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So sollen sie aussehen: die Holzhäuser der Feel Home GmbH, die in Ottobrunn aufgestellt werden sollen.

Gemeinderat Ottobrunn segnet Holzhaus-Siedlung ab

320 Asylsuchende ziehen zum Kathi-Weidner-Weg

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Ottobrunn – Entschieden: Einstimmig hat der Gemeinderat die Asylbewerber-Siedlung abgesegnet. Doch die Bürger kämpften gegen die Größe bis zum Schluss...

Paulina Diessel, 18, sagt: „Ich habe Angst.“ Dann wackelt ihre Stimme, droht zu brechen. Sie hat Tränen in den Augen. Paulina Diessel weiß, dass „wir offen sein sollen“, sagt, dass sie „die Erste wäre, die zu den Flüchtlingen in die Unterkunft geht und ihnen hilft“. Aber Paulina Diessel sagt eben auch: „Ich habe Angst. Das ist einfach so.“ Ohne Vorwürfe, Anschuldigungen und Wut. 

Die 18-Jährige aus Ottobrunn hebt die Debatte um die geplante Asylbewerber-Siedlung am Kathi-Weidner-Weg am Mittwochabend im Wolf-Ferrari-Haus auf eine neue Ebene. Ihr Wortbeitrag während der Sitzung des Gemeinderats macht betroffen.Es wird still. Unter den rund 250 Zuschauern und im Gremium. 

Paulina Diessel beweist, was Gemeinderätin Ruth Markwart-Kunas (SPD) längst begriffen hat in dieser wochenlangen, aufgeheizten Diskussion: „Gegen Ängste kann man nicht argumentieren, weil es Gefühle sind.“ Und die kann den Anwohnern niemand nehmen. 

Weder die Polizei und der Landrat noch die Gemeinderäte und Bürgermeister Thomas Loderer (CSU), die ihre Entscheidung verteidigen, Argumente vorbringen und versuchen, Vorwürfe zu entkräften – und Ängste zu nehmen. Jeder Zuhörer darf nochmal seine Meinung äußern, wird gehört und bekommt eine Antwort. 

Zufrieden stellen können die Volksvertreter die Anwohner nicht. Paulines Vater Thomas Diessel ist am Ende, kurz nachdem der der Gemeinderat die Holzhaus-Siedlung am Kathi-Weidner-Weg für zunächst 320, maximal aber 416 Asylsuchende einstimmig befürwortet hat, „enttäuscht. Ich hätte mir gewünscht, dass doch ein wenig mehr auf meine Vorschläge eingegangen wird“. Der Ottobrunner hatte der Verwaltung im Vorfeld ein Schreiben mit 15 Vorschlägen geschickt, damit die Wünsche vieler Anwohner bei der Unterbringung der Flüchtlinge berücksichtigt werden. 

Der Frust wird mit jeder öffentlichen Veranstaltung lauter, größer und die Debatte härter geführt bei den Anwohnern. Es ist die Rede von „Befangenheit und persönlicher Vorteilsnahme“ des Gemeinderats, weil die Siedlung bewusst weit entfernt von den Wohnorten der Räte gebaut werde, von „völliger Intransparenz“, von „Kiddies, die mit Pfefferspray rumlaufen, was sehr berechtigt ist“ und von „einem Punkt, in dem ich die Flüchtlinge sehr beneide: Sie dürfen mietfrei an einem der schönsten Flecke Ottobrunns wohnen“. „Da sind Sie der erste, den ich kenne, der Flüchtlinge beneidet“, antwortet Bürgermeister Loderer.

Es geht um Emotionen, um Ängste. Und diese nehmen weder die Argumente für eine zentrale Unterbringung noch der Hinweis auf die bis zu 350 Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren in der Josef-Seliger-Siedlung wohnten. Zudem betont der Rathauschef, dass die Gemeinde mit den Einnahmen aus der Vermietung des Areals an die Feel Home GmbH, die die Holzhäuser errichtet, „nicht reich werden will“– und das Geld „bei Bedarf in die Verbesserung der Siedlung gesteckt wird“. Sei es für einen weiteren Spielplatz oder Sozialbetreuer. Zudem plant die Verwaltung heuer Mittel für eine zusätzliche halbe Stelle im Rathaus ein: für einen Koordinator und Ansprechpartner der Asyl-Siedlung. 

Dennoch: 320 oder sogar 416 Asylbewerber sind den Anwohnern zu viele. Sie wissen, dass eine Unterbringung in ihrer Nachbarschaft nötig und unabwendbar ist, aber maximal 200 Menschen möchten sie dort aufnehmen. 

Eckerskorn hatte versucht, diesem Wunsch mit dem Antrag zu entsprechen, maximal sechs Häuser am Kathi-Weidner-Weg zu bauen und vier weitere auf einem noch zu prüfenden Areal an der Beethovenstraße. Sie war gescheitert. 

Ebenso wie die Grünen nun mit dem Antrag, die Zahl 320 als Maximum am Kathi-Weidner-Weg festzulegen. Ein Anwohner forderte schließlich vom Gemeinderat: „Zeigen Sie Zivilcourage und sagen Sie Nein.“ Nein zur Aufnahme so vieler Asylsuchender. Bürgermeister Thomas Loderer stellte nochmal trotz allen Widerstands klar, welche Linie er persönlich und seine Gemeinde in dieser „historisch einmaligen Zeit“ verfolgt: „Es ist wesentlich mutiger, Ja zu sagen.

Janine Tokarski

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