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Vogelviertel Ottobrunn: Die Bürger betrachten vor der Sitzung das Planmodell des künftigen Baugebietes. Das Aussehen wird sich ziemlich stark verändern. 

Anwohner sauer

Neue Wohnblocks im Vogelviertel

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Die Anwohner in der Ottobrunner Vogelsiedlung sind aufgebracht. Heute mehr denn je. Sie wollen in ihrem Viertel keine Nachverdichtung.

Ottobrunn – Genau darüber, über eine Nachvedichtung, wurde jetzt im Planungsausschuss diskutiert und abgestimmt. Sie hatten zuvor ein Schreiben an die Gemeinderäte verschickt. Darin ist von einem alten Vertrag die Rede. In einer vertraglichen Vereinbarung zwischen Rechtsanwalt Johann Luginger, der Gemeinde Ottobrunn und der Firma Eichbauer vor über 50 Jahren sei demnach rechtskräftig zugesichert worden, dass der Bebauungsplan aus dem Jahr 1965 nicht geändert werden solle. Aktuell jedoch möchte Bauunternehmer Felix Eichbauer in dem Umgriff auf Erbpacht vier weitere Wohnblocks bauen.

Alter Vertrag nichtig?

Die Mandatsträger stimmten mehrheitlich für einen Aufstellungs- und Billigungsbeschluss. Stefan Buck von der Bauverwaltung versicherte auf Anfrage von Ruth Markwart-Kunas (SPD), dass die Gemeinde damals in den 1960er Jahren nicht befugt gewesen sei, einen Vertrag zu schließen und sich an einen Bauleitplan zu binden. Er sei somit nichtig. Bürgermeister Thomas Loderer: „Wir haben juristisch nichts zu befürchten, der Gemeinderat müsse in seiner Entscheidung immer völlig frei sein in Hinsicht auf städtebauliche Verträge.“ Es gebe keinerlei Verpflichtung, etwas zu machen oder es nicht zu machen. Trotzdem soll auf Antrag von Markwart-Kunas ein Gutachten erstellt werden, das die juristische Sachlage objektiv darstellt und einordnet. Bürgermeister Loderer bat noch explizit darum, dass der alte Vertrag das Abstimmungsverhalten bitte nicht beeinflusst werden solle. Damit war ein Hauptargument der Anwohner und Kritiker der Baupläne vom Tisch.

Neue Zusammensetzung, neues Spiel

Bereits im Oktober 2018 hatte der damalige Gemeinderat über einen Planungsvorschlag positiv abgestimmt, die Grundlage für einen neuen Bebauungsplan und geändertes Baurecht.

Das Besondere an der Sitzung im Wolf-Ferrari-Haus lag nun in der Frage, ob der neu zusammengesetzte Gemeinderat das vorangegangene Konzept unterstützt oder davon abweicht, wie es Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) indirekt formulierte.

Vor sechs Jahren entschied sich der Eigentümer, die Parzellen der dreistöckigen Wohnblocks im Gebiet zwischen Zaunkönig- und Zeisigstraße in Ottobrunn als Eigentumswohnungen zu verkaufen. In diesem Wohngebiet stehen ansonsten Einfamilienhäuser, eine für Ottobrunn typische Struktur. Nun wollen die Besitzer der Eigentumswohnungen (sowie weitere Anwohner) nicht, dass neue Wohnblöcke dazu kommen.

Abstimmung eine Gewissensfrage

Für Tania Campbell (Grüne) war es eine schwer zu entscheidende Gewissensfrage. Aber am Ende überwogen aus ihrer Sicht die Gegenargumente: 40 neue Wohnungen, jetzt schon ein Verkehrsproblem, das sich in Zukunft verschlimmern werde. Die Parksituation vor Ort sei sehr angespannt und würde sich durch mehr Anwohner sicher nicht verbessern. Zusätzliche Flächen würden versiegelt. „Die Bürgervereinigung Ottobrunn (BVO) und ich haben vorgeschlagen, eine mäßigere Nachverdichtung in der Gegend zu verfolgen“, teilt sie in ihrem Internet-Blog mit. Zwei der geplanten Gebäude wären demnach auf dem jetzt schon versiegelten Grundstücken, weshalb sie sich auch zwei Gebäude vorstellen kann.

Ein Verkehrsproblem in dem Gebiet sieht Bürgermeister Loderer keines. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass man an dieser Stelle keine Nachverdichtung zulassen könne. Zwar gebe es wie überall in Ottobrunn zu viele Autos, aber hier nicht mehr als woanders. Die Kernfrage ist aus seiner Sicht: „Wollen wir überhaupt Nachverdichtung? Und ja, hier sei ein geeigneter Ort aus städtebaulicher Sicht.“ In der Abwägung kommt er zum Schluss, dass eine Nachverdichtung gut möglich sei, gerade weil die Grünflächen von mäßiger Aufenthaltsqualität seien. Er sieht den Neubau als Chance auch für die Menschen, die dort leben, das Umfeld qualitätvoller zu gestalten.

Bauvorhaben „zu massiv“

Die BVO sieht das kritisch, in dieser „massiven Form“, wie Reinhard Pohl erklärte. Er würde gerne mehr Grünflächen erhalten und auf zwei Baukörper verzichten. Die Aufstockung um 40 Wohneinheiten auf 228 ist der BVO einfach zu viel. Die Stellplatzsituation sei angespannt. Hinzu kämen die Folgekosten für die Ottobrunner Infrastruktur. Bei den Pflanzungen will Pohl eine Mindestqualität vorschlagen. Die Verwaltung nahm diesen Vorschlag auf, auch Ideen für Photovoltaik und einen Gemeinschaftsraum. Am Ende fiel das Votum mehrheitlich zugunsten des ambitionierten Bauprojekts aus.

Anwohner stinksauer

Die Anwohner sind nach der Sitzung stinksauer. Einer von ihnen, Rolf Rachor, findet, dass über den eigentlichen Punkt viel zu wenig gesprochen worden sei: „Warum man auf Teufel komm raus weiter verdichtet, nur weil ein Investor seit Jahren vor der Tür steht und permanent klopft und Pläne entwirft.“ Das Kernproblem, das an der Stelle eine Nachverdichtung für die Bewohner unerträglich sei, ist für Anwohner Rolf Rachor nicht ausreichend gewürdigt worden. Für ihn eine vertane Chance, politisch enttäuschend.

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