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Schluss mit Zölibat und Männerwirtschaft: Pfarrer fordert endlich Kirchen-Reformen - „Wären viele froh“

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Von: Marc Schreib

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Die Kirchenaustritte im Zuge des Missbrauchs-Gutachtens bringen im Landkreis München christliche Ehrenamtlichen zum Verzweifeln. Höchste Zeit zum Handeln, sagen Pfarrer und Pfarrverband.

Landkreis - Am heutigen Donnerstag findet die nächste Zusammenkunft des synodalen Weges statt, der einen Prozess der katholischen Kirche in Gang setzen möchte. Dabei geht es auch um eine Reform der bischöflichen Machtverhältnisse – mit dem Ziel der Demokratisierung und Modernisierung der Kirchenstruktur.

Zur Unterstützung haben Pfarrer Martin Ringhof und weitere verantwortliche Kirchenmitglieder aus „Vier Brunnen“ eine Stellungnahme verfasst (siehe Kasten), die von der großen Mehrheit der Ehrenamtlichen im Verband mitgetragen wird. Die Unterzeichner hoffen auf eine Zweidrittelmehrheit und damit auf einen Erfolg der Bemühungen.

Nach Missbrauchs-Gutachten: Intern vieles schon länger bekannt

Viele Gläubige im Pfarrverband „Vier Brunnen“ sind stark mitgenommen von den Ergebnissen des neuen Gutachtens zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Pfarrer Martin Ringhof: „Man weiß zwar davon schon seit zwölf Jahren, und so manches, was die Öffentlichkeit überraschte, war intern leider schon länger bekannt.“

Die Unterzeichner vermissen einen Ruck, der durch die Kirche geht und die Zeit zum Handeln einläutet. Dem Menschenfischer Jesus reißen die Netze, und während die Pfarrer sich mit Bürokratie herumschlagen müssen, verlieren die Gemeindemitglieder ihren Halt im Glauben. Man habe nicht die Zeit, lange herumzureden, sagt Martin Ringhof. Die Kirche wird ansonsten schrumpfen, und alle, die geistig im 21. Jahrhundert angekommen sind, gehören dann irgendwann nicht mehr dazu.

Die Ehrenamtlichen im Pfarrverband „Vier Brunnen“ stehen auf der Seite von Pfarrer Martin Ringhof und hoffen auf eine Erneuerung der Kirche.
Die Ehrenamtlichen im Pfarrverband „Vier Brunnen“ stehen auf der Seite von Pfarrer Martin Ringhof und hoffen auf eine Erneuerung der Kirche. © Marc Schreib

Nach Missbrauchs-Gutachten: Reformen nicht länger aufschieben

Das Problem ist in seinen Augen, dass in der Kirche zu viel auf Einheit Wert gelegt wird. Das führe dazu, dass eine kleine, sehr laute Minderheit alle Reformbemühungen behindere. Der Pfarrer plädiert für ein Voranschreiten in dem Sinne: „Wir warten nicht, bis auch der letzte kapiert hat, dass es nicht Fünf nach Zwölf ist, sondern später.“ Für ihn spricht nichts dagegen, dass die Kirche eine gewisse Vielfalt spiegelt. In der Gegenwart gebe es sie bereits. In Afrika müssen in der Liturgie die Ahnen angerufen werden, in Deutschland sei diese Praxis nicht gebräuchlich.

Der Zölibat zu Beispiel gehöre nicht zum Kern des Glaubens, warum soll er also in Deutschland nicht zur Disposition gestellt werden? Er hält es für eine Mär, dass sich außerhalb Europas alle Katholiken für das Kirchenmodell des 19. Jahrhunderts stark machen. In Südamerika zum Beispiel erleben ihm zufolge manche Dörfer nur einmal im Jahr eine Messe.

Pfarrer fordert Aufhebung von Zölibat: „Würde Pool an Geistlichen vergrößert, wären viele froh“

„Würde der Pool an Geistlichen vergrößert, wären viele froh.“ Aber Ringhof weiß auch, dass viele Traditionalisten im Falle eine Reformierung Abstand nehmen, Ringhof: „Aber das ist dann halt so. Wenn die Israeliten in Ägypten so lange gewartet hätten mit dem Auszug, bis alle zugestimmt hätten, dann wäre sie heute noch dort.“

In den Pfarrämtern wird jetzt auf dem Anrufbeantworter auf Beratungsstellen verwiesen, die längere Öffnungszeiten haben. Trotzdem, scharenweise treten die Menschen aus. Nicht nur Berufsanfänger, die den Lohnzettel sehen und sich Geld sparen möchten, sondern ältere Menschen, die mit ihrem Gewissen das Handeln der Kirche nicht mehr vereinbaren können.

