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Serie: Die 68er-Generation

Nicht zum Kuschen erzogen

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68er durch und durch: Schriftstellerin und Moderatorin Ruth Eder ging für Frieden auf die Straße, kämpfte gegen Wasserwerfer und aufdringliche Männer. 

Ottobrunn – Tack, Tack, Tack-Tack-Tack. Wenn Ruth Eder mit der Hand diesen Rhythmus auf das Holz ihres Tisches schlägt, dann ist es wie der Puls der Vergangenheit. Die Ottobrunner Schriftstellerin verbringt viel Zeit mit den 68ern, eine für sie sehr ambivalente Epoche. Das Klopfzeichen für den Revolutionsführer des Vietkong, Ho Chi Minh, war in den Vorlesungen an der Universität omnipräsent, als linke Studentin blieb es nicht beim Klopfen. Sie ging für Frieden und Flower Power auf die Straße und kam auch „gelegentlich mit Wasserwerfern ins Gehege“.

Ruth Eder erreichte 1968 die Volljährigkeit. Damals hieß das: Sie wurde 21. Ein höheres Töchterchen aus Stuttgart mit Abitur. Und da in der Familie kein Konflikt weit und breit zu erspähen war, suchte sie sich ihn. Die Zeit war reif. „Die Männer, die ich kannte, spielten alle im Tennisclub, und mein Vater war dort Präsident.“ Die Eltern schauten ungläubig, als die junge Ruth mit einem linken, intellektuellen Amerikaner aus New York ankam und ihn auch gleich heiratete. Das Autoritäre, in deutschen Familien die Regel, kannte sie nicht. Der Vater war nicht die Respektsperson wie sonst im schwäbischen Großbürgertum üblich. „Da kam der Daimler-Vorstand nach Hause, und die Gespräche sind verstummt.“ Nicht so bei den Eders. Der Vater krabbelte mit seiner einzigen Tochter („die Maus braucht keine Konkurrenz“) auf dem Boden herum, ein Riesenkerl von 1,90 Meter, und die Mädchen durften ihn frisieren. „Und als Teenager waren sie alle in ihn verknallt.“

Erzogen als Stammhalter

Das Einzelkind wurde nicht zur Frau, sondern auch zum Stammhalter erzogen. Die Emanzenliteratur bestätigte sie nur in ihren „Sowieso-So-Leben“. Ihren Mädchennamen legte sie nie ab: „Ich war eine Emanze und wusste erst gar nicht, was das ist.“ Viele ihrer Studienkolleginnen sammelten One-Night-Stands, weil sie dachten, sie wären dadurch emanzipiert. Dabei kopierten sie lediglich das Männliche, von Emanzipation keine Spur. „Ich wollte das nicht einsehen.“

Also wurde mit 19 Jahren geheiratet. Basta. Das war eigentlich der Gipfel der Spießigkeit in den Augen der Freundinnen. Doch im Gegensatz zum langweiligen Mütterchen-Dasein stand die Maßgabe, zu der die junge Ruth erzogen wurde: „Mach was aus deinem Leben.“ Das schloss die Selbstverwirklichung mit ein. „Ich hockte ja nicht etwa neben meinem Mann.“

Ruth Eder bei sich daheim in Ottobrunn.

Ruth Eder taugte nicht als Untertanin. Mit freundlichen, aber entschlossenen Worten erklärte sie ihrem Mann: „Ich wohne nicht in einem Kaff bei dir in Atlanta, in Mineral Wells. Wir haben es Miserable Wells genannt.“ Dort musste er für seine militärische Pilotenausbildung einige Zeit verbringen. Dabei fand sie es schön und genoss es auch, ein paar Wochen lang mit dem blauen Mercury durch die Südstaaten zu cruisen. Plötzlich hielt sie die Polizei an: „Sie können aber nicht die Bierkisten da hinten frei herumfahren.“ Also musste eine Decke drüber.

