Das Buchcover von Ruth Eders Neu-Edition zu Ich spür noch immer ihre Hand
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Das Buchcover von Ruth Eders Neu-Edition zu „Ich spür noch immer ihre Hand.“

Autorin Ruth Eder bringt Neu-Edition heraus

Trauerbewältigung: Schicksalsende besser zu zweit

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Das Wort Pflichtlektüre klingt ein wenig steif. Die neue Edition von Ruth Eders Werk „Ich spür noch immer ihre Hand“ im Verlag Noack & Block ist trotzdem Pflicht.

Ottobrunn – Das Buch richtet sich an jeden, der seine Geschichte zu den eigenen Eltern aufarbeiten möchte und unter Umständen nicht mehr viel Zeit hat, weil die Mutter im Sterben liegt oder der Weg dorthin nicht mehr allzu weit ist. Im Grund wendet sich das Buch mit Erstauflage 2007 im Herder Verlag speziell an Frauen jeden Alters. Denn es ist doch das intime Band, gesponnen aus Geburt, Leben und Tod, das in dieser Intensität nur zwischen Mutter und Tochter geknüpft werden kann. Trotzdem sollten sich auch die Söhne nicht abschrecken lassen.

Eder hat den Tod ihrer eigenen Mutter auch nach 28 Jahren nicht endgültig überwunden und wenige Jahre zuvor den Tod ihrer Großmutter erlebt, mit der sie ebenfalls eng verbunden war. Das Sterben wird seit Generationen in der Familie begleitet, und so soll es fortdauern. Wenn es chronologisch weitergeht, das fasst sie ins Auge, wird sie die nächste sein, die sterben wird. Sie hofft nun auch, dass ihre Tochter sie beim Sterben begleiten wird.

Ein weiterer Grund, weshalb Leserinnen angesprochen sind: Die Betreuung der Eltern gerade in den letzten Monaten übernehmen zumeist die Töchter, und auch die Hospizarbeit wird in der Regel von Frauen geleistet.

Tod aus Gesellschaft ausgeblendet

Im Vorwort ergreift Ruth Eder Partei für eine persönliche Sterbebegleitung. Sie kritisiert das Ausblenden des Todes aus der Gesellschaft. Alles, was damit in Verbindung steht, werde aussortiert. Immerhin habe die Hospizbewegung Fortschritte gebracht. Dass etwa die ambulanten Pflegedienste ausgebaut wurden und dass es Bemühungen gibt, die Betreuung wieder nach Hause in die vertraute Umgebung zu verlagern, findet sie erfreulich.

15 Interviews mit Töchtern

Das Buch will aber nicht mit Zahlen reüssieren, sondern lebt von seiner konkreten Konfrontation von Tochter und Mutter während der Zeit der Auflösung und des Schicksalhaften, ausgehend von einer sehr persönlichen, unendlich tiefen Erfahrung. All dies tritt in den 15 Interviews zu Tage.

Es sind Frauen unterschiedlichen Alters, die vom Tod ihrer Mutter erzählen. Teilweise sehr jung. 19, 20 Jahre alt. Die meisten befinden sich in der Lebensspanne zwischen 50 und 70 Jahren. Dabei hat Ruth Eder längst nicht alle Interviews aufgenommen, sondern die 15, die sie am meisten berührt haben. Besonders erschütternd sind die Berichte, in denen sich Mutter und Tochter bis zum Tod nicht mehr annähern und selbst am Sterbebett nicht zu einer Versöhnung gefunden haben. Aber es gibt auch die schönen Fälle, in denen beide Tür an Tür wohnen, täglich miteinander frühstücken oder zehnmal am Tag miteinander telefoniert haben. Zwischen Nähe und Distanz findet sich die komplette Bandbreite.

Man verlässt dieses Buch mit dem Gefühl, ziemlich viel mehr zu verstehen als vorher. Diesem Ziel, das Ruth Eder selbst in ihren Schlussgedanken formuliert, ist sie in diesem einfühlsamen Buch wahrlich sehr nahe gekommen. Es darf auch geweint werden. Und eine Bitte: Wenn die Tochter merkt, dass ihre Mutter älter und gebrechlicher wird, dann schon sollte die Beziehung aufgearbeitet werden.

Neues Projekt

Ruth Eder rastet nicht. Ihr neues Projekt ist eine Fortsetzung ihrer komödiantischen Romane „Altweibersommer“ und „Älternabend“, die voraussichtlich als Trilogie übers Älterwerden und seine lächerlichen Seiten zusammen mit dem dritte Teil „Evergreen“ neu erscheinen werden. Ihr Verlag Noack & Block in Berlin wartet schon darauf.

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