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Die Mieträder machen das Radfahren im Mü nchner Raum (wie hier am Bahnhof Neubiberg) sehr komfortabel. Aber welche Kosten stehen dem Nutzen eigentlich genau gegenüber? 

Keile auch gegen das Landratsamt

„Keine klaren Belege für Erfolg“: Bürgermeister wettert gegen MVG-Mieträder

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Für geschönt hält ein Landkreis-Bürgermeister die Interpretation, dass die MVG-Mieträder gut angenommen werden. Er fürchtet ein Verlustgeschäft - und dass andere Verkehrsangebote leiden könnten.

Ottobrunn – Im Ottobrunner Gemeinderat hat jetzt Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) spontan eine flammende Rede zum Mietradsystem im Landkreis gehalten. Aus seiner Sicht rechnet es sich nicht. Er nahm dankend einen Hinweis aus dem Gemeinderat auf. Doris Popp (Grüne) hatte angemerkt, dass sich in Pullach das MVG-Mietradsystem erfolgreich etabliert habe, wie in der Zeitung zu lesen sei. Das nahm Bürgermeister Loderer zum Anlass, mit Verve und Lust die Sinnhaftigkeit des Mietradverleihs im Landkreis auf den Prüfstand zu stellen. Im Prinzip, das unterstrich er, sei er ein begeisterter Radfahrer und für die Idee eines Mietradsystems. Aber wie sieht es konkret aus? Soll man heute, hier und jetzt Geld hineinstecken. Auf keinen Fall, findet Loderer.

Loderer: Landratsamt beschönigt Mietrad-Modell aus politischen Gründen

Mit Mikrofon und Feuereifer prangerte der Volkswirt und ehemalige Wirtschaftsjournalist die Deutung über die Beliebtheit der Leihräder an, die nicht nur Pullach vertrete: „Das Landratsamt und alle schreiben von einem Erfolg, wofür keine klaren Belege erbracht werden.“ Das Modell werde aus nicht nachvollziehbaren politischen Gründen auch vonseiten des Landratsamts beschönigt.

In kaum einer Kommune des Landkreises werden MVG-Mieträder so intensiv genutzt wie in Ismaning.

Also rollte Loderer den Fall Pullach auf. Dort könne man an einer einfachen Rechnung ersehen, dass das Modell sich als ein Reinfall entpuppe: Von 2187 Ausleihen im Jahr 2019 ist die Rede. „Wir wissen aber alle nicht, was man unter einer Ausleihe genau versteht.“ Das könne eine Fahrt von 500 Metern meinen oder auch von zehn Kilometern. Dann sei von 36 Rädern die Rede. Das heißt, die 2187 Ausleihen entsprechen sechs Ausleihen pro Tag. Mit anderen Worten: „Jedes Rad wird im Durchschnitt alle sechs Tage ausgeliehen.“ Das klingt für Loderer nicht mehr so erfolgreich.

Kritik an Kosten-Nutzen-Rechnung

Jetzt komme es noch darauf an, wie viel die Gemeinde für diese Nutzung ausgibt: Die Gemeinde Pullach investiert laut Loderer pro Jahr für diese Räder 83 500 Euro – eingeschlossen sind auch die Betriebskosten. Entscheidend wäre also, wie viele Kilometer jede Person gefahren ist. Sie fehlen, aber es gebe statistische Werte. Die Nutzungsdauer eines ausgeliehenen Fahrrads beträgt demnach im Schnitt rund 20 Minuten. Bei 20 Stundenkilometern käme man da etwa fünf Kilometer weit. Begünstigend nimmt Bürgermeister Loderer sechs Kilometer an. Das wären erst einmal knapp 40 Euro Kosten pro Fahrt, die bezahlt werden müssen. „Das ist eine sehr teure Fortbewegungsart und definitiv kein Erfolg.“

Im MVG-Bus investiere man im Vergleich nur ein Fünftel der Summe pro Kilometer. Loderer: „Man muss sich schon die Frage stellen, ob hier nicht ein Ressourcenverbrauch stattfindet. Die Geräte müssten ja auch gewartet werden, es gebe Vandalismus und „die Räder bestehen ja nicht aus Luft“. In Ottobrunn wird das Mietradsystem derzeit nicht angeboten.

Kannibalisieren Mieträder das Busangebot?

Das dürfte vorerst auch so bleiben. Grundsätzlich, erklärt Loderer, sei er nicht gegen die Mieträder, auch wenn deren Anschaffung und Betrieb immer defizitär bleiben würden. Für eine großräumige Verbreitung müssten jedoch Voraussetzungen gegeben sein, die eine Nachfrage in einem Umfang erwarten lassen, dass finanzieller Aufwand und Ertrag wenigstens ansatzweise in einem vertretbaren „gesunden“ Verhältnis stehen. Wie in einer Metropole mit vielen Geschäftsreisenden und Touristen. Loderer: „In Ottobrunn – nach meiner Einschätzung auch in vielen anderen Landkreis-Kommunen – sind diese Voraussetzungen nicht gegeben. In Zukunft höchstens punktuell.“ Aber nicht nur das: Die Mieträder kannibalisieren nach Überzeugung des Ottobrunners bei schönem Wetter das Busangebot und gefährden so gerade schwach ausgelastete Busse, die bei jedem Wetter fahren.

Ein Landkreis steigt um: Immer mehr Leihfahrräder in der Region

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