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Damals hieß sie noch Jacubasch: Sabine Kudera im Dezember 1968 in der Schwabinger Wohnung einer Studienkollegin.

Serie: Die 68er

Die Gesellschaft von unten kennengelernt

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1968 ist mehr als ein Jahr gewesen. Anlässlich des 50. Jubiläums erzählt der Münchner Merkur in einer losen Serie, wie Mitglieder der 68er-Generation die prägende Zeit damals erlebt haben. Heute: Sabine Kudera aus Ottobrunn. 

Ottobrunn – Sabine Kudera muss lachen. Ob sie Kontakt hatte zu den 68ern? Sie erzählt, wie sie damals einen Moment lang Angst hatte und dachte: „Jetzt geht es wieder los!“ Studenten des soziologischen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität versuchten, eine Lehrveranstaltung ihres Professors Karl-Martin Bolte aufzumischen. Die wissenschaftliche Assistentin hatte mit den linken Studenten ihre liebe Not.

Statt brav mitzuarbeiten, wollten sie ausführlich diskutieren, welches Thema überhaupt behandelt werden sollte. „Der Professor und ich versuchten, das Seminar trotzdem durchzuführen“, erzählt die heute 75-Jährige. „Mit anderen Worten: Ich war auf der Gegenseite.“

Vor Wasserwerfern in Deckung gegangen

Das war 1971 in München. Das Beben der 68er erlebte die spätere Soziologie-Professorin und Bürgermeisterin von Ottobrunn nur als Zaungast mit: Als 1968 Demonstranten in Schwabing das Springer-Verlagshaus angriffen, um die Auslieferung der „Bild“ zu verhindern, drückte sie sich in einen Hauseingang: „Ich bin vor den Wasserwerfern in Deckung gegangen. Ich war Augenzeugin, aber nicht aktiv dabei“. Der Aufruhr gegen das Obrigkeitsdenken hatte sie selbst nicht infiziert. „Ich hatte keine Zeit“, sagt Kudera, „ich komme aus einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen.“

Im März 1989 eroberte Sabine Kudera das Ottobrunner Rathaus. Die temperamentvolle Sozialdemokratin war damals 47 Jahre und ziemlich jung für den Posten.

Sabine Jacubasch, wie sie als Mädchen hieß, hatte ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Sie wohnte 1968 in einem möblierten Zimmer zur Untermiete. „Ich war damit beschäftigt, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und mein Studium in acht Semestern zu schaffen.“

In Hamburg-Bergedorf wuchs sie auf. Ihr Vater führte ein kleines Transportunternehmen. Mit 16 machte sie eine Ausbildung zur Auslandskorrespondentin. Das Lernen fiel ihr leicht. Um die private Abendschule bezahlen zu können, arbeitete sie mal in der Brotfabrik, mal in der Papierfabrik, mal als Sekretärin oder Briefträgerin. „Das gefiel mir. Ich hatte so viele Jobs, ich habe die Gesellschaft kennengelernt – von unten!“

Als Externe legte sie am altehrwürdigen Christianeum das Abitur ab. „Sechs Prüfungen an einem Tag. Die Durchfallquote war riesig“, erzählt sie: „Und die Gymnasiallehrer gaben uns das Gefühl, als Dahergelaufene auf illegitimen Weg zum Abitur kommen zu wollen.“

An den kulturrevolutionären Vorgängen nahm die spätere Soziologin nicht teil. WG-Leben, sexuelle Befreiung und Rebellion – „das war ein Thema für vielleicht nur 20 Prozent der Menschen, und wohl eher für besser Gestellte und Ausgeflippte. Da gehörte ich zu 100 Prozent nicht dazu.“ Aufgewühlt hatte sie 1964 allerdings eine Ausstellung: „Es ging um den Widerstand im Nationalsozialismus.“ Als die Foto-Dokumentation vorbereitet wurde, hatte die 22-Jährige gerade einen Hilfsjob an der Universität Hamburg: „Ich habe Bildunterschriften aufgeklebt und Fotos aufgehängt. Rein handwerkliche Tätigkeiten.“ Aber der Mut von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und den Mitgliedern der „Roten Kapelle“ und der „Weißen Rose“ beschäftigte sie. „Dass einige bereit waren, unter Lebensgefahr Widerstand zu leisten!“

Damals tauchten die Fragen zur Vergangenheit der Väter auf: „Mit meinem Vater habe ich ewig diskutiert. Er hatte sich nichts zu schulden kommen lassen, er war nur ein Mitläufer gewesen.“ Bis heute stellt sich Kudera immer wieder die Frage: „Was hättest du gemacht, hättest du den Mut gehabt, dich foltern zu lassen?“

Mitbestimmung und die Durchsetzung der Demokratie wurden damals ein Anliegen für sie. Nachdenklich sagt sie: „Das hat mich wohl politisiert.“ 1965 trat sie im Ortsverein Giesing in die SPD ein. „Ich war Fachschaftssprecherin und wurde auch zur Sprecherin der Fakultät gewählt, die damals von Männern dominiert war.“

Fritz Teufel im Seminar

Wenn aus Berlin Fritz Teufel seine Münchner Kommune-Freunde besuchte, habe sich das schnell herumgesprochen, erzählt Kudera. „Der wurde bei uns aber als Exot angesehen.“ Der Mitbegründer der Kommune I sei hin und wieder im soziologischen Institut aufgetaucht. „Da hieß es dann auf den Gängen: Der Teufel ist da!“ Einmal nahm er an einem Seminar teil, das sie gemeinsam mit Professor Bolte leitete: „Da fletzte er sich mit der Rotweinflasche, während die anderen Studenten verbissen über Marxismus diskutierten.“

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