnern geredet. „Aber was mich antreibt, ist das Künstlerische, nicht das inhaltlich Redaktionelle.“

Weitere Nachrichten aus Ottobrunn und dem Landkreis München finden Sie hier.

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