Geldscheine
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Die Caritas schlägt Alarm: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie belasten viele Familien finanziell. (Symbolbild)

Caritas schlägt Alarm: Immer mehr Menschen aus Mittelschicht können Rechnungen nicht bezahlen

Corona-Krise wird zur Schuldenkrise

  • Stefan Weinzierl
    vonStefan Weinzierl
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Selbstständigen brechen die Einnahmen weg, Beschäftige müssen in Kurzarbeit oder verlieren sogar den Job: Die Auswirkungen der Pandemie bekommen vermehrt auch die Schuldnerberatungsstellen der Caritas im Landkreis München zu spüren. Die Coronakrise wird für viele zusehens auch zur Schuldenkrise.

Landkreis – Die hohen Lebenshaltungskosten im Großraum München, allen voran die Immobilien- und Mietpreise, treiben seit einigen Jahren immer mehr Menschen auch aus der Mittelschicht in die Schuldenfalle. „Dieser Trend hat sich durch Corona noch verschärft“, sagt Antje Spilsbury, stellvertretende Geschäftsführerin der Caritas im Landkreis München. Da reichten Kleinigkeiten wie eine unvorhersehbare Dachsanierung oder eben durch die Corona-Pandemie bedingte Umsatz- oder Gehaltseinbußen, um in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. „Man fällt relativ schnell“, so Spilsbury.

Die Caritas, der Wohlfahrtsverband der römisch-katholischen Kirche in Deutschland, bietet seit über 20 Jahren und an mehreren Außenstellen im Landkreis – unter anderem in Unterschleißheim, Haar, Ottobrunn und Taufkirchen – eine Schuldner- und Insolvenzberatung an. Die zehn Mitarbeiter haben es in den vergangenen Monaten vermehrt auch mit Hilfesuchenden zu tun bekommen, die in der Vergangenheit noch nie Probleme hatten, ihre Rechnungen zu bezahlen.

Bei Kurzarbeit reicht plötzlich das Geld nicht mehr

Als Beispiel nennt Spilsbury eine Mutter in Elternzeit, deren Kind noch keinen Betreuungsplatz hat. „Ihr Mann war Normalverdiener. Beide haben geglaubt, das Geld würde reichen. Dann musste der Mann in Kurzarbeit“, erzählt sie. Gleiches sei einer Lehrerin in Teilzeit widerfahren, deren Mann plötzlich weniger arbeiten musste. Plötzlich habe das Geld nicht mehr ausgereicht.

Tipps der Caritas- Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen im Landkreis München

Menschen, die in der Vergangenheit nie mit Zahlungen in Verzug gekommen sind, reagieren oft mit Angst und Ratlosigkeit, wenn sie plötzlich ein Schreiben von einem Rechtsanwalt oder einem Inkassodienstleister erhalten. Die Caritas Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen im Landkreis München haben Tipps, wie man mit dieser Situation umgeht:

- Vom Schreiben eines Inkassounternehmens nicht einschüchtern lassen

- Prüfen, ob tatsächlich ein Anspruch besteht

- Bei Kredit: Beim Vertragspartner eruieren, ob Anpassung von Ratenhöhe und Laufzeit möglich ist

- Forderungsaufstellung eines Inkassodienstleisters auf Korrektheit überprüfen

- Bei Mahnbescheid mit strittiger Forderung Teil- oder Gesamtwiderspruch einlegen

- Rat bei Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle suchen

Mehr Infos zu den Caritas-Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen sowie Kontaktdaten findet man online unter www.caritas-landkreis-muenchen.de/schuldner-und-insolvenzberatung

Doch besonders betroffen machen Spilsbury die Fälle von Klienten, die bereits im Schuldenregulierungsprozess waren – und die durch die Pandemie nun wieder in Nöten sind. „Das sind Menschen, die auf einem guten Weg waren, denen wir Haushaltspläne erstellt hatten, die durch Aufstockungsjobs mehr Geld zur Verfügung hatten“, erzählt die Caritas-Vertreterin. Plötzlich seien diese Jobs weg gewesen – ein wichtiges Standbein für den Weg aus der Schuldenfalle. „Für diese Menschen ist das besonders dramatisch. Denn sie haben sich durch einen langen Prozess der Schuldenregulierung gequält – und dann kommt dieser Rückschlag.“

Schulden sind immer mit psychosozialer Belastung verbunden

Schulden, so betont Spilsbury, seien immer verbunden mit einer psychosozialen Belastung. Deshalb kümmerten sich die Caritas-Mitarbeiter nicht nur um das finanzielle Problem, sondern auch um die Psyche und Seele der Klienten. „Denn wenn die Menschen nicht sozial stabil sind, kann man so viel Schuldenregulierung versuchen, wie man will.“

Gerade für Menschen aus der Mittelschicht sei so eine Situation besonders belastend: „Für viele war es bis dahin unvorstellbar, dass Geldnot mal ein Thema in der Familie ist“, sagt Spilsbury.. Sie appelliert deshalb an Betroffene, möglichst früh professionelle Hilfe zu suchen. „Das ist kein Stigma. Das ist das Beste, was man machen kann.“ Denn je früher sie die Notbremse ziehen würden, desto mehr Gestaltungsraum hätten die Betroffenen, was ihre Zukunft angeht.

Die Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen der Caritas sind laut Spilsbury auch in Zeiten des Lockdowns einsatzbereit – telefonisch, per E-Mail, aber auch persönlich: „Unsere Arbeit ist am Menschen.“ Lange Wartezeiten gebe es nicht. In zwei, drei Tagen gebe es einen Termin, „im Notfall auch früher“.

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