+
Großbaustelle: derzeit entstehen 85 neue Wohnungen im zweiten Bauabschnitt.

Josef-Seliger-Siedlung in Ottobrunn

Neue Sozialwohnungen für manche zu teuer

  • schließen

Komplett neu gebaut wird die Josef-Seliger-Siedlung in Ottobrunn: Sozialwohnbau der schicken Sorte. Doch nicht jeder Mieter kann sich eine Wohnung  im Neubau leisten.

Ottobrunn – Vom Wohnzimmerfenster aus hat Mathilde Gerlauch (Name geändert) die Baustelle bestens im Blick. Jeden Tag verfolgt sie die Wege der Betonmischer und Baufahrzeuge, die Rotation der Kräne, die Rufe der Arbeiter auf der riesigen Schotterfläche vor ihrem Fenster. Gerlauch (72) wohnt in einem der letzten alten Wohnblöcke der Josef-Seliger-Siedlung in Ottobrunn.

Die alten Gebäude, Hausnummern 24 bis 32, mit Plattenfassaden und dunklen Treppenhäusern, sind die verbliebenen Zeugen der alten Siedlung. Doch auch sie verschwinden in den nächsten zwei bis drei Jahren, werden abgerissen und neu gebaut.

Letzte Zeugen: Die letzten alten Häuser der Siedlung werden auch bald abgerissen.

Die Siedlung stammt aus den 1950er-Jahren, die Gebäude sind marode, von schlechter Bausubstanz und nicht mehr wirtschaftlich zu sanieren. Es gibt weder eine vernünftige Wärmeisolation noch einen Aufzug. Die Treppen kann die schwer kranke Mathilde Gerlauch nicht mehr bewältigen. Sie ist in ihrer Wohnung im zweiten Stock gefangen, verlässt sie kaum. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt: das Telefon.

Eigentlich müsste sich die Seniorin also freuen über das Großprojekt der Baugesellschaft München-Land (BML). Sie errichtet an der Josef-Seliger-Straße insgesamt 170 neue, moderne Mietwohnungen ausschließlich für Menschen mit wenig Einkommen. Es entsteht, vermutlich bis zum Jahr 2020, eine komplett neue Siedlung mit völlig neuem Gesicht. Nur ihr Name bleibt. 

Neu und modern: die fertigen Häuser der Siedlung an der Putzbrunner Straße.

Der erste Bauabschnitt ist bereits abgeschlossen. An der Ecke zur Putzbrunner Straße wohnen bereits 51 Parteien in modernen Wohnungen. Der zweite Bauabschnitt läuft. Neue Häuser werden momentan vor dem Wohnzimmerfenster von Mathilde Gerlauch hochgezogen. Bis Ende des Jahres 2018 sollen sie bezugsfertig sein. Alle Mieter der alten Häuser sollen in den Neubauten einen Platz finden.

Den Wohnkomfort dort wird die Seniorin aber nicht erleben. „Ich wohne hier, bis ich die Kündigung erhalte“, sagt sie. „Das war es dann.“ Für die Zeit danach sucht die 72-Jährige derzeit nach einem Platz im Altenheim. In einem, das sie sich leisten kann.

Die Seniorin kann die Miete für eine Wohnung in der neuen Siedlung nicht zahlen. Seit 43 Jahren lebt Mathilde Gerlauch an der Josef-Seliger-Straße, zahlte damals 146 D-Mark Miete, mittlerweile sind es 406 Euro warm. Weniger als 300 Euro bleiben der Ottobrunnerin von der Rente zum Leben. Aber für einen Mietzuschuss „hab’ ich 18 Euro zuviel“, sagt sie. Und so reicht das Geld jetzt schon „hinten und vorne nicht“.

Mit dem Neubau der Siedlung geht eine Mieterhöhung einher. „Die Mieter zahlen dann auf alle Fälle mehr“, bestätigt Ulrich Bittner, Geschäftsführer der Baugesellschaft München-Land. In den alten Häusern lag die Kaltmiete bei sechs bis sieben Euro pro Quadratmeter. Im ersten, fertigen Abschnitt des Neubaus sind es 8,50 Euro (plus 3,20 Euro Nebenkosten-Vorauszahlung), im zweiten Abschnitt wird mit 9,50 Euro plus Nebenkosten geplant. 

Immer noch sehr günstige Konditionen in einer Region, in der der Marktmietspiegel bei 14,45 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für Neubau-Objekte liegt. „Wir wollen niedrige Mieten“, betont der BML-Geschäftsführer. 

Für Mathilde Gertraud ist sie dennoch zu hoch. So viele Vorteile ein Umzug ins Altersheim auch bietet – Rundum-Betreuung und Kontakt zu anderen Senioren: Die Ottobrunnerin ist traurig, dass 43 Jahre in der Josef-Seliger-Siedlung bald zuende gehen. „Ich hab’ mich hier immer wohl gefühlt.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Deisenhofen nach doppelter Sperrung wieder frei
Die BOB- und S-Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Deisenhofen ist aufgrund eines Polizeieinsatzes erneut komplett gesperrt. Zum zweiten Mal an diesem Montag.
Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Deisenhofen nach doppelter Sperrung wieder frei
„Ich fühle tiefe Traurigkeit“: Feuer macht Geschäftsführer fassungslos
Nach dem Brand einer Sortieranlage am vergangenen Samstag herrscht bei der betroffenen Recyclingfirma und ihren 35 Mitarbeitern Fassungslosigkeit. Der Geschäftsführer …
„Ich fühle tiefe Traurigkeit“: Feuer macht Geschäftsführer fassungslos
Brand in Feldkirchen: Darum blieb die Feuerwehrsirene still
Bei Großbränden wie Samstagabend in Feldkirchen warnt die Polizei die Bevölkerung über mehrere Kanäle wie Twitter und Radio. Doch warum blieb die Sirene der Feuerwehr …
Brand in Feldkirchen: Darum blieb die Feuerwehrsirene still
30 Kinder ohne Hortplatz
92 Kinder, 62 Plätze: Schlimmstenfalls gibt‘s für 30 Kinder keinen Hort-Platz an der Grundschule-West in Garching. Das hat mehrere Gründe.
30 Kinder ohne Hortplatz

Kommentare