Die Schriftstellerin fand es toll, zwischen zwei Welten zu pendeln. Die Fluglinie war billig. „Ich kannte die Beschränkungen nicht, die normale Frauen hatten.“ Selbstverständlich trug sie auch keinen Ehering und nahm es als Kompliment, wenn ihr Mann zu ihr sagte: „You’re thinking like a man.“

Ehe scheitert an Vietnamkrieg

Die romantische Ehe ging nach kurzer Zeit in die Brüche. Schuld daran war der Vietnamkrieg. Ihr Mann ließ sich aus einem Abenteuergeist heraus zum Piloten ausbilden und wollte wohl in die Fußstapfen von Ernest Hemingway treten, der am spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hatte. Kurz darauf musste der Amerikaner tatsächlich zum Einsatz. Das Paar schrieb sich jeden Tag. Ab Tag drei trübte sich die Stimmung, den Schrecken wird der junge Abenteurer nicht verwinden.

In München ging Ruth Eder währenddessen zum Waiting Wife’s Club. „Furchtbar, spießiger geht’s nicht.“ Die amerikanischen Offiziersgattinnen erschienen mit Betonfrisur à la Doris Day, Hausfrau-Ikone aus dem US-Film der 1950er Jahre. Sie luden sich reihum zu Tee und Muffins ein und waren unglaublich wohlerzogen. Die Strumpfhosen wurden bei 40 Grad in der Hitze getragen: „Man ging ja nicht mit nackten Beinen. Pfui.“ Ruth Eder kam einmal in die Giesinger Mc-Graw-Kaserne ohne BH. „Da sind die Mienen vereist.“ Zu der Zeit hat sie nicht nur studiert, sondern auch gemodelt. Die Ottobrunnerin war gut im Geschäft, die Honorare ordentlich. Warum? „Vor 50 Jahren gab es kaum Türkinnen in Deutschland.“ Ruth Eder mit ihrem dunklen Teint war sehr gefragt. Stil Zigeunerin, mit übergroßen Ohrringen. In weiten Röcken lief sie einmal die Leopoldstraße auf und ab. „Da haben mich vier Fotografen angesprochen.“

Bedrängt im Heustadl

Das machte Spaß, hatte aber auch eine Kehrseite. Ein Modeljob für Pushkin-Werbung in irgendeinem Heustadl in Oberbayern lief aus dem Ruder. Plötzlich waren alle besoffen, und der Fotograf hatte offenbar vor, dass sich das zu einer Art Orgie entwickelt. „Ich bin sofort aufgestanden: Den Scheiß könnt ihr hier alleine machen und bin abgerauscht.“ Auch beim Film hatte sie kleinere Rollen und spielte in einer Fernsehserie mit. Ein französischer Starschauspieler bat sie in seine Garderobe. „Der kam mir dann im offenen Bademantel entgegen.“ Im Zweifel besitzt Ruth Eder als Tennisspielerin eine ausgezeichnete Vorhand. Das demonstrierte sie bei einer Zeitung, für die sie arbeitete. Als ein Redakteur ihr unvermittelt an den Busen grabschte, kam diese Vorhand zum Einsatz – 68er hin oder her.

„Frauen waren nur für Sex da“

Die Ottobrunnerin kann gar nicht verstehen, wie Frauen 20 Jahre lang kuschen und nichts sagen, sich jetzt mit Verspätung zusammenrotten und „Me too“ rufen. „Ich bin nicht domestiziert worden in meiner Erziehung zu einer Frau, die kuscht.“ Sie findet, dass heute von den berühmten Kommunen der 68er ein völlig falsches Bild überliefert ist: Die Frauen seien dort keineswegs gleichberechtigt gewesen. „Sie hatten dort gar nichts zu sagen. Die haben bedient, waren für den Sex da und fertig.“ Von Befreiung keine Spur.

68 hat auch viel mit Ernüchterung zu tun. Das düsterste Kapitel bleibt der Vietnamkrieg. Als Ruth Eders Gatte aus dem Krieg zurückkam – hochdekoriert mit allen möglichen Orden wie „Medal of Honor“ – steckte er alles mitsamt seiner Parade-Uniform am Flughafen in New York in den Mülleimer. Seine Form des Protests gegen den Krieg. Später wird Präsident Nixon den erlösenden Satz sprechen: „Bring the boys home.“

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