1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Ottobrunn

Prozess um Geldautomaten-Sprenger: Milderes Urteil für Kurier

Erstellt:

Von: Nina Gut

Kommentare

2018 wurde dieser Geldautomat in Ottobrunn aufgesprengt.
2018 wurde dieser Geldautomat in Ottobrunn aufgesprengt. © Sebastian Schuch

Ein halbes Dutzend Geldautomaten hatten Unbekannte in und um München in die Luft gejagt, unter anderem auch in Ottobrunn und Grünwald. Dabei machten sie Beute im sechsstelligen Bereich. Ein Kurier der Bande, der Spreng-Equipment transportiert hatte, stand nun erneut vor Gericht.

Ottobrunn/Poing – Damit hatte Clancy N. (26) aus den Niederlanden nicht gerechnet, als ihn die Polizei auf der Autobahn bei Würzburg anhielt und festnahm. Durch Recherchen wusste sie, dass der Niederländer von Utrecht aus auf dem Weg nach Poing (Kreis Ebersberg) war, im Gepäck zwei Gasflaschen und verschiedenes Werkzeug, darunter zwei Drehregler für Schweißbrenner und vier Rückschlagventile. Das Equipment sollte einem bestimmten Zweck dienen: der Sprengung von Geldautomaten.

Das Amtsgericht Ebersberg verurteilte Clancy N. im August 2021 wegen versuchter Beihilfe zur Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft. Doch er legte Berufung ein und wünschte sich ein milderes Urteil. Nun wurde der Fall noch einmal vor dem Landgericht München II aufgerollt.

Angeklagter spricht von finanziellen Sorgen

Clancy N., der in Curacao geboren wurde, dort als Pool-Boy arbeitete und zuletzt in Rotterdam wohnte, schilderte dem Richter seine damalige Situation. „Ich war arbeitslos, hatte kein Geld und musste im Supermarkt Essen stehlen“, sagte er. Da habe er jemanden getroffen, der ihm das Angebot machte, „dass ich Lachgasflaschen von Utrecht nach München bringen soll“. Er habe sich die Flaschen nicht angeschaut und nicht gewusst, dass es sich um Sprengmaterial handelte, beteuerte er. Für die Fahrt sollte er insgesamt 800 Euro bekommen, davon erhielt er 300 Euro vorab für Essen, Trinken und die Fahrt. „Ich habe auf der Straße gelebt, hatte kaum etwas zum Essen und hatte keine Einsicht in das, was ich gemacht habe.“

Der Vorsitzende Richter Johannes Feneberg merkte an, dass das Sprengen von Bankautomaten in den Niederlanden noch viel gängiger sei als in Deutschland. „Man könnte also davon ausgehen, dass der Transport von Gasflaschen dafür vorgesehen ist.“ „Wenn die sagen, dass es Lachgas ist, muss ich es glauben. Ich kenne den Unterschied nicht“, antwortete der Angeklagte.

Hunderttausende Euro erbeutet

Ein Polizist von der Kriminalpolizei in München berichtete, dass man im Auto von Clancy N. eine „komplette Sprengausrüstung“ fand, nur die Zündvorrichtung war noch nicht dabei. Aber ein Timer, Werkzeug, Handschuhe, Gasleitungen. Im Navi des Autos war eine Adresse in Poing eingegeben. Sie führte zu einer Wohnung, die der Besitzer regelmäßig über AirBNB einige Wochen an „Leute aus den Niederlanden“ vermietete. Nachdem Clancy N. verhaftet worden war, wurde er offenbar schnell von seinen Auftraggebern vermisst. Denn er bekam eine SMS aufs Handy: „Wo bleibst du? Die Herren aus Utrecht warten auf dich.“

Der Polizist sprach auch über die Spreng-Serie, die es bereits in München und Umgebung gab. So wurden etwa in München, Grünwald und Ottobrunn Geldautomaten gesprengt und 160 000 beziehungsweise 350 000 Euro erbeutet. Der Automat selbst kostet an die 70 000 Euro. Ein Haupttäter wurde bereits zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Weitere Prozesse stehen bevor.

In seinem letzten Wort gestand der Angeklagte, dass er „tatsächlich eine Straftat“ begangen habe. „Aber das kam nur durch die schlechte Situation, in der ich mich damals befand.“ Seitdem er festgenommen wurde, habe sich sein Leben geändert. „Ich bitte um die Chance, dass ich ein besseres Leben führen kann.“

Ein halbes Jahr weniger

Tatsächlich änderte das Landgericht München II das Urteil aus Ebersberg ab. Der Niederländer bekam ein halbes Jahr Rabatt. Nun lautet das Urteil auf zwei Jahre und vier Monate Haft. Die wesentlichen Abweichungen zur Verhandlung am Amtsgericht: Nun lag ein Geständnis vor; außerdem erkannten Richter Feneberg und seine Beisitzer nicht so eine hohe kriminelle Energie wie das Amtsgericht. Allerdings liege ein „massives Eigentumsdelikt“ und hohe Gefährlichkeit vor sowie die Beteiligung an einer hochprofessionellen, arbeitsteiligen kriminellen Organisation. Deshalb gab es auch keine Bewährung. Es gehe um „ein Signal und die Verteidigung der Rechtsordnung“. „Von Kurierfahrten sind Sie hoffentlich geheilt“, sagte der Richter.

Auch interessant

Kommentare