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Machen wir Euch so viel Angst, dass Ihr uns umbringen müsst? – In Wirklichkeit tötet Ihr Euch selbst!“, hat Melida Meyer (re.) bei der „Black Lives Matter“-Demo am vergangenen Samstag am Münchner Königsplatz auf ihr Protestschild geschrieben. Ihre Freundin bescheinigt Rassisten kleine... nun ja... Egos?

Interview

„Rassismus ist einfach Dummheit“: Darum geht diese Ottobrunnerin für „Black Lives Matter“ auf die Straße

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Auch in München ist es sinnvoll, für die „Black Lives Matter“-Bewegung zu demonstrieren, sagt Melida Meyer aus Ottobrunn. Sie muss immer wieder feststellen: Rassismus gibt es auch in Oberbayern.

Ottobrunn– Melida heißt Meyer mit Nachnamen, wohnt mit ihrer Familie in einer Wohnsiedlung in Ottobrunn und studiert nach einem Schlenker vom Gymnasium über die Realschule zur FOS Psychologie im Dritten Semester. Eine Vorstadtbiografie. Geboren ist die nun 21-Jährige auf Haiti. Weil ihre leiblichen Eltern zu arm waren, um sie großzuziehen, gaben sie sie ins Heim. Mit fünf Jahren kam sie als Adoptivkind nach Oberbayern. Ein Interview über das Anderssein und den Protest gegen die Ausgrenzung.

- Frau Meyer, wir sprechen über Ihre Herkunft und Ihre Hautfarbe. Wie sehr nervt Sie das Thema?

Es nervt mich nicht. Meine Hautfarbe ist immer noch Gesprächsthema und sollte auch angesprochen werden – weil sie leider immer noch einen Unterschied macht. Hier in Deutschland ist es nicht so krass wie in den USA. Aber es gibt schon noch ein wenig diese Ausgrenzung. Du spürst, dass du nicht so wirklich dazugehörst. Das wird zwar liberaler, ist aber immer noch spürbar.

„Das hat mich verletzt“

- Wann haben Sie das zum ersten Mal bewusst erlebt?

So mit elf, zwölf Jahren. Es gab immer mal wieder rassistische Sprüche, manchmal hat mir jemand „Neger“ hinterhergerufen. Das hat mich auch verletzt.

- Passiert das immer noch?

Erst neulich hat eine Frau an der Tram-Haltestelle die Straßenseite gewechselt. Dann hat sie in meine Richtung gespuckt und geschrien: „Was wollt ihr hier? Ihr kotzt mich an! Geht doch zurück!“ Die Leute um uns herum waren entsetzt.

- Wie gehen Sie damit um?

Über die Jahre habe ich gelernt, dass so etwas nichts mit mir persönlich zu tun hat. Die Frau kennt mich ja gar nicht. Anscheinend habe ich etwas in ihr ausgelöst. Ich reagiere gar nicht mehr drauf, das geht hier rein und da raus. Sorry, aber Rassismus ist einfach Dummheit und Unaufgeklärtheit.

„Das nehme ich nicht mehr ernst“

- Bestimmt Rassismus Ihren Alltag?

Nö. Ich bekomme schon die Blicke mit, oder dass mal jemand auf der Rolltreppe ihre Handtasche enger an sich zieht. Aber das nehme ich nicht mehr ernst. Ich finde das lustig, nehme es denen nicht übel. Wir leben im Jahr 2020, es haben anscheinend nur noch nicht alle gemerkt. Es ist eher kurios, wenn andere Mädels auf mich zukommen und Sachen sagen wie „Für ne Schwarze siehst du ja ganz gut aus!“ Was soll das denn bitte heißen?

- Haben Sie sich manchmal, gewünscht, Sie wären weiß?

Als Kind war das schon so. Diese Momente gab es. Mit der Zeit habe ich mich aber lieben gelernt. Heute bin ich stolz. Ich lebe das zu 100 Prozent und lasse mich nicht mehr runterziehen. Es gibt ja auch total positive Begegnungen mit ehrlichen Komplimenten – viel mehr als die negativen zum Glück. Aber Hautfarbe ist auch nicht alles. Die meisten in meinem Freundeskreis sind weiß. Es ist nicht der Kern meiner Identität.

„Gewalt gegen uns Dunkelhäutige geht einfach nicht“

- Die Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung sind in Deutschland angekommen. Wogegen haben Sie am Samstag demonstriert?

In den USA ist das Thema überfällig, George Floyd war ja längst nicht der erste Fall. Es ist auch gut, dass es die ganze Welt aufnimmt und ihre Solidarität zeigt. Dass wir Dunkelhäutige solche Gewalt gegen uns erleben, geht einfach nicht. Das geht einfach nicht. Das gilt aber für alle, nicht nur für die Dunkelhäutigen! Rassismus trifft alle, die anders sind. Mir geht es um die Ausgrenzung.

„Mir kam der Stolz auf unsere Sache zu kurz“

- Demo trotz Corona, ist das okay?

Die Pandemie hat mich nicht so arg betroffen, ich habe keine Angst. Es gibt auch noch andere Dinge, die wichtig sind. Zeitweise habe ich mich auf der Demo aber gefühlt wie auf einer Beerdigung. Die Reden und Schweigeminuten sind ja alle absolut wichtig und in Ordnung. Aber mir kam der Stolz auf unsere Sache zu kurz. Ein bisschen positivere Stimmung, mehr Blick nach vorn, wäre gut gewesen.

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Keine Polizeigewalt - aber mehr Kontrollen

- Zentrales Thema der Proteste ist Polizeigewalt.

Körperliche Gewalt habe ich nicht erlebt. Aber meine Freunde und ich werden unterwegs öfter kontrolliert als andere Gruppen. Weil ich dabei bin. So ist mein Eindruck.

- Für viele ist der Umgang mit Hautfarbe ein sprachliches Minenfeld. Was darf man eigentlich sagen?

Ich bin da nicht penibel, schwarz braun, okay. „Neger“ finde ich nicht okay.

„Bis jetzt kenne ich meine Wurzeln noch nicht“

- Mehr als drei Viertel Ihres Lebens haben Sie in Ottobrunn verbracht. Verbindet Sie überhaupt noch etwas mit Haiti?

Ich fühle mich schon hier angekommen und wohl, aber nicht zuhause. Das Land, in dem ich geboren bin, kenne ich aber auch nicht so wirklich. Das möchte ich unbedingt nachholen. Haiti ist meine Heimat, ich möchte auch dorthin und meine leiblichen Eltern kennenlernen. Bis jetzt kenne ich meine Wurzeln noch nicht.

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