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Ottobrunn geht seinen Weg selbstbewusst weiter in Richtung Urbanität

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Von: Marc Schreib

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Die Urbanität im vorstädtischen Bereich drückt sich beispielhaft am Rathausplatz in Ottobrunn aus, wo sich Freizeitwert, Arbeit und Leben miteinander verknüpfen.
Die Urbanität im vorstädtischen Bereich drückt sich beispielhaft am Rathausplatz in Ottobrunn aus, wo sich Freizeitwert, Arbeit und Leben miteinander verknüpfen. © Marc Oliver Schreib

Ottobrunn – Eines ist sicher, die Ottobrunner Ortsentwicklung ist nicht abgeschlossen, die Nachverdichtung im vollen Gange. Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) nimmt im Interview die Herausforderung der nächsten Monate mit viel Elan an.

Neue Expressbus-Routen sind ausgewiesen worden. Ausgerechnet Ottobrunn wird nicht angefahren. Wurde schlecht verhandelt?

Ich bin Mitglied im Mobilitätsausschuss. Und wir sind auch vom Landratsamt im Vorfeld der Fahrplanausschreibung informiert worden und haben eine Stellungnahme abgegeben. Ich kannte die Planung und halte sie für richtig und durchdacht. Die Ringbuslinie soll möglichst schnell die Strecke außen herum überwinden. Insofern kann sie nicht in den Ort Ottobrunn hineinfahren. Man muss den Gesamtplan in den vergangenen sieben Jahren betrachten. In der ersten Runde hat die Gemeinden Ottobrunn vielleicht am stärksten von allen Änderungen profitiert. Stichwort Taktverdichtungen. Im Übrigen kommt 2023 neben der X200 eine Expressbuslinie, die Ottobrunn, Putzbrunn und Unterhaching mit der Isarphilharmonie verbindet.

Es gibt also keinen Grund, sich zurückgesetzt zu fühlen?

Nein, überhaupt nicht. Die Buskilometer haben sich in dem Zeitraum sogar mehr als verdoppelt. Und wenn ich nach Unterschleißheim in den Nordwesten des Landkreises will, dann fährt man mit dem 241er Bus nach Putzbrunn oder Haar und steigt um. Die Bewohner im Osten Ottobrunns können auf dem Rad zum Hohenbrunner Bahnhof radeln, wo der Ringbus hält. Mit ihm fahren sowieso nur Leute, die auch ÖPNV-affin sind. Ich hoffe, dass diese Zahl zunimmt. Wir statten auch bei uns die Bushaltestellen mit Radständern aus, damit die Mobilität weg vom Auto gestärkt wird. Wir möchten die Verknüpfung von Fahrrad und Bus. An der Rosenheimer Landstraße sieht man das Ergebnis bereits an vielen Stationen. Dafür werden auch Parkplätze geopfert.

Am Finsinger Feld und im Büropark Ottobrunn werden viele neue Areale für Arbeitsplätze geschaffen. Müsste es dann nicht mehr Raum für Wohnungen geben, um den Siedlungsdruck nicht zu verstärken?

Ottobrunn kann nicht stark wachsen und Tausende Wohnungen bauen. Wir tun, was wir können. Trotzdem können wir auch innovativen Städtebau für Gewerbe zusammen mit dem Investor betreiben. Wir bauen nicht auf der grünen Wiese, sondern nehmen uns ein Gewerbegebiet vor, das bereits existiert. Nehmen Sie die Gemeinde Unterföhring. Die hat etwa doppelt so viele Arbeitsplätze wie Einwohner. Das Thema Wohnungen muss man daher großflächiger denken, vor allem im Zusammenhang mit den Mobilitätsangeboten. Es geht darum, dass der Individualverkehr möglichst nicht direkt proportional in die Höhe schießt.

Bürgermeister Thomas Loderer.
Bürgermeister Thomas Loderer. © Robert Brouczek

Mieten, Wohnungskauf. Auf allen Gebieten gehen die Preise weiter nach oben. Wenn jetzt Tausende Arbeitsplätze dazu kommen, trägt das nicht zur Überhitzung des Marktes bei? Vielleicht lassen sich dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln die Wege nicht mehr bewältigen?

