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Stellprobe auf dem Schulhof: Die Theatergruppe am Gymnasium Ottobrunn in den 80er-Jahren.

50 Jahre Gymnasium Ottobrunn

Den Rebellen eine Bühne: So ging es zu am legendären Schüler-Theater des Gymnasiums Ottobrunn

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In den 80ern formierte sich am Gymnasium Ottobrunn eine Schauspieltruppe, die in der Heimatgemeinde für Furore sorgte und Nachahmer in ganz Deutschland inspirierte.

Ottobrunn– Matthias Stein (67) hat daheim in München eine eigene Ecke fürs Theater reserviert. Dort ist jetzt Revision angesagt. Denn lange herrschte kreatives Chaos – auch das Motto seiner Theatergruppe. Heute prüft der Pädagoge den Bestand mit Plakaten, Flyern, Fotos und Zeitungsartikeln. Knapp 30 Jahre unterrichtete er am Gymnasium Ottobrunn, das heuer 50-jähriges Bestehen feiert.

Matthias Stein während seiner Zeit als Theatergruppen-Leiter.

Es war der große Aufbruch in den 1980er-Jahren. Der philosophische Grundsatz der Stein-Jünger: Bloß kein steifes Literaturtheater. Stattdessen Tiefgang, Emotion, Drama. In der ersten Zeit als junger Lehrer war Pionierarbeit gefordert. Matthias Stein schritt voran, im Rücken ein Studium der Theaterwissenschaften. Schon der Vater hatte als Gymnasiallehrer eine Theatergruppe geleitet. Die Voraussetzungen stimmten also. „Für mich war das der Ausgleich zu den ganz fürchterlichen Verwaltungsgeschäften. Es lag mir sehr am Herzen.“

Selbst hat sich Matthias Stein nie auf die Bühne getraut. Auf der anderen Seite, in der Regie, fühlte er sich wohl. Und schließlich hatten seine Zöglinge weniger Lampenfieber. Einer seiner Schüler, Harri Paquin, hat sogar mal ein Angebot fürs Fernsehen bekommen. „Das war der Hit. Wir haben ein ganz böses Stück gespielt, die Dudu-Dada-Show.“ Nachempfunden einer südamerikanischen TV-Show, in der sich die Moderatoren über ihre Gäste lustig machen und sie blamieren. Im Programmheft für das Publikum lagen Taschentücher zum Schniefen. Hinter Steins Programmen stand immer ein Konzept.

Ein Höhepunkt war das Theatertreffen der Jugend in Berlin in den 1980ern. Aus jedem Bundesland kam eine Gruppe. Für Bayern gingen die Ottobrunner mit der „Nummer 27“ an den Start – einem Flüchtlingsstück. Der historische Hintergrund: An der Rosenheimer Landstraße 27 waren die ersten zugeteilten Flüchtlinge in Ottobrunn untergekommen. Die nächsten wurden in Zelten auf der Tartan-Bahn des Gymnasiums Zelte untergebracht.

Keine Angst vor zornigen Politikern

Das Stück provozierte, unter anderem mit Spruchbändern. Zu sehen darauf auch die Worte des damaligen Bürgermeisters von Passau: „Erst klauen sie unsere Fahrräder, dann unsere Frauen.“ Auch der damalige Ottobrunner Bürgermeister, Horst Stähler-May, kam in einem Zitat nicht gut weg: „Wenn sie schon mal da sind, müssen wir sie auch wie Menschen behandeln.“ Diese Zurschaustellung gefiel dem Bürgermeister gar nicht. „Aber ich war aus dem Schneider, der Spruch stand genau so in der Zeitung“, erzählt Stein heute.

Die Nummer 27 wurde als Ottobrunner Fassung nach dem Theatertreffen in Berlin an 48 (!) Schultheatern aufgeführt. „Wir haben nicht auf Tantiemen bestanden“, sagt Stein im Spaß. Und fügt im Ernst hinzu: Die Schultheater hatten kein Geld, außer in Ottobrunn. Die Theatergruppe hatte regelmäßig 2500 Besucher. „Ein Mal haben sie uns die Glastüren eingedrückt.“ Solche Schäden wurden aus der Portokasse bezahlt.

