+
Die Suchttherapeutinnen des Blauen Kreuz in Ottobrunn: Sandra Wendl (29) und Linda Barth (31) helfen Suchtkranken und ihren Familien im Landkreis.

Jedes sechste Kind betroffen

Wenn der Rausch die Kindheit raubt

  • schließen

Sucht ist immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Mit einer Aktionswoche will das Blaue Kreuz mit Vorurteilen aufräumen.

Ottobrunn – Michael, 43 Jahre alt, ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Abteilungsleiter bei einer Versicherung. Er ist aktives Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr und fährt jedes Jahr mit seiner Frau und dem Nachwuchs an die Adria. Eine heile Familie – so scheint es. Doch das gemeinsame Glück trügt. Denn Michael ist alkoholsüchtig. Während Papa nach viel zu viel Feierabendbier täglich teilnahmslos auf der Couch döst, brütet die Mutter am Küchentisch kraftlos an ihrer Zukunftsangst. Und in den Kinderzimmern fließen angesichts der gedrückten Stimmung vor dem Einschlafen immer wieder die Tränen. Den Eltern fehlt längst die Kraft, sie noch zu trocknen. Michaels Geschichte ist zwar erfunden, aber nicht aus der Luft gegriffen. Sandra Wendl, Suchttherapeutin in Ottobrunn, sagt: „Wir gehen davon aus, dass jedes sechste Kind in Deutschland mit mindestens einem abhängigen Elternteil aufwächst.“ Vergleichbare Leidensgeschichten tragen sich also auch im Landkreis München statistisch betrachtet in fast jeder Wohnstraße zu. Doch leider ist Abhängigkeit immer noch ein Tabuthema. 

Aktionswoche zum Thema „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“

Das soll mit einer bundesweiten Aktionswoche vom 9. bis 15. Februar besser werden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den betroffenen Kinder. Mit dem Motto „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“ will der Verein „Nacoa Deutschland“ dem Thema mehr Aufmerksamkeit geben. Das ist auch ein wichtiges Anliegen der beiden Suchttherapeuten Sandra Wendl (29) und Linda Barth (31), die zum festen Team des Blauen Kreuzes in Ottobrunn gehören. Das Zentrum unterstützt suchtgefährdete und abhängige Menschen im Landkreis. 

Wie viele suchtbelastete Familie es zwischen Unterschleißheim bis Aying gibt, ist nicht klar. Alkohol und Cannabis sind als Problemfaktoren häufig vertreten, in manchen Fällen sind aber auch härtete Drogen im Spiel. Meistens sei es jedoch schwierig die Suchtkrankheit zu erkennen. „Die Familien haben ja normalerweise einen geregelten Alltag“, sagt Wendl. Genau deshalb müsse das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommen. 

Der Schritt zur Beratungsstelle kostet viel Überwindung

Hilfe bei der Beratungsstelle zu suchen, kostet Abhängige wie Angehörigen viel Überwindung. „Viele haben Scheu und sprechen das Thema gar nicht an“, sagt Barth. Umso wichtiger sei es, mit Vorurteilen aufzuräumen. Vor allem der Blick der Erzieher und Lehrer soll geschult werden, damit Fälle von suchtbelasteten Eltern scheller erkannt und behandelt werden können. Denn die Angst, dass das Jugendamt die Kinder aus den Familien herausnimmt, ist in der Regel unbegründet. „In den meisten Fällen unterstützen Erziehungsberater vom Jugendamt die Familie“, sagt Barth. „Es geht an allererster Stelle darum, Hilfe anzubieten.“ Auch vor Ort in der Beratungsstelle in Ottobrunn unterstützen die Mitarbeiter Suchtkranke mit offenen Sprechstunden und Therapiegruppen. „Wir bieten eine ambulante Therapie an, das bedeutet, dass die suchtkranken Personen ihren Alltag weiterführen und auch bei ihren Familien bleiben können“, sagt Wendl. Das Blaue Kreuz bietet auch Mutter-Kind-Entwöhnungskuren an. Das Ziel der Suchttherapeuten: „Es ist immer toll, wenn sich der Abhängige für eine Abstinenz entscheidet“, sagt Barth. Manchmal dauert das lange. „Derjenige ist soweit, wenn er soweit ist.“ 

Der „Todespfleger von Ottobrunn“ soll seine Opfer mit Insulinspritzen getötet haben. Im Gerichtssaal zeigt er keine Regung.

Offene Sprechstunden des Blauen Kreuzes 

 Während der Aktionswoche bietet das Blaue Kreuz in Ottobrunn neben der regulären offenen Sprechstunde (Di. 10-11 Uhr) weitere Termine an. Am Donnerstag 13. Februar (15.30-16.30 Uhr) und Freitag 14. Februar (10-11 Uhr) können sich Betroffene und Angehörige bei der Suchtberatung melden. Telefon: 089/ 66 59 35 60.

Als Norbert G. erkannte, dass der Alkohol sein Leben zerstört hat, war er längst nicht mehr in der Lage, allein den Weg aus der Sucht zu finden. Er hat damals Hilfe vom Blauen Kreuz bekommen. Heute hilft er Menschen mit einer ähnlichen Geschichte.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Landratsamt gibt Rat zum Coronavirus - Das müssen Sie jetzt wissen
Aufgrund der Corona-Infektionen hat das Landratsamt München alle relevanten Informationen für die Bürger im Landkreis München auf einem Handout zusammengefasst.
Landratsamt gibt Rat zum Coronavirus - Das müssen Sie jetzt wissen
Sturm Bianca wütet im Kreis München: Landratsamt warnt vor akuter Lebensgefahr im Freien - 130 Sturm-Einsätze
130 Sturm-Einsätze hat die Feuerwehreinsatzzentrale bislang im Landkreis München in der Nacht auf Freitag verzeichnet. Beim Forstwirt bei Harthausen rammte ein Pkw einen …
Sturm Bianca wütet im Kreis München: Landratsamt warnt vor akuter Lebensgefahr im Freien - 130 Sturm-Einsätze
Kripo befragt 50 Klosterschüler: Hitlerbilder und Schlimmeres landet in WhatsApp-Klassen-Chat
Bis zu 50 Schüler sollen aktuell von der Kripo befragt werden. Der Verdacht ist schlimm. Menschenverachtende Inhalte landeten in einem WhatsApp-Klassen-Chat.
Kripo befragt 50 Klosterschüler: Hitlerbilder und Schlimmeres landet in WhatsApp-Klassen-Chat
Im Landkreis München: Supermarkt-Kunde sieht Toffifee-Chaos - und zückt Handykamera
Kurioses Toffifee-Chaos mitten in einem Supermarkt im Landkreis München. Ein Jodel-User hat jetzt ein Foto aus einem Supermarkt geteilt.
Im Landkreis München: Supermarkt-Kunde sieht Toffifee-Chaos - und zückt Handykamera

Kommentare