Wir können als Gemeinde weder durch Zutun noch durch Unterlassen an der Stelle die Probleme lösen, bezogen auf den Großraum. Aber wir müssen als Gemeinde unsere Zukunft gestalten und auch unsere Einnahmen verbessern. Wir wollen nicht etwas unterstützen, um größtmöglichen Reibach zu machen, sondern betten es in eine städtebauliche Vision ein, indem ein neuer Ortsteil wahrnehmbar geschaffen wird mit hoher Aufenthaltsqualität. Die Entwicklung lässt sich durch die Gemeinde ohnehin nicht in ihrer Gesamtheit steuern. Die Frage ist, machen wir einen Schritt in die richtige oder in die falsche Richtung? Ottobrunn bekennt sich zur Urbanität.

Was heißt das?

Wir versuchen, über neue Konzepte die Anforderungen einer lebens- und klima-freundlichen Architektur und einer natürlichen Umgebung mit menschenfreundlichem Städtebau zusammenzubringen. Wir sehen uns als Teil des urbanen Raums. Es darf nur nicht ungesteuert zu Molochen ausarten, aber davon sind wir hier Gott sei dank weit entfernt. Es geht darum, viel Menschen auf wenig Raum unterzubringen. Wir hätten gar nicht mehr den Platz, um ein Baugebiet auszuweisen, wo irgendwelche Wüstenrot-Häuschen entstehen können. Nehmen wir das Gebiet an der Zaunkönigstraße. Da gab und gibt es Proteste. Hier soll Wohnraum städtebaulich verträglich geschaffen und nachverdichtet werden. Und ich behaupte auch noch, dass danach die Lebensqualität besser wird! Da gehen nicht alle sofort mit. Es gelingt auch nicht immer. Aber es gelingt auch nicht, wenn einer, der Geld hat, sein 600 Quadratmeter großes Ottobrunner Grundstück mit einem Haus und Garagen zupflastert. Dann ist für die Siedlung auch nicht viel an Lebensqualität gewonnen. Ich lehne den Begriff der Gartenstadt nicht ab, aber interpretiere ihn neu.

Und für jedes Wohngebiet bräuchte es auch wieder Bildungseinrichtungen.

Ja. Wir haben schon noch Steuerungsmöglichkeiten für eine maßvolle Nachverdichtung. Im Grundschulbereich. Und zwar durch unsere dritte Schule. Zwei sind schon zu Ganztagsschulen umgebaut und grundlegend modernisiert. Das Projekt der nächsten Jahre wird die Schule I betreffen. Im nächsten Jahr möchte ich schon einen Architektenwettbewerb anstoßen, der sich mit dem Umbau zur Ganztagsschule befasst. In diesem Zusammenhang wird besprochen, wie viele Schüler da sein sollen. Eine Erweiterung wäre planerisch denkbar, wenn auch in einem überschaubaren Rahmen.

Wie steht es um die Auswirkungen, die Corona auf den Haushalt des Phönixbades inzwischen hat?

Die Zahlen sind nicht öffentlich. Aber wir brauchen nicht drum herum reden. Wenn ein Schwimmbad mehr als die Hälfte des Jahres geschlossen ist, das tut weh. Wir haben jetzt als Gesellschaft wieder 400 000 Euro als Kapitaleinlage eingebracht und decken das Defizit. Wenn die Dinge gut laufen, sind wir bei einem jährlichen Defizit zwischen 600 000 und 800 000 Euro. So viel lassen wir uns das Bad jährlich kosten. Das Defizit ist jetzt deutlich höher. Die Bremsspuren haben wir beim Jahresabschluss 2020 schon gesehen und wir werden sie in den Folgejahren auch sehen. Aber immerhin: Das Phönixbad ist ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen.

Das Wolf-Ferrari-Haus hat finanziell nicht so viel verkraften müssen, aber kulturell ist es auch eine Katastrophe, oder?

Ja, furchtbar und jammerschade, dass wir all die schönen Veranstaltungen nicht hatten, für die wir ja auch übers Jahr bekannt sind. Zumindest der Kabarettwettbewerb soll im April verspätet stattfinden.

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