Zeltkonstruktion sehr aufwendig

Die Kulisse war beeindruckend: „Wer zu uns kam, merkte gar nicht, dass er im Freien gesessen hat.“ Eine Zeltkonstruktion mit einem gigantischen Aufwand – wochenlang werkelten die Schüler daran herum. Für jede Inszenierung bauten sie eine passende Bühne. Glücklicher Zufall: Der stellvertretende Schulleiter damals war gelernter Zimmermann, der beim Aufbau des Bühnenportals half. Frei und bis zu sechs Meter hoch stand es im Schulhof. Ein gewisser Risikofaktor bestand bis zuletzt: „Man hat uns einmal eine Abifeier mit 1500 Leuten gesperrt, 30 Minuten, bevor es losging.“ Die Sicherheitsauflagen.

Schüler nächtigten sogar auf der Bühne

Die Voraussetzungen waren nicht ideal, damals – oder vielleicht doch? Es wurde nicht nur gefeiert nach den Aufführungen, die Schüler übernachteten sogar auf den Brettern, die ihre Welt bedeuteten. Sie schufteten stundenlang vor, hinter und auf der Bühne. Tabus gab es fast keine, die Theaterluft fühlte sich gut an. Hochfliegend, tiefgründig, frei. Und jedes Stück wurde intensiv überarbeitet.

Auf einen Triumphzug gelungener Aufführungen folgte eine Pause: Sechs Jahre lang lebte Matthias Stein während der 90er in Kolumbien, unterrichtete Deutsch als Muttersprache einer deutschen Schule. Zu der Zeit, als Kokain-Baron Pablo Escobar sein blutiges Regiment führte und schließlich bei einer Razzia erschossen wurde. Mit dem Schulleben eines bayerischen Gymnasiums ließ sich der Aufenthalt in Südamerika nicht im vergleichen. Im Anschluss hätte Matthias Stein ans Pestalozzi-Gymnasium in München gehen sollen. Aber da in Ottobrunn zu der Zeit sieben Deutschlehrer fehlten, stand schnell fest: „Den Laden kenn ich, da kann ich hin.“ Nach der langen Exkursion in Südamerika brauchte Matthias Stein über ein Jahr, um sich wieder in den Schulbetrieb auf der Münchner Schotterebene einzufinden.

Die Theaterstücke wurden erfolgreich fortgeführt – bis zu einem persönlichen Schicksalsschlag 2001. Der Lehrer erlitt einen Schlaganfall und kam auf die Intensivstation. „Von einer Woche auf die andere musste ich alles aufgeben.“ Stein übernahm Verwaltungsaufgaben im Direktorat bis zu seiner Pensionierung 2016.

Der Zeit ein Stück voraus

Dabei hatte das Team gerade eine Superinszenierung auf die Beine gestellt: „Eins in die Fresse. Gripstheater Berlin“ wurde im Schulhof mit zwei Bühnen und Fahrrädern gespielt – zum Thema Mobbing in der Schule bis zum Selbstmord. Viel Kritik wurde laut. Die Story sei übertriebener Quatsch. Dabei kam es in der Realität noch viel schlimmer: Als drei Mädels vom Hochhaus in Olympiazentrum sprangen, schwiegen die Nörgler schlagartig. Die Schauspieltruppe versuchte, Strömungen frühzeitig aufzugreifen, existenzielle Situationen zu beschreiben. Ein andermal ging es um Genetik und Kinder aus dem Katalog. Künstlich erzeugte Zwillinge, die als Ersatzteillager benutzt wurden. Einfache Komödien waren aus der Stein’schen Werkstatt nicht zu haben.

Die Rahmenbedingungen sind heute andere. „Ich habe noch den Rückumzug von Höhenkirchen nach Ottobrunn begleitet und lebte sechs Jahre in Containern“, erzählt Stein. Er definierte zwei Bevölkerungsgruppen, die in Containern leben: „Flüchtlinge und Schüler.“ Jetzt steht in Ottobrunn eine komplett neue Schule. Das heißt für die Theatergruppe: Es gibt endlich eine Aula, die bespielbar ist. Für andere Gymnasien selbstverständlich, für Ottobrunn etwas Besonderes. Stein ist bei den Proben und Aufführungen weiter dabei: „Die Theatergruppen machen das heute ganz prima“, findet er.

Auch die Ehemaligen ftreffen sich regelmäßig. Obwohl alle verstreut sind – bis in die USA, die Schweiz, nach Irland und Australien. Die Truppe von damals, das sind heute Eltern Anfang 50. Wenn Matthias Stein langen Fahrradtouren unternimmt – wie durch Mittelschweden – und malerische Landschaften durchkreuzt, hat er viel Zeit, um an die wilden Theaterjahre in Ottobrunn zurückzudenken.

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