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Im Garten ihres Häuschens in Ottobrunn genießen Ursula Esau und ihr Mann Lothar gerne die Nachmittagsstunden bei einem Tässchen Tee oder Kaffee.

Ursula Esau ist die personifizierte ÖDP im Landkreis

Das Leben nach der Urkatastrophe

  • Marc Schreib
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ÖDP-Politikerin Ursula Esau wird in einem Monat 92 Jahre alt. Sie denkt darüber nach, sich aus der Politik zurückzuziehen.

Ottobrunn – Es wirkt zunächst alles so friedlich, wenn man bei Ursula Esau und ihrem Mann Lothar zu Hause in Ottobrunn klingelt und die Rankpflanzen im Einklang mit dem menschlichen Bauwerk besieht. Die Natur umspielt die Mauern und hat ein harmonisches Gleichgewicht gefunden, das von der 91-jährigen Atomkraftgegnerin und ÖDP-Ortsvorsitzenden geschätzt wird. In der Pandemie glaubt sie, mehr Vogelstimmen beim Singen unterscheiden zu können, und auch der Himmel sei klarer, weil er nicht durch die Kondensstreifen zerschnitten wird und an Farbe verliert. In Ottobrunn hat die ÖDP Wählerpotenzial.

Die 91-Jährige hört mit großer Verwunderung, wie der Berichterstatter von einem Besuch im Freisinger Land erzählt. Eine Gartenbesitzerin dort machte die Beobachtung, dass zum ersten Mal auf ihrem Teich im Frühling kein Ölfilm klebt, der durch die Kerosinabfälle der Flugzeuge für gewöhnlich verursacht werde. Als Ursula Esau das vernimmt, springt sie mit einem „Aha“ vom Stuhl auf und will die Beobachtung spontan aufschreiben. Ein Steinchen im Mosaik der Umweltaktivistin.

Privilegien für Lufthansa falsch

Was sie in diesem Zusammenhang wütend macht: Die Lufthansa bekommt neun Milliarden Euro Unterstützung ohne Umweltauflagen. „Nur ein paar Landerechte werde ihnen abgeknipst.“ Die Ottobrunnerin hofft inständig, dass die Wahrnehmungen durch den Shutdown eine Politikwende herbeiführen möge. „Wir müssen daraus etwas gelernt haben. Es geht doch nicht, dass die Wirtschaft so weiterläuft wie vor einem halben Jahr.“

Ökodiktatur ein Thema

Sie erzählt von einem Vordenker, Hans Jonas, und seinem philosophischen Hauptwerk „Prinzip Verantwortung“, das sie auf Kur in den 1970er Jahren gelesen hat. Dieser habe sich damals schon mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Umwelt gerettet werden könne. Er habe das durchdekliniert und sei zum Schluss gekommen, dass man „eventuell, vielleicht und unter Umständen“ bis zu einer Ökodiktatur gelangen müsse, um den Klimawandel aufzuhalten.

Tschernobyl: Eine große Angst

Für die Mütter, unter anderem Ursula Esau war Tschernobyl damals eine Katastrophe mit weitreichenden Folgen. Eine Ohnmacht und Hilflosigkeit vor dem Hintergrund, dass in der Politik alles zugedeckt, verschwiegen und verharmlost worden sei. Ursula Esau kann sich daran erinnern, als sie vom Gau erfuhr. Es war der Tag der Trauerfeier um die Schwiegermutter. „Wir waren in Berlin und saßen abends zusammen vor dem Fernseher.“ Ihr Leben nahm zu dem Zeitpunkt eine Wende, die Kinder gingen langsam aus dem Haus. Ursula Esau hat damals in der Altenpflege der Diakonie ehrenamtlich gearbeitet, aber plötzlich wurde das andere viel wichtiger. Sie dachte, Schwestern und Pfleger wird es immer geben, aber in der Frage der Atomkraft, da ist Not am Mann. „Da müssen wir etwas machen.“ Und es gründete sich der Verein Mütter gegen Atomkraft: „Wir hatten darunter eine Physikerin, die Strahlenmessgeräte aufgetrieben hat.“ An die Einzelheiten zu Strahlen und Werten von Caesium und Strontium kann sie sich nicht mehr erinnern. Es war nur eine große Angst, die alle gepackt hatte. „Wir begriffen Tschernobyl als einen Zäsurpunkt der Erdgeschichte. Tja, und wir haben immer noch Atomkraftwerke am Laufen.“ Ganz abgesehen von den Bomben.