Die Stellungnahme des Pfarrverbands

„Das am 20. Februar 2022 in München veröffentlichte Gutachten in Bezug auf die Ausübung sexueller Gewalt im katholischen Erzbistum München und Freising hat erneut bei uns persönlich und unseren Pfarrangehörigen und praktizierenden Christen, wie bei vermutlich allen Pfarreien und Pfarrverbänden in unserer Erzdiözese, großes Entsetzen, Scham, Empörung und tiefe Enttäuschung ausgelöst.

Wie im Gutachten zu lesen ist, ist die Ausübung sexueller Gewalt vor allem auch Missbrauch von Macht. Dieser systemische Machtmissbrauch im Kontext der katholischen Kirche wird durch den hierarchisch-autoritären Klerikalismus und der damit fehlenden Gewaltenteilung begünstigt. Seit der ersten Studie im Jahre 2010 sind diese systemischen Missstände bereits bekannt.

Es müssen jetzt Strukturen der Ausübung von Macht in der katholischen Kirche entwickelt und umgesetzt werden, die sexueller und geistlicher Gewaltausübung sowie Fehlentscheidungen der kirchlichen Amtsträger vorbeugen und transparente Entscheidungen im Dienst am Menschen ermöglichen.

Deshalb fordern wir einen verbindlichen Zeitplan für die Umsetzung von grundlegenden Reformen, ungeachtet des einstimmigen Einverständnisses der deutschen Bischöfe und des Vatikans, und unterstützen vollumfänglich die Reformvorschläge des Synodalen Wegs zu allen vier Themenbereichen, d.h. Macht und Gewaltenteilung in der Kirche, Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag, Priesterliche Existenz heute, Abkehr vom Versprechen der Ehelosigkeit, Gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Diensten und Ämtern in der Kirche. Leben in gelingenden Beziehungen, Anpassung des kirchlichen Arbeitsrechts, Neubewertung der ehelichen Liebe und der Homosexualität, Einführung von Segensfeiern für sich liebende Paare.

Wir setzen uns dafür ein, dass in der dritten Vollversammlung des Synodalen Wegs, die vom 3. bis 5. Februar in Frankfurt stattfindet, die notwendigen Schritte auf dem Weg zur Reform der kirchlichen Machtstrukturen beschlossen werden im Sinne einer synodalen Kirche. Wir setzen uns ein für die Reformierung der katholischen Kirche in einer Koalition der Willigen, in der die Heilsbotschaft Jesu Christi spürbar wird, auf allen Ebenen und im konkreten Leben unserer Pfarreien, um der Betroffenen und aller Menschen willen.“

Für Pfarrgemeinderatsvorsitzende Johanna Feldmeier ist die Zeit gekommen, zu erklären: So kann es nicht weitergehen. Die Vorgehensweise im Erzbistum München und Freising im Hinblick auf die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals hätte sie sich im vergangenen Jahrzehnt beherzter gewünscht.

Nach Missbrauchsskandel: Pfarrverband will Zeichen setzen

Die Folgen seien verheerend. Vertrauen werde zerstört in einer Gesellschaft, die durch christliche Werte geprägt ist. „Die Gesetzestexte sind auf den zehn Geboten aufgebaut, und wir selbst treten sie mit Füßen.“ Wenn Moral gepredigt werde in der Kirche, dann sollten sich auch alle dran halten.

Johanna Feldmeier glaubt nach wie vor, dass ein Gott für die Menschen da ist. Die Kirche jedoch sei nicht unbedingt ein Gottesgeschenk, sondern das, was der Mensch aus seiner Religion geformt hat. Irrwege würden nicht nur im christlichen Glauben verfolgt, auch im Islam habe Prophet Mohammed den Fanatismus bestimmt nicht gewollt.

Für Feldmeier ist es aber wichtig, die Fehler einzugestehen und konsequent zu handeln. Der Pfarrverband wolle daher ein Zeichen setzen, die Menschen aufzurütteln und an die Bischöfe heranzutreten mit der Botschaft: „Die letzten zwölf Jahre sind die Augen zu gewesen, jetzt muss sich etwas ändern. Wir sind nicht das unmündige Volk des Mittelalters, Kirche hat heute andere Aufgaben und Werte.“ Diese müssten wieder vermittelt werden.

Nach Missbrauchs-Gutachten: Viele Bemühungen in Pfarreien vor Ort

Die Pfarrgemeinderäte in „Vier Brunnen“ und anderswo versuchen verzweifelt, in ihrer Gemeinde etwas an Leben aufrechtzuerhalten. Unablässig setzen sie sich für Gott und die Botschaft ein. „Dann kommt ein Gutachten und macht die jahrelange Arbeit zunichte“, so Feldmeier.

Die Kirche werde in Gänze mit in Haftung genommen. Dabei unternehme man vor Ort alles, dass solche Missbrauchsfälle unmöglich sind. Da gebe es auch von der Erzdiözese eine Reihe guter Präventionsvorgaben. Aber man müsse auch zurückblicken und den Opfern eine Würdigung zuerkennen, indem ein Rahmen geschaffen wird, darüber zu reden. „Schweigenmüssen ist das Schwierigste.“

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