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Trachten-Geschäfte: Millionen-Minus nach Wiesn-Aus

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Von: Stefan Weinzierl

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Der Ottobrunner Trachtenhändler Peter Seeböck vom Tracht’n-Bäda
„Zeitlos“: Der Ottobrunner Trachtenhändler Peter Seeböck hofft, dass sich die Kollektion nächstes Jahr verkauft. © Redaktion

Oktoberfest abgesagt, Volksfeste ausgefallen, Familienfeiern verschoben: Änlässe, Tracht zu tragen, gab es heuer weniger als sonst. Das spüren die Trachten-Händler deutlich.

Landkreis – Egal ob echte Münchner, Zugereiste von jenseits der Weißwurst-Grenze oder Touristen aus Übersee – für viele Wiesnbesucher gehört die Tracht zum Oktoberfest wie die Maß Bier und das Riesenrad. Dort präsentiert man sich gern in der Hirschledernen oder zeigt sich im ausgefallenen Dirndl. Vom jährlichen Schaulaufen der Trachtenträger auf der Theresienwiese profitieren natürlich die Trachtenläden im Landkreis. Die haben deshalb am Pandemie-bedingten Wiesn-Ausfall besonders schwer zu schlucken. Denn ein Großteil der Kundschaft ist heuer ausgeblieben.

Gut die Hälfte des Jahresumsatzes durch Wiesn-Gäste

Gut die Hälfte des Jahresumsatzes, schätzt Katharina Heider, Chefin von „Trachten Heider“ in Dirnismaning, kommt in der Regel durch Kunden, die sich bei ihr für die Wiesn einkleiden. „Wir reden hier von Millionenbeträgen, die wir durch die Situation verlieren“, sagt Peter Seeböck, Inhaber des Ladens „Da Tracht’n-Bäda“ in Ottobrunn. Die Auswirkungen der Pandemie haben ihn besonders schwer getroffen, weil er nicht nur Trachtenmode in seinem Laden sowie online vertreibt, sondern das Jahr über auch mit Ständen bundesweit auf Volksfesten und Märkten vertreten ist.

Für dieses Jahr hatte er noch genug Ressourcen, um die schwersten Monate zu überstehen. Keinen seiner 20 Mitarbeiter habe er entlassen müssen. Dafür hat Seeböck viel Solidarität durch Stammkunden erfahren. „Da haben einige bei mir etwas gekauft, obwohl sie eigentlich gar nichts gebraucht hätten.“ Ein Zeichen der Wertschätzung, findet er.

Großabnehmer ist auch die Gastronomie - in anderen Jahren zumindest

Eine düstere Vorahnung hat Katharina Heiders Geschäft gerettet. Als im Februar die erste Corona-Infektion bei Webasto auftrat, habe sie das Geschehen ganz genau verfolgt – und Konsequenzen gezogen, erzählt sie: „Ich habe vorsichtshalber weniger Ware für die Wiesn bestellt.“ Trotzdem hätten sie die Auswirkungen der Pandemie voll getroffen. Denn Heider verkauft nicht nur an Privatpersonen, sondern stattet unter anderem auch das Personal von Hotels und Gaststätten mit Arbeitstrachten aus. „Und die Gastronomie hat ja selbst kein Geschäft mehr gemacht“, sagt sie.

Gespürt hat den Umsatzeinbruch auch der Branchenriese. Das Unternehmen „Moser Trachten“ mit Sitz in der Oberpfalz betreibt rund 40 Filialen in Bayern, darunter drei im Landkreis München – in Neubiberg, Feldkirchen und Gräfelfing. Von einem Umsatzeinbruch von 70 Prozent aufs bisherige Jahr gerechnet, spricht Geschäftsführer Herbert Wirkes. „Das ist aber nicht nur aufs Wiesn-Aus zurückzuführen, sondern weil viele Volksfeste, Großveranstaltungen und große Familienfeiern ausgefallen sind“, betont er. Trotzdem habe sein Unternehmen die Krise bisher gut verkraftet.

„Schlechter als heuer kann es eigentlich nicht werden.“

Man habe Kosten sparen können, indem man vorbestellte Ware storniert, Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und Marketingmaßnahmen zurückgefahren habe. Außerdem lief das Geschäft in den Vorjahren bestens. „Da kann man ein schlechtes Jahr verkraften“, sagt Wirkes. Der Trend halte an, dass die Menschen zu immer mehr Anlässen Tracht tragen, sei es zu Geburtstagsfeiern, Taufen und Hochzeiten oder einfach in der Kirche oder im Biergarten. Problematisch ist laut Wirkes, dass man nicht weiß, wie sich die Lage in den kommenden Monaten entwickelt und deshalb schlecht planen kann. Trotzdem er optimistisch, nächstes Jahr deutlich mehr Lederhosen, Janker und Dirndl zu verkaufen. „Schlechter als heuer“, meint er, „kann es eigentlich nicht werden.“

Auf die Trendwende hofft auch der „Tracht’n Bäda“. Weil er aus Solidarität mit den Zulieferern den Großteil der bereits bestellten Ware abgenommen hat, sind seine Lager brechend voll. So wird die aktuelle Ware im kommenden Jahr nur ergänzt. „Die neue Kollektion wird klein und prägnant sein“, sagt Seeböck. Zum Glück habe Tracht den Vorteil, dass sie nicht so schnell aus der Mode komme. „Da ist vieles zeitlos und nachhaltig.“ Sobald es wieder mehr Gelegenheiten geben werde, Lederhosen und Dirndl zu tragen, werde auch das Geschäft wie früher laufen, ist er sich sicher: „Die Tracht ist eben ein Luxusartikel: Keiner braucht ihn wirklich, aber jeder will ihn haben.“

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