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Taufkirchen hat die großen Unternehmen - doch die Nachbargemeinden profitieren.

Verwirrung um Gemeindegrenzen  

Ottobrunn kassiert Steuern vom Nachbarn

Taufkirchen/Ottobrunn - Jahrelang haben zehn Betriebe ihre Gewerbesteuer irrtümlicherweise nach Ottobrunn überwiesen, obwohl sie auf Flächen der Nachbargemeinde Taufkirchen liegen. 

Der große Flüchtlingsstrom 2015 hat auch im Landkreis München vieles verändert. Doch mit dieser kuriosen Folge hat sicherlich niemand gerechnet: In Taufkirchen haben zehn Betriebe ihre Gewerbesteuer jahrelang fälschlicherweise nach Ottobrunn überwiesen – ohne dass dies im einen oder anderen Rathaus jemanden stutzig gemacht hätte. Aufgefallen ist der Fehler erst, als mit der Flüchtlingswelle neue Flächen zur Unterbringung benötigt wurden – und sich Mitglieder des Taufkirchner Gemeinderats ins nordöstlichste Eck ihrer Gemeinde nahe Ottobrunn aufmachten.

„Damals hatten die Freien Wähler den Antrag gestellt, ein leer stehendes Gebäude an der Lise-Meitner-Straße für Flüchtlinge zu nutzen“, erinnert sich Bürgermeister Ullrich Sander (parteifrei). „Deshalb sind wir hingefahren, um uns das anzusehen.“ Doch siehe da: Besagtes Gebäude stand gar nicht leer. Vielmehr sind dort Mitarbeiter einer Firma mit einem großem „T“ im Namen beschäftigt – und waren vom Besuch der Gemeinderäte einigermaßen überrumpelt. „Dass wir dort jemanden angetroffen haben, hat auch uns sehr überrascht“, erzählt Sander. „Keiner wusste, dass die da sind.“

Denn besagte Firma an der Lise-Meitner-Straße ist in Taufkirchen nicht registriert. Sie überweist ihre Gewerbesteuer seit jeher nach Ottobrunn. Also in die Gemeinde, in der eine „Lise-Meitner-Straße“ offiziell existiert. Das Gebäude liegt zwar auf Taufkirchner Flur, doch die Lise-Meitner-Straße ist auf Taufkirchner Seite nicht gewidmet. „Das werden wir jetzt nachholen“, sagt Bürgermeister Ullrich Sander.

Denn: Das durch Zufall „aufgespürte“ Unternehmen ist nicht der einzige Betrieb, der sich in dem Verwirrspiel um die Gemeindegrenzen zwischen Taufkirchen und Ottobrunn verheddert hat. Ähnlich unübersichtlich ist der Grenzverlauf an der Robert-Koch- und der Christa-McAuliffe-Straße, die teilweise über Taufkirchner, teilweise über Ottobrunner Flur führen.

Der prominenteste Protagonist: Airbus-Chef Tom Enders

Um die Verwirrung perfekt zu machen, galt für Taufkirchen nahe der Gemeindegrenze zu Ottobrunn bis zum 1. Januar 2016 auch noch die gleiche Postleitzahl wie in der Nachbargemeinde: nämlich die 85521. Dass sich insgesamt zehn Betriebe – diese Zahl nennt Ottobrunns Kämmerer Oliver Malina – auf Taufkirchner Grund ansiedelten, ihr Gewerbe aber in Ottobrunn anmeldeten, muss also nicht verwundern. Erst durch die Postleitzahländerung in 82024 Taufkirchen bemerkten die Betriebe, dass sie zur Nachbargemeinde gehören. Damals „haben sich die betroffenen Firmen in den zugehörigen Gemeinden neu angemeldet“, sagt Malina.

„Ikea Brunnthal“ heißt es landläufig. Dabei liegt der Möbelgigant aus Schweden auch auf Taufkirchner Flur.

Der wohl prominenteste Protagonist innerhalb dieses Verwirrspiels ist Airbus-Chef Tom Enders. Bei der Grundsteinlegung fürs Systemhaus „elektrisches Fliegen“ im April begrüßte er in seiner Rede erstmals auch den Bürgermeister von Taufkirchen. „Ich habe heute gelernt, dass Airbus ja auf Taufkirchner Flur liegt und gar nicht in Ottobrunn“, erklärte er.