Die lange Aufarbeitung

Wenn Ursula Esau an Hiroshima und Nagasaki denkt, bekommt sie ein ganz schlechtes Gewissen. Sie gibt zu, die Tragweite der Verstrahlung ursprünglich nicht verstanden zu haben. „Das war ja so weit weg.“ Und man war mit sich selbst beschäftigt. Überdies gibt sie zu, nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht frei vom Einfluss des Nationalsozialismus gewesen zu sein. „Bis ich schließlich zur Haltung kam, die Richard von Weizsäcker vertrat, hat es lange gedauert, Jahre.“ Dabei habe es doch Hinweise genug gegeben, die einen hätten aufmerksam machen müssen: Ihr Vater war im weißrussischen Minsker Raum Bataillonsführer und musste im Partisanenkrieg für Ruhe sorgen. Es wurden Dörfer durchkämmt, und man fand einen 14-jährigen jüdischen Jungen. Ein Offizier wollte ihn erschießen, ihr Vater verbot das nach eigener Erzählung. Ein paar Minuten später fielen Schüsse, er wurde doch ermordet.

„Wir müssen aufmerksam sein“

Ursula Esau ist im Laufe ihres Lebens sehr aufmerksam geworden. Nicht nur in Hinsicht auf den Nationalsozialismus. Sie stellt sich immer wieder die Frage, „wo müssen wir heute aufmerksam sein, wo geschieht heute größtes Unrecht“. Schuld und Unrecht sind eine unsichtbare Größe. Ihr Blick richtet sich nach Afrika. „Wir nutzen die Menschen aus, in Kamerun und im Sudan.“ Da habe man sich in große Schuld verstrickt, und der Kolonialismus habe nie aufgehört. Hinzu komme nun auch noch China, das viele Ländereien aufkauft, wie Ursula Esau im Eine-Welt-Arbeitskreis für Tansania aus nächster Quelle erfahren hat.

ÖDP und Grüne müssen zusammenarbeiten

Über allem thront der Primat der Natur: Die 91-Jährige hat zu Beginn der Amtsperiode an alle Ottobrunner geschrieben, „dass wir auf die Vogelstimmen hören sollten uns alle dafür einsetzen sollten, dem Klimawandel stark entgegenzuwirken“. Sie freut sich, dass die ÖDP wieder im Gemeinderat vertreten ist und die Grünen so stark abgeschnitten haben („ich halte ja sehr viel von der Tania“). Ursula Esau ist davon überzeugt, dass die ÖDP und die Grünen zusammenarbeiten müssen. „Denn wir sind die Einzigen, die den Umweltschutz ernst nehmen.“

Einen Triumph schreibt Ursula Esau den Atomkraftgegnern zu: Die Anordnung Merkels zur Abschaltung der Atomkraftwerke vor neun Jahren. „Da haben wir in Hohenbrunn demonstriert, und nach der Verlautbarung gab es ein großes Juhu.“ Die Ottobrunnerin ist sich sicher, Merkel hätte das nicht gemacht, wenn es nicht zuvor die jahrzehntelange Arbeit der Atomkraftgegner gegeben hätte. „Denn dann wäre die Stimmung eine andere gewesen.“

In der Ehe auch Unterschiede

Über Maß und Mitte gibt es bisweilen Diskussionsbedarf im Ehebetrieb. Mit ihrem Mann Lothar ist sie oft verschiedener Meinung, wie sie gerne zugibt. „Um es auf den Punkt zu bringen: Er hat mich gewähren lassen.“ Selten wird auch gestritten, und der Ehemann hält manche Ansichten seiner Frau für sehr extrem. Denn ein Land wie Deutschland mit wenigen natürlichen Energievorkommen und Rohstoffen sei davon abhängig, Dinge zu veredeln und Produkte zu verkaufen. Lothar Esau sagt leise und bestimmt: „Von irgendeiner Beschäftigung müssen die Menschen leben.“

Die Jungen sollen helfen

Das Ehepaar lebt seit 1965 in Ottobrunn und hat hier Wurzeln geschlagen. Beide möchten so lange wie möglich im Häuschen wohnen bleiben. Ursula Esau, und das ist erstaunlich, war nie im Gemeinderat vertreten: „Obwohl ich schon beliebt bin, wurde ich nie vorgehäufelt.“ Aber was soll’s. Sie ist jedenfalls praktisch die personifizierte ÖDP im Landkreis München seit Jahrzehnten. Jetzt allerdings plant sie aufzuhören. Wie und wann, da ist sie noch am überlegen. Zu Ostern wurde sie von einer schweren Krankheit heimgesucht. Sie hegt die Hoffnung, dass viele Junge das Feuer weitertragen.

Im Alter frecher

Manchmal findet sie es schade, dass sie nicht jünger ist. Aber sie hat drei Kinder und drei hoffnungsvolle Enkel. Der älteste wird 28 Jahre alt. Mit ihm war sie schon in München auf einer Demo gegen Atomkraft. „Der Bursche ist super, etabliert, klettert in den Bergen und ist bei den Grünen.“ Eine Selbstbeobachtung zum Schluss wollte Ursula Esau zurecht nicht unerwähnt lassen. Sie sei, das bekennt sie kurz und knapp, frecher geworden. „Früher, da war ich sehr rücksichtsvoll und wollte keinem weh tun. Jetzt nehme ich mir die Altersnarrenfreiheit und werde richtig dreist.“

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