Seit Jahrzehnten steht der Name „Ottobrunn“ international für einen Hochtechnologiestandort erster Güte – und das vollkommen zurecht. „Messerschmitt-Bölkow-Blom“ (MBB), der Ursprungskonzern der deutschen Luftfahrtforschung in Bayern, wurde 1969 auf Ottobrunner Flur gegründet. Ende der 1980er Jahre ging aus MBB die Deutsche Aerospace (Dasa) hervor, 1998 folgte die Daimler-Chrysler Areospace, die im Jahr 2000 mit Unternehmen aus Frankreich und Spanien zu EADS fusionierte. Mit diesen Veränderungen rückte das Unternehmen geografisch immer weiter aus Ottobrunn heraus. Heute sitzt die Airbus Group komplett auf Taufkirchner Flur, und hat auch seit jeher ihre Gewerbesteuer korrekt dorthin bezahlt.

Nichtsdestotrotz wird Airbus aufgrund seiner Geschichte weiterhin in einem Atemzug mit Ottobrunn genannt. Und auch der 2013 gegründete Ludwig-Bölkow-Campus, ebenfalls auf Taufkirchner Flur, greift schon im Namen die Erinnerung an den Ottobrunner Luftfahrt-Pionier Ludwig Bölkow auf. „International ist und bleibt es der Luft- und Raumfahrtstandort Ottobrunn“, gesteht Taufkirchens Bürgermeister ein. Die Beziehung zwischen beiden Gemeinden solle durch die „zufällige politische Grenze“ nicht belastet werden. Das persönliche Verhältnis zu Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) beschreibt Sander als „sehr ehrlich“. Das Thema Gewerbesteuern sei „auf ganz kleiner Flamme abgewickelt worden“.

In Ottobrunn wird man künftig bei neuen Betrieben ganz genau hinschauen

Heißt konkret: Die zu Unrecht gezahlten Beträge werden aus Ottobrunn „an die Firmen zurückerstattet“, wie Kämmerer Malina erläutert. Diese Summen wiederum kann Taufkirchen dann von den Betrieben nachfordern. Es geht um Steuern, die zwei bis drei Jahre an die falsche Kommune geflossen sind, schätzt Malina. Pro Jahr sei es „wohl ein mittlerer fünfstelliger Betrag“, mit dem Taufkirchen künftig rechnen kann.

Damit sich solche Fehler nicht wiederholen, wird man in Ottobrunn bei neuen Betrieben künftig ganz genau hinschauen. „Das Gewerbeamt wird die angegebenen Adressen in den sensiblen Bereichen prüfen und sich auf einem Plan von der Firma genau das Gebäude zeigen lassen, in dem sie angemeldet wird“, verspricht Malina.

Dabei geht es Taufkirchen bei dieser Geschichte nicht nur um Bares, sondern auch ums Marketing: Die Gemeinde hat ein Interesse daran, als Gewerbestandort genannt zu werden – denn „Airbus“ ist nicht der einzige große Name, von dem die Gemeinde profitieren kann.

Auch Ikea liegt auf Taufkirchner Flur

Bereits 2003 eröffnete der schwedische Möbelgigant Ikea an der B  471 und platzierte seinen blau-gelben Bau direkt auf der Gemeindegrenze zwischen Brunnthal und Taufkirchen (Postadresse: Brunnthaler Straße 1 in 82024 Taufkirchen). Als Standort wird aber seit jeher nur Brunnthal genannt.

Gleiches erlebt Taufkirchen aktuell bei der Errichtung der neuen „Arena“ des Event-Unternehmers Jochen Schweizer. Im Internet wird der Freizeitpark als „Arena München“ vermarktet. Die Gemeinde Taufkirchen wird nur als Autobahnausfahrt genannt, um den Besuchern die Anfahrt zu erleichtern.

Die Bezeichnung „Arena München“ stößt Bürgermeister Ullrich Sander besonders sauer auf: „Ich werde keinen Deut Werbung für Jochen Schweizer machen, solange er nicht von Taufkirchen spricht“, wettert er. Das habe er dem Projektverantwortlichen bereits im Sommer in einem Brief geschrieben. Schließlich gebe es in München bereits eine Arena. „Die ist aber in Fröttmaning.“

Jochen Schweizer München, Ikea Brunnthal, Airbus Ottobrunn: Die großen Namen will Taufkirchen nicht mehr nur den Nachbarn überlassen. Sie sollen als „Zugpferd“ dienen, um Taufkirchen die Ansiedlung neuer Betriebe zu erleichtern. Schließlich hat die Gemeinde – trotz der zu erwartenden Gewerbesteuernachzahlungen – einiges aufzuholen. 2016 belegte Taufkirchen unter den 29 Kommunen im Kreis bei der Steuerkraft pro Kopf den letzten Platz.

Sophia Heyland, Janine Tokarski

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